zur Navigation springen

Geothermie : Juristisch herrenlose Bohrlöcher

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Einst wollte die DDR Erdwärme zum Heizen nutzen – dazu waren Tiefenbohrungen nötig, die jetzt mit Zement verfüllt werden müssen

Geothermie ist kein Schlagwort aus dem Energiewende-Zeitalter: Bereits in den 1980er-Jahren versuchte das Unternehmen VEB Geothermie Neubrandenburg DDR-weit mit Tiefenbohrungen Erdwärme zur Beheizung von Neubaugebieten zu nutzen. In einigen Kommunen wie Waren, Neubrandenburg oder Prenzlau gelang das. In anderen Orten wie in Stralsund ging es über bis zu 1600 Meter tiefen Bohrungen nicht hinaus. Nach Angaben des Energieministeriums existieren aktuell landesweit zehn solcher „juristisch herrenloser“ Tiefenbohrungen, die nun nach und nach auf Kosten des Landes verfüllt werden.

In Stralsund ließ das Bergamt Stralsund vor wenigen Tagen mitten im Plattenbaugebiet Grünhufe einen 35 Meter hohen Bohrturm über der Geothermie-Tiefenbohrung „6/89“ errichten. Rund zwei bis drei Wochen wird es dauern, so schätzt Bergamtmitarbeiter Alexander Kattner, bis das Loch mit Zement verfüllt ist.   Zunächst werde mit der Bohranlage schrittweise ein Gestänge ins Bohrloch eingeführt, mit dessen Hilfe das im Bohrloch eingebaute Rohr an die Oberfläche gezogen wird. Anschließend wird ein Rohrgestänge als Füllrohr für den Beton in das Loch getrieben. „Ähnlich einer ,Spritztüte‘ beim Kuchenbacken wird das Füllrohr zurückgezogen und so das Loch dann Stück für Stück mit Beton verfüllt“, erklärte Kattner das Verfahren. 

In der gesamten DDR mit Schwerpunkt im norddeutschen Becken hatte das Unternehmen VEB Geothermie Neubrandenburg seit Anfang der 1980er-Jahre 30 Tiefenbohrungen in bis zu 2600 Meter in die Erde getrieben. „Mit dem expandierenden Wohnungs- und Industriebau in der DDR wurde nach Alternativen zu den knapper werdenden konventionellen Energieträgern gesucht“, erinnert sich der damalige Geschäftsführer Herbert Schneider. Die DDR war in den 1980er-Jahren dem Westen in puncto Geothermie weit voraus, ist der heute 77-Jährige überzeugt. Das Potenzial der Technologie sei auch heute bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.

Das erste geothermische Heizkraftwerk ging 1984 in Waren an der Müritz in Betrieb – 1000 Wohnungen wurden mit Warmwasser und Wärme versorgt, danach folgten Neubrandenburg und Prenzlau. Noch am 2. November  1989 beschloss der Ministerrat der DDR die „Grundlinie für die Nutzung regenerativer Energiequellen in der DDR“.

An anderen Orten wie in Stralsund, Schwerin oder Karlshagen auf Usedom ließ man die Projekte mit der politischen Wende fallen, weil sie sich als unwirtschaftlich herausstellten, sich kein tragfähiges Nutzungskonzept fand oder andere Anbieter auf den Markt drängten. In Stralsund trieben die Neubrandenburger Geothermiker zwischen 1985 und 1989 drei Bohrungen in Bundsandstein-Speicher.  Das in 1600 Meter Tiefe rund 60 Grad warme Thermalwasser sollte an die Oberfläche gepumpt werden, um ihm dort die Wärme zu entziehen. Einem Kreislauf gleich sollte das kalte Wasser dann möglichst wieder in dieselben Schichten zurückgeführt werden, erinnert sich der Geologe Herbert Schneider.

Als Altlasten lässt das Land nun die zehn Tiefenbohrungen zurückbauen. Laut Altbergbauzuständigkeitsverordnung hat es die finanzielle Verantwortung über die stillgelegten bergbaulichen Anlagen. Der VEB Geothermie Neubrandenburg wurde nach der Wende aufgelöst. Im „Management Buy Out“-Verfahren seien mehrere neue Unternehmen gegründet worden, doch keines in Rechtsnachfolge des volkseigenen Betriebes, wie Schneider berichtet.

Aus Gründen der Standsicherheit und des Schutzes von potenziellen anderen Lagerstätten und des Tiefenwassers würden die Bohrungen nun zurückgebaut, erklärt Bergamtsmitarbeiter Kattner. Die Kosten beliefen sich pro Bohrloch auf mindestens 250 000 Euro, könnten je nach geologischen Gegebenheiten aber auch das Doppelte erreichen. Für zwei Verfüllungen in Stralsund zahlt das Land 570 000 Euro.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen