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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 09:01 Uhr

"Kein Held nicht"

vom

svz.de von
erstellt am 09.Mär.2012 | 09:32 Uhr

Spremberg "Das Leben lebt vom Wandel", bemerkte einst Esau Matt, der Held aus dem Strittmatter-Roman "Der Laden".

In Spremberg, wo der Dichter am 12. August 1912 geboren wurde, streiten Lokalpolitiker seit langem, ob eine Ehrung zum 100. Geburtstag Strittmatters angebracht wäre. Der Vorwurf, "der Staatsdichter" habe seine Militärbiographie gefälscht und sei später zu DDR-Zeiten ein Stasi-Spitzel gewesen.

Der Leipziger Verleger Joachim Jahns hat gründlich zu diesen dunklen Kapiteln in Strittmatters Leben recherchiert und die Ergebnisse in seinem Buch "Erwin Strittmatter und die SS" veröffentlicht.

Der Schriftsteller selbst wollte nach dem Krieg wenig Auskunft über seinen Militärdienst geben. Akten belegen, dass er sich im April 1940 in Saalfeld freiwillig zur Schutzpolizei gemeldet hatte. Diese unterstand der SS, der formelhafte Vermerk auf der Musterungskartei "für die SS geeignet" war eine notwendige Bedingung für die Aufnahme. Dass Strittmatter im Polizeidienst schnell Karriere gemacht hat, dass er als Ungedienter nach kurzer Zeit Oberwachtmeister werden konnte, war jener einmaligen Einstellung von Freiwilligen zu verdanken.

Aber nirgendwo wurde eine SS-Nummer oder eine NSDAP-Mitgliedschaft überliefert, die ihm nachweislich zuzuordnen wäre, schreibt Jahns. Ob Strittmatter später im Ausland an Kampfeinsätzen oder Erschießungen beteiligt war, ist unklar.

Doch wie hätte er das alles nach 1945 sachlich in Ostdeutschland darlegen können? Wer hätte ihm geglaubt, wenn er erklärt hätte: Ich war zwar im SS-Polizei-Regiment, aber niemals Mitglied der SS. Da schwieg er lieber. Er war kein Rebell, "kein Held nicht", wie er einmal gestand.

Der Fall Strittmatter ist ein Muster für die Untiefen der deutschen Vergangenheit. Denn an den literarischen Qualitäten seiner Bücher, die man schätzen mag oder nicht, ändert sich durch die persönlichen Verstrickungen des Autors gar nichts. Ebenso wie die Mitgliedschaft in der Waffen-SS nichts an Günter Grass’ Schaffen ändert. Wohl aber ist seine Position als moralische Instanz angeschlagen.

Welcher Ehren ist Erwin Strittmatter also noch wert? Dürfen wir ihn weiterhin als großartigen Schriftsteller würdigen oder verbietet sich jede Anerkennung, weil sein menschliches Versagen zu groß war? Joachim Jahns prüfte die komplizierte Aktenlage, sichtete auch kritisch Strittmatters Stasi-Mitarbeit.

Aufschlussreich sind Jahns’ Analysen der literarischen Texte, in denen sich sowohl Erwin Strittmatter als auch Günter Grass dem Thema Krieg widmen. So liefert er viele kleine Befunde, aber es fehlt das System, sie überzeugend in den Zusammenhang zu bringen. Er hat ein buchstäbliches Wende-Buch geschaffen: vorn der "Wundertäter" für die Ost-Leserschaft, auf der Rückseite der kleine "Blechtrommler".

Der 1994 gestorbene Spremberger Schriftsteller Erwin Strittmatter kann sich nicht mehr wehren, den Nobelpreisträger, der im Oktober 85 Jahre alt wird, ärgert es vielleicht.

Der Leser wird auf weitere Enthüllungen gespannt bleiben.


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