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Bildungsdebatte Teil II : Keine Ahnung vom Alltag?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

An der Regionalen Schule Zehna diskutieren Schüler über Sinn und Unsinn von Lernstoff

Keine Ahnung vom Alltag, aber bei Gedichtinterpretationen fit wie ein Turnschuh: Nachdem wir gestern in unserer Bildungsdebatte Minister, Landeselternrat und Lehrer zu Wort kommen ließen, sind wir heute in der Regionalschule in Zehna zu Gast. 340 Schüler lernen hier, das Einzugsgebiet südlich von Güstrow umfasst 40 Orte. Sogar in der Kreisstadt hat die Ganztagsschule von Klasse 1 bis 10 ihre Fans. Darauf ist Schulleiter Karsten Hill besonders stolz- „Landschule lebt“ steht auf der Homepage im Internet.

Und: „Wir sind Charlie“. Derzeit sind die Schüler der höheren Klassen dabei, eine Sammlung für Flüchtlingskinder zu organisieren. Eltern, der Schulverein, Unternehmen in den Dörfern sollen angesprochen werden. Wer die Diskussionen darüber erlebt, der hat nicht den Eindruck, als ob die Schüler fern vom Leben, in Treibhausatmosphäre gedeihen.

Schulleiter Karsten Hill, Pferdeschwanz-Typ, Windsurfer, Rammstein-Fan, diskutiert in der AWT-Stunde mit den Schülern über die Twitter Botschaft der 17-jährigen Naina aus Köln. Sie hatte beklagt, keine Ahnung von Miete, Versicherungen und Steuern zu haben. Seine Erfahrung: „Kinder sind heute häufig von Beruf Tochter oder auch Sohn.“ Dem setzt Hill seinen Unterricht entgegen: Wie kaufe ich ein? Welche Versicherungen sind Pflicht, welche braucht man nicht? Was kostet eine Wohnung? Lebensunterricht.

5. und 6. Stunde in der 10. Klasse: Die Schüler hier wollen Polizist werden, zahnmedizinische Assistentin, Astrophysiker oder Wasserversorgungstechniker. Bereitet der Unterricht auf dieses Leben vor? Justus: „Ich war eine Zeitlang am Gymnasium. Also da wurde der Stoff einfach durchgepeitscht. Entweder man hat’s kapiert, oder man war verloren. Hier haben wir sogar Hauswirtschaft.“ Michelle: „Das ging mir auch so. Aber es hängt auch immer vom Lehrer ab. Einige ziehen den Stoff so durch, andere waren prima.“

Aber auch an der Regionalschule in Zehna haben die 16- und 17-Jährigen ihre Meinung zu Nainas Tweet. Beatrice: „Wozu brauche ich im Leben, wie man die Fläche der Sonne berechnet?“ Justus: „Meiner Meinung nach kann man sich in Mathe Vieles schenken. Wozu brauche ich die dritte Ableitung einer Differenzialrechnung?“

Auch wenn Lehrer Hill zu bedenken gibt, dass es doch zumindest schon mal gut sei, dass man überhaupt um solche Formeln weiß, überzeugt das den Jungen nicht wirklich, wie seinem Minenspiel zu entnehmen ist. Meike sieht das differenzierter: „Ob eine Information relevant ist oder nicht, das hängt doch vom Typ ab. Der eine will das gerne lernen, um es zu wissen, den anderen interessiert es nicht, weil er schon jetzt weiß, dass er so etwas nie braucht.“ Meike will pharmazeutisch-technische Assistentin werden. Lena lässt das nicht gelten: „Ich frage mich bei Vielem in Chemie oder Physik: Wozu brauche ich das? Und wenn es soweit kommen sollte, habe ich den Stoff garantiert längst vergessen.“ Lucas, der findet Musik komisch: „Man sollte die Hauptfächer verstärken und die Nebenfächer ganz abwählen können. Warum muss ich Noten lernen?“ Karsten Hill, der wohl alle Rammstein-Songs mitspielen kann, lässt das Wort „Kreativität“ fallen und trifft bei Justus auf offene Ohren: „Allgemeinwissen braucht man in allen Fächern. Es ist gut, von Vielem wenigstens einmal gehört zu haben. Die Nebenfächer sollten Grundlagen vermitteln. Die Hauptfächer sollten umfangreicher sein.“ Wahlunterricht fänden viele in der Klasse gut.

Bei Karsten Hills Unterrichtsfach, AWT, sind sich hingegen alle einig. Maximilian: „In der 8. Klasse mussten wir mal ein eigenes Haus entwerfen, mit Fußbodenbelägen, mit Tapete und mit Farbe. Das musste alles berechnet werden, Flächen, Tapetenbahnen, wie viel Farbe. Das kann ich noch heute.“ Arne berichtet: „Kürzlich waren wir zwei Stunden lang auf Wohnungssuche in Rostock. Wie teuer sind die Mieten? Was muss man für Strom rechnen? Was kann ich mir vom Lehrlingsgeld leisten? Das war nicht nur spannend, sondern auch richtig praktisch.“ Auch Anne nennt ein Beispiel: „In Deutsch haben wir Bewerbungen geschrieben. Das war richtig gut.“

Karsten Hill braucht sich offensichtlich mit seiner Schule nicht zu verstecken. Obwohl auch er sagt: „Das erste Erziehungsrecht und die Erziehungspflicht liegen bei den Eltern.“ Das steht sogar im Schulgesetz.

 

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