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Schweriner Lottospieler mehrfach abgewiesen : Kein Lottoschein bei Hartz IV?

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Ist Lottospiel eine Sache für Wohlhabende? Marcel Hacker kann es noch immer nicht fassen: Der Schweriner hatte einen Lottoschein ausgefüllt. Da er aber Hartz-IV-Empfänger sei, durfte er nicht mitspielen.

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erstellt am 08.Jul.2011 | 08:48 Uhr

Schwerin/Rostock | Ist Lottospiel eine Sache für Wohlhabende? Marcel Hacker kann es noch immer nicht fassen: Der Schweriner hatte Anfang Juli einen Lottoschein ausgefüllt - sechs Tipps, Super 6 und Spiel 77. Die Mitarbeiterin einer Lottoannahmestelle auf dem Großen Dreesch hatte den Schein schon maschinell eingelesen, erinnert sich der 29-Jährige. "Und dann sagte sie plötzlich: Moment, ich möchte erst wissen, ob Sie Hartz-IV-Empfänger sind oder ob Sie Arbeit haben." Der langzeitarbeitslose junge Mann antwortete wahrheitsgemäß - und bekam umgehend Tippschein und Geld zurück. Hartz-IV-Empfänger dürften nicht Lotto spielen, beschied ihn die Frau.

Marcel Hacker, dem man den Hartz-IV-Bezug auch auf den zweiten Blick nicht ansieht und der schon früher Lotto gespielt hatte, wenn er Geld erübrigen konnte, wollte nicht klein beigeben. Doch auch im Stadtzentrum wurde er seinen Schein nicht los. Diesmal antwortete er auf die Frage, womit er seinen Lebensunterhalt bestreiten würde, dass er arbeite - schließlich tut er das wirklich, wenn auch ehrenamtlich, im Mehrgenerationenhaus am Dreescher Markt. Dort betreut er unter anderem Computerkurse für Senioren. Doch auch diese Halbwahrheit führte nicht weiter. Er möge das mit seinem Arbeitsvertrag nachweisen, forderte die Angestellte der Lottoannahmestelle nämlich. Seine Bemerkung, dass doch kein Mensch ständig den Arbeitsvertrag bei sich hätte, konterte sie mit der Aufforderung, er möge ihn dann von zu Hause holen. Erst da gab Marcel Hacker auf.

Schon seit 2004 ist der Schweriner arbeitslos. Nach der Ausbildung zur Bürokraft hatte er nur wenige Monate gearbeitet. ABM, Ein-Euro-Jobs, eine Weiterbildung zum Bürokaufmann - alles habe er versucht, um trotz seiner 60-prozentigen Schwerbehinderung wieder in Arbeit zu kommen, beteuert Marcel Hacker. Als sein Praktikum im Mehrgenerationenhaus nicht verlängert werden konnte, fing er dort ehrenamtlich zu arbeiten an. Seine Kollegen um Leiter Ulrich Planken sind sehr mit ihm zufrieden. Umso mehr erboste es sie, wie ihrem Helfer mitgespielt wurde. Hartz-IV-Empfängern das Lottospiel zu verweigern, sei eine Stigmatisierung, meint Ulrich Planken. Schließlich würde Marcel nicht exzessiv spielen. Und: Sich Wünsche und Lebensträume erfüllen zu wollen, sei doch verständlich - gerade bei Leuten, die nicht in einer Traumwelt leben.

Barbara Becker, Geschäftsführerin der Verwaltungsgesellschaft Lotto und Toto MV, betont dagegen, die Mitarbeiter in den Annahmestellen hätten alles richtig gemacht. Der Glücksspielstaatsvertrag verpflichte sie dazu, Personen die Spielteilnahme zu verweigern, bei denen es konkrete Hinweise darauf gäbe, dass sie spielsuchtgefährdet oder überschuldet sind, ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen oder Spieleinsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen. Natürlich hieße das nicht, jetzt jeden nach einem Einkommensnachweis zu fragen. Aber Hinweise durch Dritte oder Dinge, die Kunden in den Annahmestellen sagten, müssten ernst genommen werden, betont Barbara Becker. Erst jüngst seien die Lottogesellschaften in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gerichtlich belangt worden, weil sie trotz solcher Hinweise Sportwetten verkauft hatten. Ein privater Konkurrent hatte Testkäufer in Annahmestellen geschickt, die sich dort laut über Geldprobleme und ihren vermeintlichen Hartz-IV-Bezug unterhalten hatten. Hierzulande, so freut sich die Lotto-Chefin, hätten solche Testkäufer offenbar keine Chance.

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