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STREITBAR : Kein Fußball mit der Nationalmannschaft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warum der größte Sportverband der Welt auch einer der kleingeistigesten ist, analysiert Gesellschaftskritiker Jan-Philipp Hein.

Wer wohnt in Frankfurt und ist ziemlich überflüssig? Nein, anders: Wer wohnt in Frankfurt, gebärdet sich wie eine Staatspartei des deutschen Fußballs, ist extrem humorlos, stocksteif, ehrpusselig und völlig aus der Zeit gefallen? Na? Genau: Der Deutsche Fußball-Bund.

Glücklicherweise gehen einem die alten Funktionäre dieser jägergrünen Organisation nur noch selten auf die Nerven. Den Spielbetrieb der beiden Bundesligen organisiert ein ausgegründeter Verband, um die Champions-League und die Europa-League kümmert sich die UEFA, die in der Tat einen ganz eigenen Text rechtfertigen würde. Vom Blatter-Sepp und der FIFA wollen wir hier gar nicht erst anfangen, zu reden...

Alle zwei Jahre schlägt die Stunde des DFB, dann nämlich wenn Europa- oder Weltmeisterschaften anstehen. So wie jetzt. Zum Eingrooven hat sich die Frankfurter Truppe diese Woche in Hamburg lächerlich gemacht, wo eine Nationalmannschaft antrat, die mit der, die nach Brasilien reisen wird, nicht viel zu tun hat. Sportlich lag der Erkenntnisgewinn des torlosen Remis gegen die polnische Auswahl im Bereich der verschärften Bedeutungslosigkeit. Dafür lieferte der DFB eine Posse ab, zu der nur er in der Lage ist.

Bevor nämlich die deutsche Nationalmannschaft irgendeinen Fußballplatz in Deutschland betritt, kommt es zum „Venue Dressing“. So nennt der DFB-Wanderzirkus die Zwangsbegrünung von Stadien zu Länderspielen. Vereinsfarben und -Slogans und Werbeflächen der eigentlichen Heimvereine werden getilgt. Auch bei Begegnungen im DFB-Pokal, wie das Finale in Berlin an diesem Wochenende, unterliegen die Arenen der strengen Kleiderordnung des DFB. Grün ist Pflicht.

Ist Fan-Bekleidung der deutschen Nationalmannschaft auch im Alltag, gar im Büro tragbar?

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Nun wäre der DFB keine deutsche Vorzeigeorganisation, wenn er nicht auch die Trainingsplätze der Nationalmannschaft penibel im Auge behielte. Zwar spielte das Team von Bundestrainer Jogi Löw gegen Polen im Hamburger Volkspark, doch trainiert wurde am Millerntor, wo sonst der FC St. Pauli das Sagen hat.

Pauli, das dürfte sich bis nach Frankfurt rumgesprochen haben, ist ein nicht ganz unpolitischer Verein. Die Tribüne ziert in großen Lettern der Spruch „Kein Fußball den Faschisten“. Selbstverständlichkeiten müssen sie auf St. Pauli groß auf die Zuschauerränge pinseln.

Und dann kam der DFB mit seinem Grün und deckte die Faschisten zu, weil nämlich, wie der Verband wissen ließ, bei allen DFB-Veranstaltungen gelte, dass keine politischen Statements zu sehen sein dürfen. Deshalb habe man „Kein Fußball den Faschisten“ neutralisiert. Auf Twitter ließ „@DFB_Team“ wissen, „das #Millerntor wurde neutralisiert“. Ganz gründlich, ganz deutsch. Die fußballfunktionärisch angeordnete Säuberung der Tribüne erfasste nämlich nur das „den Faschisten“ — keine Handbreit mehr. Die Mannschaft trainierte also unter dem seltsamen Fragment „Kein Fußball“. Das wäre so, als würde ich über meinen Schreibtisch „Kein Journalismus“ oder „Kein Text“ sprayen. Kein Scherz!

Da man auch Peinlichkeiten beim DFB bis zum bitteren Ende zelebriert, ist diese Kolumne hier nicht an ihrem Schluss. Nachdem sich nämlich antifaschistischer Unmut regte, meldete sich DFB-Sprecher Jens Grittner auf seinem eigenen Twitter-Account und machte alles noch schlimmer: „Bilder (TV+Foto) von deutschen Nationalspielern vor der herausgelösten Aussage 'für Faschisten' will auch keiner!“, schrieb er. Dann schon lieber ein Trainingsfoto der DFB-Kicker mit „Kein Fußball“, fragte man sich sofort? Außerdem war man so schlau wie der DFB und sein Sprecher auch schon auf St. Pauli, wo man sich wahrscheinlich genau deshalb für das etwas manierierte fanuntypische „den Faschisten“ und gegen das volkstümliche „für Faschisten“ entschied, was der Pressestelle des DFB nun wieder entgangen war. Natürlich mussten sich auch die Hamburger Hausherren äußern. St. Pauli teilte gewunden mit: „Zeichen gegen Faschismus zu setzen, gehört beim FC St. Pauli seit Jahrzehnten zum Selbstverständnis des Vereins und seiner Fanszene. 'Kein Fußball den Faschisten' stellt für uns in diesem Zusammenhang keine politische Botschaft dar.“ Damit hatten sich dann endgültig alle um Kopf und Kragen geredet. Denn wenn „Kein Fußball den Faschisten“ keine politische Botschaft sein soll, wären im Umkehrschluss auch faschistische Parolen unpolitisch.

Den einzig geraden Satz in der Posse brachte ausgerechnet die Rechtsaußen-Partei „Alternative für Deutschland“ via Twitter heraus: „Wir finden das gut vom DFB!!!“ Und das kann — nein: muss – man wohl als formvollendetes Eigentor des Fußballverbands bezeichnen. Wenn diese Ekelpakete von der AfD einen loben, dürfte viel falsch gelaufen sein. Eins ist klar: Hätte niemand den Spruch angerührt, wäre genau gar nichts passiert. Immerhin: Nachdem das mediale Desaster perfekt war, entschuldigte sich DFB-Präsident Wolfgang Niersbach beim Verein

Dennoch aus Nichtigkeiten Kommunikationskatastrophen zu machen, ist eine der Kernkompetenzen des Verbands. Unvergessen ist eine juristische Schlammschlacht, die der ehemalige DFB-Chef Theo Zwanziger mit dem freien Sportjournalisten Jens Weinreich führte. Der hatte Zwanziger in einem Blog als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet. Nun kann man sich darüber streiten, ob diese Wertung nicht doch etwas steil war, da Zwanziger sich lediglich zu Fragen der Vermarktung von TV-Rechten geäußert hatte. Doch wer Chef des angeblich weltweit größten Sportverbandes wird, sollte das abkönnen. Wem es in der Küche zu heiß wird, hat dort bekanntlich nichts verloren.

Zwanziger schickte einen Anwalt ins Rennen und bemühte zweimal Gerichte, um die Bemerkung zu verbieten. Jedes Mal scheiterten der Verband und sein mächtiger Chef. Schließlich behauptete der DFB dann via Pressemitteilung, dass Weinreich dem Verband über seinen Anwalt eine Erklärung schickte, die man als ausreichende Entschuldigung und Eingeständnis eines Fehlverhaltens Weinreichs akzeptiert habe. Doof nur, dass der die DFB-Mitteilung als „Lügengebilde“ bezeichnete. Zwischendurch hatten sich bereits mehrere Journalistenverbände eindeutig solidarisch mit Weinreich erklärt.

Es ist diese seltsame autoritär-abgehobene Haltung, die den DFB immer wieder in einfach zu vermeidende Probleme stürzt – im Großen wie im Kleinen. Ich erinnere mich noch gut, dass ich im Zuge einer dringenden Recherche mal höflich bei der Pressestelle Antworten auf ein paar Fragen anmahnte. Der Verband meldete sich dann auch umgehend, jedoch nicht bei mir, sondern bei meinem damaligen Auftraggeber, den man wissen ließ, dass man sich mein Verhalten nicht bieten lassen wolle.

Übrigens: Der DFB bezieht laufend Stellung gegen Ressentiments. Man kann dem Verband nicht vorwerfen, auf diesem Auge blind zu sein. So sagte Grünen-Chefin Claudia Roth, so eine Art Mutter Beimer des deutschen Fußballs: „Gerade der DFB hat in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, welch gesellschaftspolitische Dimension der Fußball hat.“

Deswegen habe sie die Pauli-Posse „irritiert“. Die Behauptung, dass Sport unpolitisch sei, nannte sie „absurd“.

Noch absurder ist nur, dass ein Laden wie der DFB keine professionelle Öffentlichkeitsarbeit gewuppt bekommt. Vielleicht trainieren sie das jetzt noch ganz schnell in Frankfurt, bevor der Flieger nach Brasilien abhebt.

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