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Mecklenburg-Vorpommern

17. November 2017 | 22:31 Uhr

Kaffee-Metropole mit Sogwirkung

vom

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2012 | 09:33 Uhr

Schwerin | Da braucht man Ausdauer: Sechs Jahre hat Ursula Goldacker nicht lockergelassen. Damals habe sich MV erstmals bei Nestlé mit acht Standorten vorgestellt, erinnert sich die Senior-Beraterin der Wirtschaftsfördergesellschaft Invest MV - und kam nicht zum Zug. Trotzdem - auf Messen, per Mail, per Telefon, auf Investorentreffen: Immer wieder habe sich das Land beim weltgrößten Nahrungsmittelkonzern ins Gespräch gebracht: "Wir haben Kontakt gehalten", erzählt Goldacker. Es hat sich gelohnt: Sechs Jahre Investorenwerbung - jetzt ist die Entscheidung gefallen. Nestlé kommt. "Das ist wie im Traum", sagt Ursula Goldacker.

Punktsieg für MV: Es ist die bisher größte Investition in der Ernährungswirtschaft des Landes, die der Weltkonzern da auf etwa einem Zehntel des 350 Hektar großen Industrieparks südlich der Landeshauptstadt in die Fläche stellt und dort die neueste Entwicklung auf dem Kaffeemarkt für deutsche, skandinavische und osteuropäische Verbraucher portionieren lässt - im modernsten und produktivsten Kaffeewerk Europas, freut sich Nestle-Deutschland-Chef Gerhard Berssenbrügge: "Schwerin wird zur Kaffee-Metropole."

Später Erfolg: Mehr als zehn Jahre hat Westmecklenburg darauf gewartet. Nachdem der Autokonzern BMW auf der Suche nach einem neuen Standort Schwerin fallen ließ und Leipzig den Vorrang gab, machten Investoren um Schwerin einen Bogen. Einzig der Airbus-Zulieferer Flamm siedelte auf dem für 6,6 Millionen Euro vom Truppenübungsplatz zum Industriepark umgewandelten Standort. Und jetzt Nestlé: "Das hat Signalwirkung nach außen", meint Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). "Konzerne wie Nestlé setzen MV auf die europäische Landkarte und ziehen andere Investoren nach sich", hofft Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU). Schon jetzt: Seit die geheimen Ansiedlungsgespräche Mitte Januar öffentlich wurden (wir berichteten), melden sich bei den Wirtschaftsförderern immer neue Interessenten. Nationale und internationale Unternehmen fragten nach, sagte Invest-MV-Sprecher Fabian Henning. Man sei "hoffnungsvoll", dass die Investitionsentscheidung von Nestle mittelfristig zu weiteren Ansiedlung von Unternehmen der Ernährungswirtschaft in MV führt." Zurück ins Land: Bei den Verarbeitern spiele die Regionalität eine größere Rolle, beobachtet Jarste Weuffen vom Agrarmarketingverein.

Selbst Nestlé sorgt vor: Der Konzern glaube an das Wachstumspotenzial des neuen Systems mit Portionskaffee, meint Europachef Laurent Freixe. 50prozentige Zuwachsraten bisher, eines der am schnellsten wachsenden Geschäftsfelder des Konzerns in Europa: Das Geschäft brummt, und Schwerin ist dabei. Der Standort biete "mehr Platz für weitere Projekte", kündigt Freixe an.

Den Steuerzahler kommen die Pläne vorerst teuer zu stehen: 22,5 Prozent der Investitionen sind förderfähig, sagte Glawe - unterm Strich: bis zu 50 Millionen Euro. Mehr noch: So wird voraussichtlich die öffentliche Hand die Kosten für einen Eisenbahnanschluss übernehmen müssen - geschätzt mehr als 20 Millionen Euro. Bis Ende 2014 sollen die Züge rollen, so Glawe. Und: Stadt, Land und Landkreis holen zudem die alten Pläne für einen direkten Anschluss des Industrieparks an die Autobahn 14 wieder aus der Schublade. So sei geplant, das Gebiet über die noch in Planung befindliche Anschlussstelle "Schwerin-Süd" auf Höhe der Ortschaften Consrade bzw. Plate an die A 14 anzubinden, teilte gestern das Verkehrsministerium mit. Kosten: mehrere Millionen Euro. Millionengeschenke für einen Konzern mit einem Jahresreingewinn von 7,9 Milliarden Euro: Zwar hätten die in Aussicht stehenden Fördermittel eine Rolle, aber nicht die ausschlaggebende Bedeutung für die Standortentscheidung gehabt, meinte Deutschland-Chef Berssenbrügge. Vielmehr hätten die schnelle Ansiedlungsberatung, die Nähe zum deutschen Markt sowie zum Kaffeehafen Hamburg und das Arbeitskräfteangebote die Entscheidung bestimmt. Das wird sich erst noch zeigen: Trotz Arbeitslosigkeit werden auch in MV die Arbeitskräfte knapp, tausende Stellen sind unbesetzt. Nestlé sieht es gelassen und wirbt mit seinem Ruf als "attraktiver Arbeitgeber", der Tariflöhne zahle.

Trotzdem: Mit dem neuen Schweriner Kaffeewerk von Nestle setzt sich MV in der Spitze der deutschen Ernährungswirtschaft fest. Oetker, Kühne, Danone, Pfanni, Hipp, Kamps: "In der Ernährungswirtschaft gehört MV zu den Großen", meint Wirtschaftsminister Glawe. Pizzen, Milchprodukte, Brot, Getränke, Fisch, Süßwaren, Frischfleich, Kartoffelprodukte - Produkte aus MV gehören in Deutschlands Supermärkten zum Stammsortiment. Die Branche boomt: Nach Milliardeninvestitionen hat der deutlich mehr als 15 000 Mitarbeiter zählende Wirtschaftsbereich längst den einst dominierenden Schiffbau in MV abgehängt. Mit einem Umsatz von mehr als 3,7 Milliarden Euro erwirtschaftet die Branche mehr als ein Drittel des Gesamtumsatzes der verarbeitenden Gewerbes in MV. Tendenz: steigend.

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