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Spendenaktion einer Mutter in Not : (K)ein Ranzen für Alexis

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Weil sie so winzig ist, braucht die kleine Schwerinerin eine besondere Schultasche – doch für ihre Mutter ist die unbezahlbar

svz.de von
erstellt am 24.Apr.2016 | 09:00 Uhr

Nicht mehr lange, dann ist Alexis ein großes Mädchen. Im September kommt die Sechsjährige zur Schule – und darauf freut sie sich schon riesig. Am allermeisten, weil sie dann Max jeden Tag sieht. „Das ist der Sohn von Mamas bester Freundin“, erzählt die Kleine offenherzig. „Er geht nämlich schon zur Schule.“ Dann führt sie vor, wie sie ihren Namen schreiben kann. „Und Mama kann ich auch“, sprudelt es aus ihr heraus, „zum Geburtstag hab ich ihr eine Karte gebastelt. Weil ich sie ganz doll lieb hab.“

Astrid Höger muss eine Träne wegblinzeln und nimmt ihre Tochter in den Arm. „Ich dich auch“, flüstert sie ihr ins Haar – und erklärt dann: „Wir haben ja nur uns beide.“ Weil sie sich so sehr nahestehen, hat Astrid Höger nun auch einen ungewöhnlichen Schritt gewagt: Sie hat auf der Internetplattform Leetchi.com einen Spendenaufruf gestartet, um Geld für Alexis Einschulung, vor allem aber für ihren Schulranzen zusammenzubekommen. Denn Alexis ist – obwohl sie bald wie die anderen „großen Kinder“ zur Schule gehen wird – sehr klein. „Bei der Einschulungsuntersuchung haben sie mit einem Lasergerät 102 Zentimeter gemessen“, erzählt die Mutter. „Hier zu Hause, wenn ich mit dem Zollstock messe, sind es aber 106.“

Steht das Mädchen neben seiner Mutter, fällt gar nicht auf, wie winzig es ist – denn auch Astrid Höger misst nur 1,53 Meter. Auf Fotos, die die Kleine mit ihren Freunden zeigt, sieht man aber, dass andere Sechsjährige mindestens einen halben, manchmal sogar einen ganzen Kopf größer sind. Im Kindergarten-Freundebuch von Alexis geben Gleichaltrige Größen zwischen 1,15 und 1,32 Meter an. 1,06 Meter – diese Größe findet man dort nur bei den 3- oder 4-Jährigen.

„Für so ein kleines Kind ist es extrem schwierig, einen Schulranzen zu finden“, erzählt die Mutter. Sie habe sich beraten lassen. Die gängigen Modelle kämen alle nicht infrage, weil diese nur mit Schultergurten ausgestatteten Ranzen das Kind in ein extremes Hohlkreuz ziehen würden. Auch von einem Trolley, einem Schulrucksack auf Rädern, wurde Astrid Höger abgeraten, weil die einseitige Belastung durch das Ziehen zu Fehlhaltungen führen würde. „Alexis braucht einen Ranzen mit Brust- und Beckengurt“, fasst die Mutter das Ergebnis von vier Stunden Anprobieren zusammen. Doch das Modell, das diese Anforderungen erfüllt, würde 219 Euro kosten.

Helfen Sie
Bis Freitag waren auf dem Leetchi-Spendenkonto 33 Euro für Alexis Einschulung eingegangen. Wer das Mädchen und seine Mutter unterstützen möchte, wende sich bitte unter redaktion@medienhausnord.de oder am Montag in der Zeit von 10 bis 14 Uhr unter der Rufnummer 0385 - 6378 8101 an unsere Zeitung. Wir stellen dann den Kontakt zur Familie her.

Für die 31-jährige Schwerinerin ist das unbezahlbar. Denn sie lebt seit Jahren von Arbeitslosengeld II. Als gelernte Verkäuferin hat sie zwar x Anläufe unternommen, wieder Arbeit zu finden. Spätestens dann, wenn sie die Frage beantworten sollte, wer auf Alexis aufpassen würde, wenn sie einmal krank wird, war die alleinerziehende Mutter aber aus dem Rennen. „Denn meine Mutter arbeitet im Schichtsystem, und Alexis Opa ist schwer krank und ,hängt‘ an einem Sauerstoffgerät“, erzählt Astrid Höger. Die Großeltern würden zwar alles ihnen Mögliche für ihre Mädels tun – aber im Krankheitsfall als Pfleger für Alexis einspringen, das könnten sie nicht.

Sie habe, so Astrid Höger, im Jobcenter auch schon mehrfach um eine Umschulung gebeten, doch bisher immer vergebens. Am Donnerstag habe sie wieder einen Termin, zu dem die Familienhelferin, die ihr seit Alexis’ Geburt zur Seite steht, mitkommen will. „Vielleicht klappt es dann endlich“, gibt Astrid Höger die Hoffnung nicht auf.

Sie achte sehr aufs Geld, erzählt die Mutter – „ich kaufe fast alles gebraucht, bei Ebay-Kleinanzeigen oder auf Flohmärkten.“ Noch nie war sie mit ihrer Tochter im Urlaub. Die Wohnung ist nur spartanisch möbliert, einen Flachbildschirm-Fernseher sucht man ebenso wie andere moderne Heimelektronik vergebens. Zum Basteln für Alexis hebt die Mutter leere Joghurtbehälter und die Pappen von Toilettenpapapier- oder Küchenrollen auf. Was die Kleine an höherwertigen Spielsachen besitzt, sind Geschenke der Großeltern und eines früheren Lebenspartners. Von Alexis Papa kommt keinerlei Unterstützung, er hat sich nach fünf gemeinsamen Jahren von ihr getrennt, als das Mädchen noch gar nicht auf der Welt war, erzählt Astrid Höger.

Jetzt, im Vorfeld der Einschulung, hat die junge Frau alles Mögliche versucht, um Geld aufzutreiben. „Ich habe den Ranzenhersteller angeschrieben und nach einem Rabatt oder einem Vorführmodell gefragt – aber dort hieß es nur, bei allem Verständnis für unsere Situation: Es gebe so viele solcher Anfragen, dass man keine Ausnahmen machen könnte.“ Auch von der Krankenkasse kam keine Hilfe. Und beim Jobcenter hieß es, sie müsse dann eben ein Darlehen aufnehmen. Schließlich hätten Eltern von schulpflichtigen Kindern Anspruch auf Geld aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. „Das sind im August 70 Euro – für alles, also Lernmittel, Hefte, Federtasche… und den Ranzen, wie auch immer das gehen soll“, meint Astrid Höger. Ganz zu schweigen davon, dass ein Kind zur Einschulung auch noch etwas Hübsches anziehen sollte, dass es eine Schultüte braucht und dass es diesen besonderen Tag auch besonders feiern möchte.

Weil sie keinen anderen Ausweg wusste, habe sie all ihren Mut zusammengenommen und die Spendenseite im Internet eröffnet, erzählt Astrid Höger. „Es ist mir peinlich, 31 Jahre jung, alleinerziehend und hilfsbedürftig zu sein. Aber meine Tochter ist mir das Liebste auf der Welt, für sie würde ich alles tun.“

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