Flüchtlingstagebuch Teil 16 : „Kaffee – auf ihn zu verzichten, fällt mir am schwersten“

Beim Iftar: Moha (r.) mit seinem Bruder.
Beim Iftar: Moha (r.) mit seinem Bruder.

Unsere Redaktion begleitet den Syrer Moha: Flüchtlingstagebuch Teil 16

von
23. Juni 2016, 12:00 Uhr

Moha war über ein Jahr auf der Flucht. Vergangenen September erreichte er Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern beginnt er ein neues Leben. Redakteurin Lisa Kleinpeter begleitet ihn.

Kurz nach 22 Uhr. Draußen ist es noch angenehm warm. Nur langsam färbt sich der Himmel schwarz. Ich bin auf dem Weg zu Moha. Unter meinem Arm eine große Packung Eiscreme geklemmt. Mein Handy vibriert. „Lisa, wo bleibst du?“, steht auf dem Bildschirm. „I’m starving.“ – Ich verhungere.

Moha hat mich zum Iftar eingeladen, dem traditionellen Fastenbrechen während des Ramadan. Ich rechne kurz nach. Seit etwa 18 Stunden hat er nichts mehr gegessen, nichts getrunken. Keine Schokolade, kein Kaffee, keine Zigaretten. Moha macht mir die Tür auf. „I’m so sorry“, sagt er kauend. „Wir haben schon angefangen.“ – „Kein Problem“, antworte ich. Aus der Wohnungstür strömt mir der Geruch von gebratenem Fleisch, Thymian, Knoblauch und warmem Fladenbrot entgegen. „Komm rein“, sagt Moha. Sein jüngerer Bruder ist extra aus Köln gekommen. Ramadan ist Familienzeit, wie bei uns Weihnachten. Töpfe, Schüsseln, Teller stehen in der Küche überall verteilt. Moha deutet auf die verschiedenen Gerichte: „Das ist Reis mit Nudeln, dann Salat, Joghurt mit Knoblauch, das ist ein Reis-Fleischtopf und hier Molokhia.“ Molokhia ist ein Gericht aus Jute verrät mir das Internet. „So viel Essen, kommt noch wer?“, frage ich. „Nein. Das ist alles für uns. Wir essen die ganze Nacht immer wieder was“, meint Moha.

Ich probiere das Molokhia. Es erinnert mich an Spinat. „Was macht es für einen Sinn, den ganzen Tag zu fasten und abends dann so viel zu essen?“, frage ich. „Das ist wirklich ein Problem“, meint Moha. „Die Idee geht verloren. Viele Muslime fasten, aber sie vergessen, warum sie das tun.“ – „Ähnlich wie bei uns zu Weihnachten?“ Moha nickt. Dann nimmt er einen großen Schluck aus seinem dampfenden Becher und schließt die Augen. „Kaffee – auf ihn zu verzichten fällt mir am schwersten“, sagt er. „Warum fastest du?“ – „Es ist im Koran so vorgeschrieben und es ist eine gute Möglichkeit, deine tägliche Routine zu ändern“, meint Moha, während er mit dem Fladenbrot in den Joghurt tunkt. „Ich habe gelesen, an Ramadan sollen die Muslime besonders freundlich sein. Warum gibt es gerade zu dieser Zeit so viele terroristische Anschläge, zum Beispiel vom IS?“ – „Wir Muslime sollen immer freundlich sein. Nicht nur an Ramadan“, meint Moha. „Der IS gehört für mich nicht zum Islam. Oder würdest du sagen, der Ku-Klux-Klan ist christlich?

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen