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Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 00:46 Uhr

Karys Liste

vom

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erstellt am 27.Jan.2012 | 09:09 Uhr

Ludwigslust/Schwerin | "Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng (...) der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau" Paul Celan "Todesfuge"

"Wir waren doch Deutsche." Der 87-jährige Erich Kary sitzt am Tisch der Gedenkstätte Wöbbelin bei Ludwigslust, die Krücke an den Stuhl gelehnt, ab und zu sucht er in seiner Mappe nach Material. Prüfend blicken seine dunklen Augen unter den Stirnfalten immer wieder auf den fremden Besucher.

Heute wird Erich Kary im Landtag eine Gastrede halten. Es ist der international begangene Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und der Ludwigsluster ist eines der vielen Millionen. Der Jude Erich Kary hat die Shoa überlebt, in Auschwitz, in Mittelbau-Dora, in Ravensbrück, im KZ Wöbbelin. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee Auschwitz, drei Monate später die 82. Luftlandedivision der US-Armee das Konzentrationslager Wöbbelin. "Drei Tage länger und ich säße heute nicht hier", sagt der alte Herr.

Zehn Jahre weiter zurück, ob es nun 1934 oder 35 war, weiß Erich Kary nicht mehr genau. Ungefähr zehn Jahre alt ist er da und besucht die Volksschule in Berlin. "Da kommt ein Lehrer in die Klasse, zum ersten Mal in seiner hellbraunen SA-Uniform, die Aktentasche unter dem einen Arm, unterm anderen den Rohrstock. ,Judenbengel vortreten ruft er und dass ich ausgeschlossen bin von seinem Unterricht. Mit dem Rohrstock gibt es Prügel und dann muss ich raus", sagte Erich Kary. So habe sie begonnen für ihn, die Ausgrenzung, die bis in die Vernichtungslager führte.

"Wer bist Du" - besonders für ein Kind eine schwere Frage: "Wir waren doch Deutsche, assimiliert, nicht orthodox erzogen." Die Mutter, zu der er lief, habe es nicht erklären können. Noch früher hätten es die Eltern gespürt, wie es begann, schleichend, erschreckend. Die Nachbarn, mit denen man immer Kaffee trank, trauten sich nicht mehr. Nur hinter vorgehaltener Hand, am geschützten Platz sei hie und da eine Entschuldigung gemurmelt worden.

Erich Kary glaubt, dass es vor allem die Angst war, die die Menschen mitlaufen ließ, weniger die Zustimmung. "Es war so, dass durch Anordnung von oben Angst geschürt wurde". Auch in den Gesprächen, die er regelmäßig in der Gedenkstätte Wöbbelin beispielsweise mit Schulklassen führt, werde er immer wieder danach gefragt: "Wie reagiere ich auf Gewalt?" Viele machten mit, damit sie ihre Ruhe hatten, sagt der alte Herr. Erich Kary sagt oft Sätze, die eigentlich fortgeführt werden müssten. Die Worte schweben in der Luft, der Gesprächspartner muss selber weiter denken. In diesem Fall vielleicht an die Sätze der Philosophin Hannah Arendt, die in ihrem 1955 veröffentlichten Werk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" die Angst als eines der zentralen Kennzeichen solcher Systeme klassifizierte. Je mehr sie verloren ginge, um so eher stürze das System.

Erich Karys Mutter hat es nicht erlebt. Im August 1939 - kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges - war der Vater nach England gegangen, der Bruder schon länger in Palästina. Am 19. April 1943 wurden Erich Kary und seine Mutter nach Auschwitz deportiert. "Die Selektionen...", sagt der alte Mann erst. Und nach der Pause: "Wenn Sie das letzte Mal der Mutter in die Augen sehen und wissen das, dann werden Sie das ein Leben nicht mehr los." Vielleicht führt er auch deshalb die Gespräche mit Jugendlichen. Erst in den 70-ern habe er damit begonnen. "In dem Moment in dem man sich öffnet, in dem man mit anderen spricht, gibt man ein Teil davon an andere weiter, die es dann ein Stück mittragen".

Aber vor allem: Bei den 18- bis 29-Jährigen kann jeder Fünfte (21 Prozent) in Deutschland mit dem Begriff Auschwitz nichts anfangen, so eine repräsentative Umfrage vom vergangenen Mittwoch. Nur einen Tag zuvor hat die Bundesregierung den ersten Antisemitsmusbericht vorgestellt. Judenfeindliche Einstellungen sind nach Einschätzung der Experten in "erheblichem Umfang" bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft hinein verankert. Bei etwa einem Fünftel der Bevölkerung gebe es einen latenten Antisemitismus. Auch deshalb will Erich Kary erzählen, wie es war. Wieder sucht er in der Tasche. Hält eine Chronologie in der Hand: "Eine (unvollständige) Chronik der deutschen antijüdischen Aktionen zwischen 1933 und 1945" des Potsdamer Wissenschaftlers Peter Ortag. Angefangen von der Bildung des "Referats Rassenhygiene" im März 1933, über den Aufruf zum Boykott "nichtarischer Geschäfte" im April und die insgesamt 565 Urteile wegen "Rassenschande" im Jahr 1934, das Aufenthaltsverbot für Juden in Kurorten 1938, die "Reichskristallnacht", das Verbot für "Nichtarier", bestimmte Stadtgebiete Berlins zu betreten, die Berufsverbote für jüdische Dentisten, Tierärzte, Apotheker, Krankenpfleger 1939 bis zum Beginn der Deportationen nach Polen. Die ungeheuerliche Liste scheint nicht enden zu wollen.

1941 hungert Erich Kary im Arbeitslager bei Fürstenwalde. Zugeordnet der Park- und Friedhofsverwaltung muss der 17-Jährige durch die ganze Stadt zur Zwangsarbeit. "Bespuckt haben sie mich, vom Bürgersteig gestoßen." Aber zwei ältere Frauen lassen ab und zu ihr Frühstück liegen. "Nie hätten sie aber gesagt, dass sie es hingelegt haben". Auch über Fürstenwalde liegt die Angst.

1943 kommt der Transport nach Auschwitz. Erich Karys Mutter wird im Gas ermordet, er selber von der SS als "Arbeitsmaterial" eingestuft. In Auschwitz III Monowitz muss er Zwangsarbeit für die IG Farben leisten. Bis Januar 1945. Vor der heranrückenden sowjetischen Arme werden Erich Kary und seine Leidensgenossen ins KZ Mittelbau-Dora evakuiert. Die in Peenemünde entwickelten Waffen der Nazis müssen sie zusammenschrauben, unter unmenschlichen Bedingungen. "Wir produzieren Waffen, mit denen man unsere Familien umbringt", sei ein Satz gewesen, den viele der ausländischen Zwangsarbeiter immer wieder gesagt hätten. Dann ist auch Mittelbau-Dora nicht mehr zu halten, der Todesweg führt Erich Kary über Ravensbrück bis nach Wöbbelin. "Am 1. Mai wurden die Häftlinge, die noch dazu in der Lage waren, wieder in die Waggons getrieben. Der Zug fuhr jedoch nicht mehr ab. Am Morgen des 2. Mai öffneten sich die Türen wieder und die SS trieb uns zurück ins Lager. Zwischen und in den Baracken lagen noch mehr Tote".

Der alte Herr hat die Liste wieder in der Hand. Eingeschlagen ist sie in ein gefaltetes A4-Papier, drauf steht ein Zitat des österreichischen Schriftstellers Jean Améry aus dem Jahr 1975: "Niemand kann aus der Geschichte seines Volkes austreten. Man soll und darf die Vergangenheit nicht ,auf sich beruhen lassen, weil sie sonst aufstehen und zu neuer Gegenwart werden könnte". Es sind die Worte, die Erich Kary heute an den Schluss seiner Rede im Landtag stellen wird.

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