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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 06:33 Uhr

ALLEEN in MV : Kahlschlag am Straßenrand

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Große Lücken im Alleennetz: Seit 2010 wurden in MV mehr als 17 000 Straßenbäume abgeholzt. Die meisten alten Bäume sind krank.

svz.de von
erstellt am 23.Jun.2014 | 07:30 Uhr

In MV gehen die historischen Alleen verloren: In den vergangenen drei Jahren sind an Kreis-, Land- und Bundesstraßen fast 17 000 Bäume gefällt worden. Pilze, Bakterien, Fahrzeugabgase, Bauschäden: Die teilweise mehr als 200 Jahre alten Bäume können dem wachsenden Verkehrsaufkommen und dem Straßenausbau kaum noch standhalten. Die Alleen bekämen immer deutlicher die Spätfolgen des Investitionsbooms in den 90er-Jahren zu spüren, erklärte Katharina Brückmann, Alleen-Expertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Schwerin: „Die Bäume leiden unter dem Mobilitätsbedarf der Menschen und dem Ausbau der Straßen.“

Jetzt rächen sich die Bausünden der Vergangenheit: Erdgas, Telefon, Wasser – in den 90er-Jahren seien oftmals Leitungen so dicht an den Baumreihen verlegt worden, dass die Wurzeln stark beschädigt worden seien. Zudem seien die Kronen der Bäume wegen des steigenden Lkw-Verkehrs stark ausgeschnitten worden. Dadurch hätten sich Pilze ausbreiten können. „Das hat gravierend zugenommen“, beobachtete Brückmann. Immer mehr alte Alleebäume würden inzwischen in der Krone verkahlen: „Ein Zeichen dafür, dass die Wurzeln den Baum nicht mehr versorgen können“, erklärte Brückmann: „40 Prozent Wurzelverlust hält kein Baum aus.“

Die Schäden werden größer: Einer Analyse des Verkehrsministeriums zufolge mussten seit 2010 mehr als 80 Prozent der gefällten Bäume deshalb abgeholzt werden, weil sie nicht mehr standsicher waren oder große Baumteile abzubrechen drohten – insgesamt etwa 14 000 Bäume. Die Alleen litten zunehmend auch unter dem starken Streusalzeinsatz im Winter, sagte Brückmann. Das Salz bringe den Mineralstoffhaushalt der Bäume durcheinander und verringere die Vitalität der Alleen. Trotz jahrelanger Proteste halte das Land aber am Salzeinsatz fest, statt verstärkt auf mechanische Räummethoden wie etwa den Einsatz von Split zu setzen. Mittlerweile gebe es in Altbaumalleen so große Lücken, dass auch die Nachbarbäume darunter leiden und anfälliger würden, sagte Brückmann. Zudem setzten Baumkrankheiten und Schädlinge den Bäumen stark zu. So habe die Ulmenkrankheit beispielsweise ganze Alleen weggerafft, sagte Brückmann.

Mecklenburg-Vorpommern ist nach Brandenburg das alleenreichste Bundesland – Eichen, Kastanien, Buchen, Platanen, Lärchen, Birken, Weiden, Pappeln, Obstbäume entlang von mehr als 4300 Kilometern. Früheren Angaben zufolge stehen auf 2590 Kilometer beidseitig der Straße Alleebäume. Inzwischen sei die Mehrheit der Altbäume krank, meinte Brückmann: „Alleensterben – der Trend lässt sich nicht mehr aufhalten.“ In den vergangenen Jahren seien Alleebäume vor allem wegen Bauprojekten abgeholzt worden, heute aus Sicherheitsgründen: „Das nimmt zu.“

Alleebäume wurden ab dem 18. Jahrhundert auch außerhalb von Schlossgärten gepflanzt, um die Wege zu Herrensitzen optisch hervorzuheben und Schutz und Orientierung in der Fläche zu bieten. Da während der DDR-Zeit nicht regelmäßig nachgepflanzt worden ist, sind viele Alleebäume sehr alt. „Uns fehlt eine Generation an den Straßen“, sagte Brückmann und forderte, mehr Jungbäume nachzupflanzen. Allerdings müsse dazu vor allem abseits der Bundes- und Landesstraßen die Pflege verbessert werden. Seit 2010 wurden in MV mit 17 800 Bäumen gerade so viel Bäume gepflanzt, wie zuvor abgesägt wurden.

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