Mecklenburg-Vorpommern : Kaum bekannte Schicksale

Nach dem Krieg lag Deutschland in Trümmern. Experten schätzen, dass nach dem Krieg mehr als 100 000 „Russenkinder“ in Deutschland geboren wurden. Symbolfoto: dpa
Nach dem Krieg lag Deutschland in Trümmern wie auf dem Bild Hamburg. Experten schätzen, dass nach dem Krieg mehr als 100 000 „Russenkinder“ in Deutschland geboren wurden. Symbolfoto: dpa

Traumaforscher: „Russenkinder“-Leidenswege bisher fast nicht untersucht.

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22. September 2018, 05:00 Uhr

Das Schicksal sogenannter Russenkinder ist in Mecklenburg-Vorpommern auch mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges kaum erforscht. „Für solche Untersuchungen steht bisher kein Geld zur Verfügung“, sagte der Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Stralsund, Philipp Kuwert, in Demmin. Dabei hatten in Mecklenburg und Vorpommern 1945 besonders viele Flüchtlinge aus den damals deutschen Regionen Ostpreußen und Hinterpommern Zuflucht gefunden. „Die Einwohnerzahl im Nordosten hat sich damals etwa verdoppelt“, erklärte der Traumaforscher.

Kuwert lobte die Arbeit der Gruppe „Distelblüten“, in der sich betroffene „Russenkinder“ selbst organisieren und die ihre Arbeit am Donnerstagabend in Demmin vorstellte. In der Gruppe haben sich über eine Studie der Universität Leipzig inzwischen etwa 30 Frauen und Männer gefunden. „Betroffene haben ein hohes Maß an Traumatisierung“, erklärte Kuwert. Manche seien ihr Leben lang vom Partner der Frau nicht akzeptiert oder von anderen als „Bastard“ stigmatisiert worden.

Mehr als 100 000 „Russenkinder“

Experten schätzen, dass nach dem Krieg mehr als 100 000 „Russenkinder“ in Deutschland geboren wurden. Sie waren ungewollt bei Vergewaltigungen am Kriegsende oder auch in Liebe – wie mit sowjetischen Zwangsarbeitern oder Militärangehörigen während der Besetzung – gezeugt worden.„Niemand kann etwas für seine Vergangenheit“, erläuterte Pastor Karsten Wolkenhauer, der die Gesprächsrunde in Demmin organisierte. Aber man könne etwas daran ändern, wie man Vergangenheit wahrnehme.

In Demmin gab es zu Kriegsende 1945 einen Massensuizid von Bewohnern und Flüchtlingen, auch wegen gewalttätiger Übergriffe sowjetischer Soldaten. „Solche Gesprächsrunden sind gut für die Aufarbeitung dieser schlimmen Ereignisse von damals“, erklärte Bürgermeister Michael Koch (CDU). Er kenne dies aus der eigenen Familie, sagte er.

Winfried Behlau, Initiator der Gruppe „Distelblüten“, der bei Bielefeld aufwuchs, hat erst als Dreizehnjähriger von seiner Mutter erfahren, dass er das Kind eines Sowjetsoldaten ist. „Ich habe auch lange darüber geschwiegen, aber es tut gut, die Dinge auszusprechen“, erläuterte er. Seinen Vater werde er nie finden, das sei bei Vergewaltigungen – anders als bei Liebesbeziehungen – nicht möglich.

Behlau sagte, vor allem die Enkelgeneration wolle wissen, wo die Familie herkomme. „Die gehen ganz unbefangen damit um.“

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