Älteste Traditions-Kneipe auf Rügens Halbinsel Zudar schließt : Kein Ausschank mehr im "Tollow"

<strong>Erhard und Inge Sponholz haben den Zapfhahn in ihrer Kneipe</strong> für immer zugedreht.<foto>Sommer</foto>
1 von 1
Erhard und Inge Sponholz haben den Zapfhahn in ihrer Kneipe für immer zugedreht.Sommer

Ein Stück Dorfleben geht zu Ende: Jahrzehntelang traf man sich im "Tollow". Nun schloss die älteste Traditionskneipe auf Rügens Halbinsel Zudar für immer. Die Betreiber Inge und Erhard Sponholz fanden keinen Nachfolger.

svz.de von
13. Januar 2013, 06:30 Uhr

Rügen | Auf der alten Lügenbank am Tresen haben Generationen von Jägern, Fischern und Anglern ihre mehr oder weniger wahren Geschichten erzählt. Jahrzehntelang traf man sich in gemütlicher Runde im "Tollow". Nun schloss die älteste Traditionskneipe auf Rügens Halbinsel Zudar für immer. Trotz monatelanger Suche fanden die in den Ruhestand gehenden Betreiber Inge und Erhard Sponholz keinen Nachfolger. Damit geht ein mehr als 100 Jahre altes Kapitel Gastronomiegeschichte zu Ende. Und mit ihm auch ein Stück Dorfleben.

Den Grundstein hatten Marie und Heinrich Brandenburg, die Großeltern von Inge Sponholz, schon im Jahre 1895 gelegt. Vom mühsam Ersparten aus einem Kolonialwarenhandel ließen sie zunächst einen Saal errichten, der fortan als Wohnstätte und Geschäft diente. Später kamen eine Gaststätte und ein Wohnhaus mit Fremdenzimmern dazu. Das neue Anwesen war nicht nur willkommene Absteige für Gäste, die über die frühere, erst 1937 eingestellte Fährlinie Stahlbrode-Glewitz nach Rügen kamen. Das später von den Kindern Heinrich und Frieda Brandenburg übernommene Geschäft entwickelte sich schnell zum gesellschaftlichen Zentrum von Zudar. "Hier traf man sich und erhielt im kleinen Laden mit Post, der Gaststätte "Zur Post" und einer kleinen Tankstelle am Straßenrand alles, was man auf die Schnelle brauchte", sagt Inge Sponholz.

Die Familie brachte das Unternehmen durch die Kriegswirren. In einer Zeit, als in der Nachbarschaft in Glewitz und im Haus Büchsenschuss konkurrierende Gasthäuser betrieben wurden und auch im nahegelegenen Garz insgesamt sieben Kneipen geöffnet waren, stieg Inge Sponholz, eine von vier Töchtern, 1944 kurz nach ihrer Konfirmation in den Gasthof ein. Sie blieb 68 Jahre lang hinterm Tresen. Kein einziges Bier soll sie in dieser Zeit selbst getrunken haben. "Ich weiß gar nicht, wie das schmeckt", sagt sie augenzwinkernd. Aber eine Menge Geschichten kann sie erzählen: Als zum Beispiel im Frühjahr 1945 die Rote Armee auf Rügen einmarschierte, polterte ein russischer Soldat in den Schankraum und verlangte nach einer Uhr: Man händigte sie ihm aus. Der Krieg war vorbei. Und für die Gaststätte begannen gute Zeiten. Es gab keine Sperrstunde mehr, und die Gaststätte wurde zum zentralen Treffpunkt. "Nicht selten spielten die Männer bis 4 Uhr Karten", erinnert sich Inge Sponholz. Zum Tanz im Saal kamen manchmal bis zu 200 Gäste. Es gab fünf Liter Kirsch, und einige brachten auch noch Selbstgebrannten mit. Das Unternehmen kam gut durch die Zeit, blieb auch von der auf Rügen wütenden Stasi-Enteignungsaktion Rose verschont.

In den DDR-Jahren herrschte von morgens bis abends Hochbetrieb. Das Bier kostete in der Konsum-Gaststätte 49 Pfennige, und moderate, weil gestützte Preise sorgten schon zum Frühstück mit Kaffee, Bockwurst und Spiegeleiern für viele Gäste. Zum Mittag kamen viele Einheimische, Mitarbeiter eines benachbarten Fischereibetriebes und Gäste eines naheliegenden Zeltplatzes. Die Küche wurde mit frischem Fisch und Wild aus der Region beliefert. Jede Woche gab es Tanz mit Kapelle. Hinzu kamen Familienfeiern. "Manch einer hat hier seine Jugendweihe, später seine Hochzeit und die runden Geburtstage gefeiert, und auch die Trauerfeier nach seinem Tod wurde bei uns ausgerichtet", sagt Erhard Sponholz, der nach der Wende, als sich alles änderte, ins Geschäft einstieg und die Kneipe nach der benachbarten Insel Tollow benannte.

Die ersten fünf Jahre nach 1990 liefen gut, sagt er. Bei vielen Ostdeutschen lag die D-Mark noch locker in der Hand. Hinzu kam viel Laufkundschaft, vor allem zur Saison, denn der "Tollow" lag als einziges Gasthaus direkt an der Zufahrtsstraße zur neuen Fährverbindung. Gäste aus Ost und West schätzten die gutbürgerliche Küche, für die Sabine Behling und Silvia Hubert an den Öfen standen. An den Wochenenden und zu Familienfeiern sorgten die DJ’s wie Michael Holz, Gunnar Schwedhelm und Hagen Kadner für Stimmung. Ins Haus wurde noch einmal investiert, in den Bau eines Parkplatzes, die Verlegung von Fliesen, die Dachsanierung und neue Fenster.

Doch allmählich wurde es stiller im "Tollow". Die Stammkundschaft wurde älter, viele Junge zogen fort. Ständig steigende Nebenkosten beutelten vor allem in der Nebensaison die Kasse. Schließlich entschieden sich die beiden, einen Nachfolger zu suchen. Doch es fand sich bislang kein Investor. Die Weihnachtsfeier der Volkssolidarität vor wenigen Tagen sollte die letzte Party im "Tollow" sein. Dann wurde der Zapfhahn für immer zugedreht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen