Tag der offenen Justiz : Justiz zum Anfassen

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Beim Tag der offenen Tür am Schweriner Landgericht erlebten Besucher eine lehrreiche Gerichtsverhandlung.

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24. November 2017, 20:45 Uhr

Der Fall, den Richter Robert Piepel zu verhandeln hatte, war so banal wie alltäglich an den Gerichten MVs. Aber er war lehrreich fürs Publikum, das die Stuhlreihen am anderen Ende des Schweriner Gerichtssaals füllte. Einige Besucher beim Tag der offenen Tür am Schweriner Landgericht stellten sich einer besonderen Herausforderung. Sie übernahmen in dem fiktiven Fall die Rolle der Schöffen, der Staatsanwältin, der Verteidigerin, der Zeuginnen und des Angeklagten.

Es ging um einen Faustschlag, mit dem ein Geburtstagskind bei seiner Geburtstagsfeier einem Gast das Nasenbein gebrochen haben soll, eine die vom Gast zuvor betätschelte Freundin des Geburtstagskindes – und viel Alkohol. Piepel ließ kaum eine Formalie einer richtigen Verhandlung aus. Er fragte nach Namen, Beruf, Alter und Einkommen. Wie er es gewohnt ist, belehrte Piepel jeden Zeugen, dass er zur Wahrheit verpflichtet sei. Und als es im Publikum einmal laut wurde, wies der Richter darauf hin, dass Zwischenrufer durchaus mit einem Ordnungsgeld belegt werden können.

Der Angeklagte und die drei Zeugen, allesamt Schülerinnen und Schüler einer Berufsschulklasse für angehende Rechtsanwalts- und Notarsfachangestellte aus Schwerin, präsentierten äußerst unterschiedliche Versionen der Tat, als sie von Piepel ausgefragt wurden. Der Angeklagte behauptete standhaft, er habe seinen Kontrahenten lediglich geschubst, damit der seine Freundin nicht mehr belästigt. Der Verletzte bestritt vehement, einen Anlass für den Angriff des anderen geliefert zu haben. Die Freundin wiederum fühlte sich durchaus belästigt von dem Gast, und deutete an, ihr Freund sei deshalb ausgerastet. Den Faustschlag aber hatte sie nicht gesehen.

Die in Juristenroben gekleideten Laien-Staatsanwältinnen und die Verteidigerin fragten – unterstützt von zwei Profis – eifrig nach. Wie im richtigen Gerichtsleben mussten Piepel und seine beiden Schöffinnen am Ende den wahren Kern der Geschichte herauslesen. Und wie es im Gericht üblich ist, erhoben sich alle Anwesenden von ihren Plätzen, bevor Piepel das Urteil verkündete. Der jugendliche Angeklagte wurde verwarnt und sollte 250 Euro zahlen.

Es sei doch recht anstrengend, auf so viele Details achten zu müssen, resümierte eine der Schöffinnen. Eine Staatsanwältin meinte, sie habe doch arg viel mitschreiben müssen. Und der Angeklagte war froh, die Anklagebank verlassen zu können. „Es ist schon komisch, die ganze Zeit derart ausgefragt zu werden.“

Solche lehrreichen Rollenspiele veranstalten die Juristen vom Verein „Jugendrechtshaus Schwerin“ gelegentlich auch in Schulen, sagt die Vereinsvorsitzende Katja Surminski. Ansonsten versucht der Verein, gerade jungem Publikum die Aufgaben von Juristen und Gerichten nahezubringen. Wer den Tag der offenen Tür bei Gericht verpasst hat, kann sich übrigens einen richtigen Prozess jeder Zeit am Amts- oder Landgericht anschauen. Hauptverhandlungen sind in der Regel öffentlich, soweit es nicht um Jugendliche oder Familienangelegenheiten geht. Allerdings geben die hiesigen Gerichte nur per Aushang im Gerichtsflur bekannt, wer am entsprechenden Tag vor welchem Richter steht. Ob dem Angeklagten Ladendiebstahl, Beleidigung, Betrug oder ein Nasenbeinbruch vorgeworfen wird, geht aus dem Aushängen leider nicht hervor.

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