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Tatortreiniger : Keine Angst vor Blut und Larven

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ob Messiwohnung oder Verbrechensschauplatz: Als Einziger in Mecklenburg-Vorpommern räumt Tatortreiniger Ralf Starck auf, wenn es anderen zu eklig wird

von
erstellt am 07.Feb.2015 | 15:45 Uhr

Als Ralf Starck an dem Tatort in der Suchtklinik für Alkoholkranke ankommt, ist überall Blut zu sehen. Die weißen Fliesen im Bad sind mit der roten Substanz überzogen. Im Waschbecken liegt noch die Scherbe, mit der sich der Mann, der hier bis vor Kurzem wohnte, erst die Puls- und dann die Halsschlagader aufschlitzte. Hinterlassen hat er einen Abschiedsbrief: „Ich entschuldige mich dafür, dass ich diesen feigen Tod wähle.“

Die Leiche des Mannes ist bereits abtransportiert, der Brief liegt noch da. „In solchen Fällen denke ich über das Schicksal der Menschen nach. Was ist ihnen passiert, dass sie keinen anderen Ausweg als Suizid sehen? Normalerweise versuche ich, solche Gedanken nicht an mich ranzulassen“, sagt Ralf Starck. Der Güstrower ist Tatortreiniger – der einzige in ganz Mecklenburg-Vorpommern.

Sein Geschäft ist der Tod. Er macht sauber, wenn jemand stirbt. Er entsorgt Erinnerungen. „Wenn ich Wohnungen entrümple, nehme ich den Angehörigen eine Last ab. Sie müssen sich nicht selber da-rum kümmern.“


Wenn aus dem Ehestreit Selbstmord wird


Bevor er vor knapp zwei Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, war er Bestatter. „Ich hatte immer mit viel Leid zu tun, mit trauernden Menschen“, erzählt er. An seiner Faszination für den Tod habe das nichts geändert. Bestatter zu sein, sei immer sein Traumjob gewesen. „Jeder Mensch hat eine Berufung und das ist meine“, beteuert Starck.

Doch dann wurde er arbeitslos. In ein emotionales Loch zu fallen, ließ er nicht zu. „Ich habe überlegt, was ich machen kann. Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag in einem Büro sitzt oder tagein tagaus Fliesen verlegt.“ Er kaufte sich eimerweise Schweineblut, verschüttete es und suchte anschließend Mittel für die Reinigung. „Kopfschmerztabletten sind gut geeignet, um Flecken zu entfernen“, verrät Starck. Mit der Idee, Tatortreiniger zu werden, stellte er sich bei der Agentur für Arbeit vor – und wurde finanziell unterstützt.

Sein erster Tatort war eine Wohnung in Güstrow. „Dort hat ein Mann etwa eine Woche tot gelegen, bevor man ihn fand. Die Wohnung war verwahrlost, der Geruch penetrant“, erinnert sich Starck. Er habe alles entrümpelt und gereinigt. „Nach einigen Stunden war von der verwahrlosten Wohnung nichts mehr übrig. Alles sah wie neu aus“, so Starck.

Die NDR Fernsehserie „Der Tatortreiniger“ sei weit von der harten Realität entfernt. Sein Job ist größtenteils anonym. Anders als „Schotty“, der Hauptdarsteller der Serie, kommt er nur selten mit Angehörigen in Kontakt und wenn, dann hauptsächlich übers Telefon. Seine Auftraggeber seien in erster Linie Geschäftskunden wie Wohnungsgesellschaften. Für sie ist Starck immer erreichbar, 24 Stunden täglich an sieben Tagen der Woche. Sein Job ist anstrengend, nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Wenn er Wohnungen entrümpelt, findet er häufig persönliche Dinge. Urkunden, Medaillen, Fotos. „Einmal bin ich an einen Tatort gekommen, an dem kurze Zeit vorher ein Kindergeburtstag stattfand. Überall hingen Luftballons und Girlanden. Der Mann hatte sich mit seiner Frau gestritten und sich umgebracht.“

Mit Suiziden habe Starck gelernt umzugehen. Zu oft seien sie der Grund, weshalb er zu Tatorten gerufen wird. „Irgendwann vollzieht sich in dem Leben dieser Menschen ein sozialer Abstieg, sie fangen an zu trinken, nehmen Drogen, einige vereinsamen“, so Starck. Vor ein paar Wochen hätte er einen Anruf von einer jungen Frau bekommen, die seit einem halben Jahr nicht mehr mit ihrem Vater gesprochen hat. „Sie hat sich Sorgen gemacht. Als ich bei der Wohnung ankam, habe ich schon gerochen, was passiert war. Der Mann lag vier Monate tot in seiner Wohnung“, erzählt Starck. Bei Leichenfunden arbeite er immer mit einem richterlichen Beschluss. „Wenn feststeht, dass es sich um einen natürlichen oder selbst verursachten Tod handelt, komme ich zum Einsatz“, erklärt Starck. Nur so sei auszuschließen, dass er den Tatort für spätere Polizeiarbeit zerstört.

Neben Tatorten bereinigt Starck auch Messiwohnungen. Seit etwa einem Jahr arbeitet er mit einer Firma zusammen, die sich um Haushaltsauflösungen kümmert und ihm regelmäßig Aufträge für stark verschmutzte Wohnungen übermittelt. Ekel empfindet Starck bei der Reinigung nur selten, weder vor Blut, noch vor Larven. Lediglich der Geruch von Fäkalien bleibe lange in der Nase hängen. „Da hilft nur die Flachatmung durch den Mund.“ Auch wenn der Gestank bestialisch ist, erledige Starck seinen Job immer zu 100 Prozent – egal wie lange die Tatortreinigung dauert. Dabei achtet er auch darauf, sich selbst ausreichend zu schützen. Gerade in Messiwohnungen sei aufgrund der hohen Keimbelastung Vorsicht geboten. „Ich benutze die gleichen Schutzanzüge wie die Polizei“, sagt Starck.


Anerkannter Desinfektionator


Für die Reinigung von Tatorten ist Ralf Starck optimal ausgestattet. „Ich kann nicht einfach mit einem Schrubber ankommen, das ist unprofessionell“, sagt der staatlich anerkannte Desinfektionator. Stattdessen arbeite er unter anderem mit Schwarzlicht oder Ozongeräten. „Durch das Dreifach-Sauerstoffatom können alle Gerüche zerstört werden“, erklärt Starck.

Seine Materialien lagert der Tatortreiniger in einem Büro in Güstrow. Noch in diesem Jahr will er eine zweite Kontaktstelle in Rostock einrichten. Sein Mitarbeiterteam soll sich vergrößern. „Derzeit habe ich zwei Helfer“, so Starck. Mit ihnen allein sei die Auftragslage aber kaum zu bewältigen. Schließlich ist der Güstrower nicht nur in MV auf Achse, sondern auch in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Brandenburg. Wenn er mit seinem Firmenwagen vorfährt, ist er kaum zu übersehen. Ein riesiger Fingerabdruck schmückt den Lack, darunter steht in großen Lettern das Wort Leichenfund. „Ich bin eben der Mann aus CSI Güstrow“, scherzt Starck. „Der Tod ist mein Geschäft“ – auch wenn es dabei manchmal sehr blutig zugeht.

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