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Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 05:40 Uhr

Überblick : Kant und die Flüchtlingskrise

vom
Aus der Onlineredaktion

Ein Überblick, was einige große Denker von damals uns über die heutige Welt lehren können

von
erstellt am 30.Jan.2017 | 11:45 Uhr

Die Philosophie gilt bis heute als deutsche Paradedisziplin – und das obwohl sich das Gros der Bevölkerung durch sie keinen Nutzen im Alltag erhofft. Dabei gibt die Philosophie durchaus Denkimpulse. Zumal die Überlegungen von Platon, Kierkegaard und anderen heute so aktuell wie nie sind. Ihre Ideen bilden die Basis unserer Kultur und sind ganz selbstverständlich auch Teil unseres Alltags – jedoch nicht immer auf den ersten Blick:

Kant und die Grenzöffnung

Immanuel Kant gilt mit seinem kategorischen Imperativ bis heute als Hohepriester der Ethik. Wörtlich schrieb er: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Was im Original etwas schwurbelig klingen mag, ist der bekannten Formulierung ähnlich: Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem anderen zu. Es ist ein Versuch, einen universellen Maßstab für gerechtes Handeln zu finden. Der Mensch soll aus sich heraustreten und sich in andere Menschen hineinversetzen. Dann weiß er, wie er sich verhalten muss.

Auf dieser Prüfformel für moralisches Handeln beruhte wohl auch Angela Merkels Entscheidung im September 2015 zur Grenzöffnung für Flüchtlinge – sozusagen ein humanitärer Imperativ. Denn er lebt davon, dass wir in Zeiten der Not auch von allen anderen Menschlichkeit und Verständnis erwarten können sollten. Doch auch hier ist Differenzierung wichtig. Wollen Menschen sich und anderen schaden, sind zweifelsohne Verhinderung und Strafe nötig.

Platon und die Medien

Platons bekanntestes Denkbild ist wohl das Höhlengleichnis – es beschreibt Menschen, die ihr ganzes Leben in eine Höhle gesperrt sind und nur geradeaus auf die Höhlenwand blicken können. Das einzige Licht, das die Höhle erhellt, stammt von einem fernen Feuer hinter ihnen. Zwischen dem Höhleneingang und den Gefangenen befindet sich eine Mauer, hinter der Menschen Gegenstände hin und her tragen. Die Mauer verdeckt die Menschen, nicht aber die Gegenstände, die sie tragen. Die Gefangenen jedoch ahnen davon nichts. Sie nehmen nur die schemenhaften Schatten an der Wand wahr – für sie die einzig wahre Realität.

Was bedeutet dieses Bild heute? Es heißt, dass man nicht alles für wahr nehmen sollte, was man sieht. Die Welt der Medien ähnelt dem Schattenspiel an der Wand. Die Wahrheit ist zwar da, aber nicht immer sofort zu sehen. Egal ob Spielfilm, Werbung oder selbst die Zeitung – sie geben stets nur einen Teil der Wirklichkeit wider. Sollen wir uns also weiterhin nur an solchen Schattenbildern erfreuen oder können wir nicht sogar aus dieser „Höhle“ heraustreten und sehen, was wahr ist? Laut Platon ist das durch geistige Bildung möglich. Nicht nur als kollektiv-gesellschaftliches Projekt, wie die Bildungsreform, sondern auch jeder für sich allein.

Hobbes und der Populismus

Mit dem Aufstieg der AfD nicht nur in Norddeutschland wird ein weiterer Philosoph aktuell – sein Name ist Thomas Hobbes. Der Staatsphilosoph äußerte die Befürchtung, der Mensch könne von Natur aus böse sein. Diese Annahme führte er darauf zurück, dass in einer Gesellschaft ohne Staat und Regeln jeder nur auf die Maximierung des eigenen Nutzens fokussiert sei. Steht ihm dabei jemand im Weg, würden alle Mittel genutzt, an ihm vorbei zu kommen. So käme es dazu, dass der Mensch des anderen Menschen Wolf sei („homo homini lupus“) – und alle in Furcht und Misstrauen vor einander leben. Außer sie würden die Staatsmacht mehr fürchten als ihre Mitmenschen.

Auch in der AfD wird auf das Gefühl der Angst gesetzt – und suggeriert, der unbedingte Schutz vor allem Fremden und noch härtere Restriktionen seien angebracht. Dabei propagieren sie Hobbes Menschenbild, ohne sich aber die Frage zu stellen, durch welche staatlichen Wege ein Miteinander unterstützt werden könnte – wie der natürliche Egoismus jedes Menschen, unabhängig von Herkunft und Aussehen, in geordnete Bahnen gelenkt werden kann.

Burke, Trump und die NPD

Für den britischen Staatsphilosophen Edmund Burke wären das gescheiterte NPD-Verbotsverfahren in MV wie auch die Wahl von Donald Trump als Präsident der USA wohl keine Überraschung gewesen. Denn er war der Überzeugung, das Böse könne allein dadurch triumphieren, dass gute Menschen nichts unternehmen. Warum also einer Partei eindeutig attestieren, dass sie verfassungswidrig ist, ohne sie gleichzeitig aus dem Verkehr zu ziehen? Die Begründung, sie wäre nicht groß – respektive einflussreich – genug, wäre für ihn wohl kaum ein Argument gewesen. Und auch die Wahl von Donald Trump hätte dem Iren, der sich schon gegen die Französische Revolution aussprach, wahrscheinlich Sorgen bereitet. Als Verfechter einer konservativen Staatsphilosophie warnte er vor übereiliger Revolution hin zum Neuen und empfahl eine Besinnung auf Ursprung und Tradition. Revolutionäre Umwälzungen seien das falsche Mittel, um Wandel herbeizuführen.

Stattdessen solle nach dem Erhaltungs- und Verbesserungsprinzip ein Staat langsam wachsen. Dabei wies er auch darauf hin, dass die neugewonnene Freiheit der Individuen sich auch zu einer bedrohenden Macht entwickeln könne – besonders wenn sie kollektiv und emotional wird. Ob dergleichen bei Trump geschieht, bleibt erst einmal abzuwarten.

Schopenhauer und das Glück

Wenn einer die Welt nur durch düstere Vorhänge gesehen hat, dann wohl Arthur Schopenhauer. „Alles Leben ist Leiden“ ist in seinen Schriften zu lesen. Der gebürtige Danziger entspricht bis heute dem Idealbild eines Pessimisten. Er glaubte nicht an eine Entwicklung zum Guten, an den Fortschritt der Menschheit – im Gegenteil. Von der moralischen Lernfähigkeit der Menschen war er nicht überzeugt. „Die Menschen sind wesentlich böse, wesentlich unglücklich, wesentlich dumm“, sagt er. Kein Wunder, dass ihm Tiere in der Regel lieber waren.

Doch wenn wir ganz ehrlich zu uns sind, müssen wir einsehen, dass die Welt, so schlecht wie Schopenhauer sie zeichnete, nicht sein kann. Und auch Schadenfreude ist eine Form des Glücks und kann das eigene Leben erleichtern. Beispielsweise mit Trash-TV Formaten wie dem „Dschungelcamp“, „Schwiegertochter gesucht“ oder „Big Brother“. Sie bieten jedoch nur keine kurze Ablenkung und sind keine wirkliche Lösung. Denn am Ende zählt es, so Schopenhauer, sich selbst zu genügen. „Denn alle äußeren Quellen des Glückes und Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, misslich, vergänglich und dem Zufall unterworfen.“

Kierkegaard und der Brexit

Groß war der Aufschrei nach dem Brexit-Votum im vergangenen Juni. Seitdem hat sich jedoch kaum etwas getan. Noch immer haben die Briten sich nicht festlegen wollen, wann sie Artikel 50 des Lissaboner Vertrags aktivieren wollen und endgültig die EU verlassen – wie sie es wollten. Man hat das Gefühl, die Briten wollten sich so lange wie möglich alle Wege offenhalten und auf Zeit spielen. Doch ist das der richtige Weg?

Ginge es nach Søren Kierkegaard, sicher nicht. Seine Existenzphilosophie bringt niemand so gut auf den Punkt wie Humphrey Bogart in Casablanca: „Du musst dich entscheiden, Kleines!“ Denn nach Kierkegaard ist der Mensch derjenige, zu dem er sich macht. Aus der modernen multiplen Persönlichkeit – die sich alle Möglichkeiten offenhält – wird erst ein Wesen aus einem Guss, wenn sie eine Entscheidung trifft, also einen Sprung wagt. Frei nach dem Motto: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. So werden sich auch die Briten bald entscheiden müssen, ob sie zu ihrer Wahl stehen oder nicht.

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