Koalitionspläne : Kahlschlag bei Arztpraxen?

1 von 1

Mediziner laufen Sturm gegen Koalitionspläne und warnen vor Schließung von 25 000 Praxen

svz.de von
04. November 2014, 11:53 Uhr

Deutschlands Kassenärzte schlagen Alarm: Sie warnen davor, dass in den nächsten Jahren bis zu 25 000 Haus- und Facharztpraxen geschlossen werden könnten. „Wir sehen viele Maßnahmen, die die Versorgung schwächen“, meldete sich Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gestern zu Wort. Hintergrund sind Koalitionspläne zum Abbau ärztlicher Überversorgung. Kahlschlag bei Deutschlands Arztpraxen? Hintergründe von Rasmus Buchsteiner.

Wogegen richtet sich die Kritik der Ärzte?
Die Mediziner laufen Sturm gegen Koalitionspläne, die Zahl der Praxen schrittweise zu reduzieren, wenn in einem Zulassungsbezirk der Versorgungsgrad höher als 110 Prozent liegt. Nach Kassenangaben besteht „fast flächendeckend“ eine Überversorgung. Die meisten Planungsbereiche sind schon für Neu-Zulassungen gesperrt. Bei Chirurgen, Gynäkologen, Kinderärzten, Orthopäden und Urologen liegen 90 Prozent aller Planungsbezirke oberhalb der 110-Prozent-Marke. Im Gegenzug zum Abbau in überversorgten Gebieten soll es Zuschüsse für die Eröffnung von Praxen in unterversorgten Gebieten geben.


Wie würden sich die schwarz-roten Pläne auswirken?
Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung stehen in den nächsten zehn Jahren bis zu 25 000 Arztpraxen in Deutschland vor dem Aus. Besonders betroffen wären Nordrhein-Westfalen mit etwa 5300 und Bayern mit 4859 mutmaßlich wegfallenden Arztstellen. In Mecklenburg-Vorpommern müssten 459 Stellen abgebaut werden, in Brandenburg 444. Um den politischen Druck zu erhöhen, weist die KBV auch darauf hin, wie stark die Wahlkreise führender Gesundheitspolitiker betroffen wären. In Neuss, der Heimat von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), müssten rechnerisch 44 Arztstellen abgebaut werden. Im Kreis Steinfurt, dem Wahlkreis von CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn, wären es ebenfalls 44.

Wie reagieren Kassen und Koalition auf den Vorstoss der Ärzte?
Das Bundesgesundheitsministerium erklärte, auch künftig würden Nachbesetzungen von Arztsitzen möglich bleiben, wenn sie aus Versorgungsgründen erforderlich seien. „Ich rate zur Abrüstung. Niemand will tausende Arztsitze abbauen“, so CDU-Experte Spahn. Die Gesetzlichen Kassen warfen den Ärzten „Panikmache“ vor. Es werde der Eindruck erweckt, dass die 25 000 Arztpraxen quasi über Nacht geschlossen werden müssten. Das sei aber nicht der Fall. „Es ist absurd, wie die KBV versucht, Panik zu verbreiten“, so ein GKV-Sprecher. Überflüssige Arztsitze abzubauen sei im Interesse der Beitragszahler.

Wird die geplante  Termingarantie beim Facharzt kommen?

Ja. Das Vorhaben ist Teil des so genannten Versorgungsstärkungsgesetzes, für das nun ein erster Entwurf vorliegt. Versicherte sollen sich demnach bei Vorlage einer Überweisung an Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen wenden können. Innerhalb einer Woche sollen diese einen Facharzttermin binnen vier Wochen vermitteln. Ist dies nicht möglich, soll es als Ersatz einen ambulanten Termin in der Klinik geben. Bedingung ist allerdings, dass die Behandlung medizinisch notwendig ist. KBV-Chef Gassen erklärte gestern, die an ein Krankenhaus verwiesenen Patienten hätten keine Garantie, dass sie dort von einem Facharzt behandelt würden.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen