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Video: Vorurteile gegen MV : Kann ja mal vorpommern

vom
Aus der Onlineredaktion

Zum Urlaubmachen ideal, zum Leben eine Katastrophe? Hartnäckige Vorurteile gegenüber MV unter der Lupe

von
erstellt am 19.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Fragt man jemanden, ob er Vorurteile hat, sagt er in der Regel nein. Vorgefertigte Meinungen haben nur die anderen. Aber still und heimlich schleichen sie sich bei uns allen ein. Auch über Mecklenburger und Vorpommern gibt es so einige solcher Klischees, die sich hartnäckig halten. Ob sie der Wahrheit entsprechen oder aus der Luft gegriffen sind? Entscheiden Sie selbst:

 

Bräsige Fischköppe

Vor allem wer aus dem restlichen Bundesgebiet nach MV zieht, bekommt schnell den Eindruck, alle Menschen hier wären verschlossen und misstrauisch Fremden gegenüber. Das mag an den teils grimmigen Gesichtsausdrücken liegen, die einem hier begegnen. Lassen Sie sich dadurch aber nicht abschrecken. Das ist nur die raue Landschaft, die sich sich in unseren Gesichtern spiegelt – oder die blendende Sonne. Um es mit dem Milka-Slogan zu sagen: Im Herzen sind wir alle zart – nur nicht sehr gesprächig. Wer mehr als zehn Worte in einem Satz spricht, gilt landläufig schon als Quasselstrippe. Daher wohl auch der Fischkopp-Vergleich – die haben schließlich auch nicht viel zu sagen. Dieser Eindruck sollte Zugezogene aber nicht abschrecken, schließlich gibt es auch anderswo im ländlichen Raum weniger gesprächige Personen. Freundlich stimmen kann man Mecklenburger übrigens mit sprachlicher Landeskunde – indem man das „W“ bei Orten wie Güstrow, Prerow und Co. nicht mitspricht und bloß das „E“ in Meeeeecklenburg-Vorpommern schön lang zieht, schließlich sind wir ja keine Meckerköppe – also meistens.

Braun, brauner, MV

Das Problem mit der rechten politischen Gesinnung wird nicht nur unserem Bundesland, sondern so ziemlich dem ganzen Osten zugeschrieben. Unter Berlinern gelten beispielsweise Güstrow und Rostock-Lichtenhagen als No-Go-Gebiete. Tatsächlich sind unter unseren 1,6 Millionen Einwohnern laut Innenministerium 1450 Personen als rechtsextrem bekannt. Zehn Jahre lang war die NPD im Landtag vertreten, die bereits mehrfach verboten werden sollte. Und noch immer erhalten sie in manchen Wahlkreisen im äußersten Osten 30 Prozent der Wählerstimmen. Und obwohl sie es 2016 nicht in den Landtag geschafft haben, besitzen die Nationaldemokraten in MV fast genauso viele Likes auf
Facebook wie die etablierten SPD, CDU, die Linken und die Grünen zusammen. So wundert es auch kaum, dass Adolf Hitler erst 2007 das Ehrenbürgertum der Stadt Bad Doberan aberkannt wurde – hat man das vergessen? Und kann man unser Land deshalb schon als braun bezeichnen? Selbst wenn diese Gesinnung verbreitet zu sein scheint, sprechen die Wahlen eigentlich eine andere Sprache. Immerhin ist im Land seit bald 20 Jahren die SPD stärkste politische Kraft. Wegen des braunen Images besuchen laut Landestourismusverband jedoch jährlich mindestens 400 000 Besucher weniger unser Bundesland.

Nur plattes Land

Wenn man nur die Hand fest genug an die Stirn klatscht, kann man von Dömitz oder Pasewalk bis an die Ostsee gucken, glauben manche. Schließlich gibt es in Mecklenburg-Vorpommern ja keine Berge, sondern weit und breit nur plattes Land. Was sich für einige Landstriche als Wahrheit entpuppt, sorgt bei anderen für Kopfschütteln. Eigentlich, da sind sich Mecklenburger einig, ist das Land vorwiegend hügelig. Endmoränen prägen das norddeutsche Tiefland. In Schleswig-Holstein und MV geben Ahrensbök, Kiel und Strasburg (Uckermark) markante Beispiele. Obendrauf gibt es noch ganze 66 norddeutsche Gipfel – auch wenn der Helpter Berg als höchster gerade einmal 179 Meter misst und selbst hier von Weitblick keine Rede sein kann. Doch auch auf kleine Erfolge soll man stolz sein – vor allem, wenn man z. B. in Pinnow bei Schwerin ist und auch zwei Hände an der Stirn nix mehr bringen. Dort gibt’s nur Hügel vor den Augen... von Ostsee keine Spur.

Nackedeis an der Ostsee

Apropos Küste: Beharrlich hält sich ein altes Klischee aus DDR-Zeiten: Dass es in Meck-Pomm nur FKK-Strände gibt und jeder Einwohner sie liebt. Tatsächlich fand die Freikörperkultur in der DDR ihre größte Anhängerschaft und bis heute gibt es sie, die Verfechter der Textilfreiheit – vor allem an den Ostseestränden. Wer die Hüllen heute noch fallen lässt, gehört aber in der Regel zum älteren Eisen. Auch die Zahl der FKK-Vereine nimmt stetig ab. Gut für die letzten Nackedeis, denn an den Nacktbadestränden im Land genießen sie immer mehr Beinfreiheit. Das beklagen auch schon Politiker wie Gregor Gysi (Linke). Für ihn hatte die Freikörperkultur Niveau – nicht umsonst gibt es im Land kaum ein Seebad ohne FKK-Abschnitt. In Zeiten von Topmodel, Baywatch und Ninja Warrior sind jüngere Semester jedoch andere Anblicke gewöhnt, als es „gut gereifte Körper“ bieten. Doch keine Sorge, die Strandabschnitte für Nackedeis liegen meist eher abseits, dicht an den Hundestränden. Wer also nicht zu weit vom Hauptstrand spaziert, dem bleibt dieser Anblick erspart.

Das Land der Gottlosen

Die vielen kleinen Kirchen hier dienen, so sagt man, eher als Landmarken. Denn den Glauben, der dort gepredigt wird, teilt kaum jemand. Tatsächlich sind nirgendwo auf der Welt so viele Menschen ungläubig wie in Ostdeutschland, fand eine Studie heraus. So gehören 3 von 4 Mecklenburgern und Vorpommern keiner Religion an. Pech für uns, mag man denken. Immerhin ergeben sich durch frommen Glauben einige Feiertage zusätzlich pro Jahr. Gründe für die Gottlosigkeit der Landsleute lassen sich nicht nur in der Prägung durch den Sozialismus, sondern auch in der slawischen Vergangenheit finden. Denn ihre und die nicht-orthodoxen Siedlungsgebiete sind bereits seit dem Mittelalter kirchenfern – man erinnere sich mit einem Schmunzeln an den Missionar Jakob Walter, der für die Doku „Der Navigator“ versuchte, die Mecklenburger zu bekehren. Spätestens, nachdem eine Horde Punks vor der Kamera verkündete „Unser Gott heißt Bier!“, musste er das Handtuch werfen. Die allgemeine Gottlosigkeit bedeutet aber nicht, dass ein wichtiges Sakrament der Kirche, die Ehe, nicht gewürdigt wird. Tatsächlich liegt die Eheschließungsziffer in MV mit 6,7 Hochzeiten je 1000 Einwohner deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 4,6.

 

Mühlen mahlen langsam

Fürst Otto von Bismarck soll einmal gesagt haben „Wenn die Welt untergeht, so ziehe ich nach Mecklenburg, denn dort geschieht alles 50 Jahre später.“ Die Annahme war in gewisser Hinsicht berechtigt, immerhin hatte Mecklenburg 1918 als letztes Fürstentum deutschlandweit noch keine Verfassung. Dafür erlangt so manches, was bei uns längst erfunden ist, woanders erst später Bekanntheit – wie der Taucheranzug. Den gab es hier schon um 1800. Da sein Erfinder jedoch etwas langsam war, heimste die Anerkennung ein anderer ein. Carl Wilhelm Scheele, dem Entdecker des Sauerstoffs, erging es ähnlich, da er mit der Veröffentlichung seines Berichts schlappe vier Jahre wartete. Das spricht aber nicht immer für die Langsamkeit des Landes, sondern, dass wir nicht mit jeder Idee hausieren gehen. Wie heißt es? Gut Ding will Weile haben.

Aber auch, wenn Schwerin seit 1990 Landeshauptstadt ist, kennt niemand von außerhalb sie. Dabei sagt man ja, Braunschweig wäre die am meisten unterschätzte Stadt Deutschlands. Schwerin mag zwar vergleichsweise klein sein, aber bleibt Hauptstadt! Haben denn alle anderen im Geografieunterricht geschlafen? Naja, kann ja mal vorpommern...
 

Wie entstehen eigentlich Vorurteile?
Am Anfang steht das Stereotyp: Frauen können nicht einparken, AfD-Wähler sind Rassisten, Bauern sind dumm. Ganz automatisch fassen wir Menschen in Gruppen zusammen, um uns das Leben zu vereinfachen. Sonst seien wir mit den vielen Reizen, die uns täglich begegnen, völlig überfordert. „Allerdings unterscheiden sich die Menschen stark darin, ob sie den eigenen Kategorisierungen zustimmen oder sie ablehnen“, erklärt Sozialpsychologin Julia Becker. Was wir über diese Gruppen denken, nennt man Stereotyp. Bezieht man dieses auf eine einzelne Person und packt diese sprichwörtlich in eine Schublade, wird aus dem Stereotyp ein Vorurteil – und ist dann oft von negativen Gefühlen begleitet.


 

 

 



 

 

 

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