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Ohne Hilfe aufgeschmissen : Junge Mutti vermisst Bahn-Mobilität

vom

Hannah Stoll steht auf dem Bützower Bahnhof. Sie will zum Studium nach Rostock. Um den Zug zu erreichen, muss sie durch den Tunnel. Das ist nicht einfach. Denn die junge Mutti reist mit Kinderwagen.

Bützow | Dienstag früh, 8.15 Uhr: Hannah Stoll steht auf dem Bützower Bahnhof. Auf dem Rücken ein Instrumentenkoffer. Sie will zum Studium nach Rostock. Der Zug fährt vom Bahnhsteig 2. Das heißt: Sie muss durch den Tunnel. Doch das ist nicht so einfach. Denn Hannah Stoll ist junge Mutti und reist mit Kinderwagen. Einen Fahrstuhl gibt es nicht. Und weit und breit ist auch kein Mensch zu sehen, der helfen könnte. Keine Seltenheit, wie die Bützowerin erzählt. Bahnhofspersonal wurde vor Jahren abgezogen, nur Stundenweise ist jemand vor Ort.

"Ich habe in der ersten Zeit deshalb verbotenerweise den Gleisübergang am Bahnsteigende genommen, der für Rollstuhlfahrer gedacht ist, um mit dem Kinderwagen zum Zug zu gelangen", erzählt die Studentin. Doch nachdem sie zweimal von Bahnmitarbeitern "erwischt" und beim zweiten Mal ein Strafgeld angedroht wurde, nutzte sie - wie von den Bahnmitarbeitern gefordert - den Mobilitätsservice der Bahn. Dafür muss man mindestens 24 Stunden vor Fahrtantritt eine kostenpflichtige Service-Nummer anrufen. Dann kommt extra ein Bahnmitarbeiter nach Bützow und führt die Reisenden über die Gleise. "Weil ich regelmäßig dienstags und donnerstags mit Kinderwagen nach Rostock fahre, habe ich gleich beide Tage angemeldet." Doch das ginge immer nur für eine Woche. Jedes Mal, wenn sie die Hotline anrief, musste sie alles wieder "von vorne erklären". "Und das per Handy, das geht natürlich aufs Geld", schildert Hannah Stoll.

Das war der Bützowerin einfach zu "nervig". Also nutzte sie auf eigenes Risiko wieder allein die Gleisüberführung. Bis sie jetzt wieder von einem Bahnmitarbeiter bei dieser "illegalen Gleisüberschreitung" ertappt wurde. Sie möge bitte die Unterführung nutzen, sagte ihr der Mann. "Als ich ihn fragte, ob er nicht mit anfassen könne, sagte er, er sei im Dienst und sei deshalb nicht versichert", erzählt die 29-Jährige. "Deutsche Bahn, Sicherheit, stand auf der Dienstuniform." Für sie hat das mit Mobilitätsservice nichts zu tun.

Bahnsprecher Burkhard Ahlert will die Kritik so nicht stehen lassen. "Die Anmeldung kann auch per E-Mail erfolgen oder per Onlineformular auf unserer Internetseite." Außerdem würden Anmeldungen für fünf Hin- und Rückfahrten entgegengenommen. "Diese zehn Fahrten müssen nicht zwingend in einer Woche sein", so Ahlert.

Nur: Davon weiß Hannah Stoll nichts. Das habe man ihr so nicht gesagt. "Ich habe zweimal nachgefragt", sagt die Bützowerin. Zum Tragen von Kinderwagen erklärt Ahlert u.a.: "Viele Mitarbeiter werden diese Hilfe zwar leisten, aber wir können sie arbeitsrechtlich dazu nicht verpflichten. Viele Mitarbeiter können nicht schwer heben oder haben andere körperliche Probleme." Das Risiko liege bei der Kundin.

Die fühlt sich mit ihren Problemen nicht ernst genommen. Als sie einen verantwortlichen Manager in Rostock am Telefon hatte, habe dieser erklärt, dass 2012 ein Fahrstuhl in Bützow gebaut werde. Er habe extra noch einmal im Computer nachgeschaut. Auch das kann Ahlert so nicht bestätigten: "Der vorgesehene Aufzug für den Bahnhof Bützow ist in der Mittelfristplanung enthalten. Vorbehaltlich der zugesagten Finanzierung durch das Land MV wird das Projekt mittelfristig fertiggestellt. Im Jahr 2012 erfolgen weitere Planungen, aber noch keine Umsetzung der Baumaßnahme", so der Bahnsprecher.

Hannah Stoll wundert sich darüber nicht: "Ich hatte ohnehin den Eindruck, dass der Mann dort in Rostock uns nur beruhigen wollte."

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erstellt am 20.Dez.2011 | 09:30 Uhr

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