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Entbürokratisierung der Pflege : Kampf dem lästigen Schreibkram

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Täglich bis zu einer dreiviertel Stunde mehr Zeit für die Pflege – Einrichtungen im Land sollen Dokumentation „verschlanken“

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2015 | 08:00 Uhr

Darauf hatten viele professionelle Pflegekräfte schon nicht mehr zu hoffen gewagt: Die Pflegedokumentation soll entbürokratisiert und der zeitliche Aufwand spürbar gesenkt werden. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) stellte das Mammutprojekt von Bundesregierung und Pflegeverbänden gestern seinen Mitgliedern im Land auf einer Konferenz in Linstow vor – und war selbst überrascht von der Resonanz: „ Wir hatten die Veranstaltung für 250 Teilnehmer ausgeschrieben. 320 meldeten sich an, und gekommen sind 350“, so bpa-Landesbeauftragter Sven Wolfgram.

Besonderes Interesse fanden die Schilderungen von Ellen Fährmann aus Angermünde, die mit ihren Pflegeeinrichtungen bereits an einem Modellprojekt zur Entbürokratisierung teilgenommen hatte. Die Akten der Klienten, die in diesem Zeitraum aufgenommen und deren Pflege nach den neuen Kriterien dokumentiert wurden, seien zwischen 15 und 25 Seiten dünner gewesen als in vergleichbaren Altfällen, so Fährmann. Denn jetzt müsse vieles nicht mehr erfasst werden, „was später sowieso keiner mehr gelesen hat.“ Und: Den Pflegefachkräften würde wieder mehr Kompetenz zugestanden – wenn sie einschätzten, dass kein Sturzrisiko besteht, dann sei das einfach so. Die Zeitersparnis im stationären Bereich kann Fährmann recht genau beziffern: „Früher hat die Dokumentation bei 24 Bewohnern täglich eine halbe bis dreiviertel Stunde in Anspruch genommen. Heute setzt die Fachkraft nur zwei Kürzel, wenn es keine Vorkommnisse gab.“ Ambulant Pflegende müssten allerdings weiterhin etwas mehr schreiben, das sei für die Leistungsabrechnung mit den Kassen erforderlich.

Die Uckermärkerin kennt aber auch die Bedenken ihrer Mitarbeiter: „,Wird man uns denn glauben, dass wir etwas gemacht haben, wenn wir es nicht mehr aufschreiben‘, fragten sie.“ „Wer schreibt, der bleibt“, sei bisher das Motto vieler Pflegekräfte gewesen, betont auch der Jurist Dr. Markus Plantholz. Vor allem die Angst vor haftungsrechtlichen Auseinandersetzungen habe die Dokumentation ausufern lassen, meint er. Susanne Sickmann, die Geschäftsführerin des Vitanas Senioren Centrums „Am Schlossgarten“ in Schwerin, nennt einen weiteren Grund: „Wir sind gehalten, transparent zu arbeiten – das heißt auch, viel zu dokumentieren.“ Sie räumt aber ein: „Die Schreiberei ist wirklich grauenhaft.“ Deshalb begrüße sie das Entbürokratisierungsprojekt grundsätzlich – funktionieren könne es aber nur, wenn auch Kassen, Gutachter und Aufsichtsbehörden mitziehen. Das soll passieren, versicherte Elisabeth Beikirch vom Bundesgesundheitsministerium. Bis Ende März würden einheitliche Schulungsmaterialien für alle erarbeitet. Bis zum Jahresende soll dann ein Viertel aller Pflegeeinrichtungen bereits mit der „verschlankten“ Dokumentation arbeiten.

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