Parteien in MV : Jung, hip, drin

Nach der Bundestagswahl verbuchen die Parteien steigende Mitgliederzahlen

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06. Februar 2018, 12:00 Uhr

Junge Menschen für Politik zu begeistern, das gelang Parteien immer weniger. Doch seit der Bundestagswahl im September verzeichnen alle größeren Parteien einen Zuwachs besonders an jungen Neumitgliedern. Über die SPD in MV ist eine wahre Eintrittswelle geschwappt. Seit dem Bundesparteitag am 21. Januar gingen online 254 Beitrittsanträge ein, so Landesgeschäftsführer Steffen Wehner. Rund ein Drittel der Antragsteller sind jünger als 35. Heute ist die letzte Möglichkeit, noch in die SPD einzutreten, um am Mitgliederentscheid über die Groko teilzunehmen. Auch die anderen Parteien konnten den Schrumpfungstrend umkehren. Vom Tag der Bundestagswahl an sind über 100 Menschen in die Landes-CDU eingetreten. Grüne  und AfD stabilisieren sich mit leichten Zuwächsen. Auch die Linke  vermeldet vermehrte Eintritte.

Was aber bewegt gerade junge Menschen, ein Parteibuch in die Hand zu nehmen? Ist die Politikmüdigkeit vorbei? Welche Themen brennen dem Nachwuchs auf den Nägeln? Wir haben zwei Neumitglieder getroffen, am Ostseestrand und im Herzen der Landeshauptstadt.

Franziska Richert identifiziert sich mit den Werten und Vorstellungen der CDU.
Wibke Niemeyer

Franziska Richert identifiziert sich mit den Werten und Vorstellungen der CDU.

 

Mitreden und mitentscheiden

Franziska Richert ist von Kindesbeinen an mit Warnemünde verbunden. „Ich bin hier aufgewachsen, zur Grundschule gegangen und arbeite nun im Familienunternehmen“, erzählt die 29-Jährige. Die Personalleiterin und Prokuristin der Warnemünder Bau GmbH ist seit vergangenem Herbst neues Mitglied im CDU-Stadtbezirksverband Rostock Nordwest-Warnemünde.

Schneller und besser über aktuelle Themen in der Region und Welt informiert sein, aber auch mitreden und vor allem mitentscheiden können – das sind Richerts Beweggründe für eine Parteimitgliedschaft. „Ich mag Ungerechtigkeit nicht und finde es wichtig, dass Menschen und ihre Meinung gehört werden“, sagt sie.

Richert befasst sich berufsbedingt mit dem Fachkräftemangel im Baugewerbe. „Mit Projekten in Kindergärten und Schulen möchte ich schon die Jüngsten spielerisch für den Bau begeistern“, sagt sie. Das gelingt ihr mit dem Projekt „Mut zum Bau – wir sind schlau“. Gemeinsam mit Kindern im Vorschulalter baut sie ein Hochbeet. „Die Kinder mischen selbst Beton an, mauern mit kleinen Steinen“, erklärt Richert. Ihr Ziel sei es, langfristig der Abwanderung aus MV entgegen zu wirken und das Image in der Baubranche vor Ort zu verbessern. „Viele junge Menschen wissen heute gar nicht mehr, wie vielfältig Bau- und Handwerksberufe sind“, weiß sie aus Gesprächen.

Bei einem Fest in der DRK-Kindertagesstätte „Knirpsenland“ in Warnemünde lernt Richert Chris Günther, Vorsitzende des CDU-Stadtbezirksverbandes Rostock Nordwest-Warnemünde, kennen. Die Frauen sind sich auf Anhieb sympathisch. „Ich habe im Gespräch gemerkt, dass die Werte und Vorstellungen der Partei zu mir passen und identifiziere mich damit“, erzählt die gebürtige Leipzigerin. Es folgte die Online-Bewerbung mit Motivationsschreiben. „Dann gab es telefonisch ein Gespräch und ich bekam recht schnell die Zusage“, erinnert sie sich.

Nach Fachabitur in Schmarl und Ausbildung zur Steuerfachangestellten in Rostock zieht Richert nach Bremen zum Erststudium. „Ich wollte in einer anderen Stadt, aber im Norden wohnen bleiben, um nah an der Heimat und der Familie zu sein“, sagt sie.  An der Fachhochschule für Ökonomie und Management (FOM) studiert sie Wirtschaftsrecht. Auf den Abschluss folgt der Studiengang „Unternehmensrecht“ ebenfalls an der Fachhochschule für Ökonomie und Management, allerdings nebenberuflich und in Hamburg. „Ich arbeite Vollzeit und am Wochenende sind Seminare. Das alles unter einen Hut zu kriegen, ist sehr anstrengend“, gibt sie offen zu.

Erste Erfahrungen mit Politik macht das CDU-Neumitglied im Studium. An der Hochschule engagiert sie sich in „diversen Gremien“, wie sie sagt, u.a. in der „Studienfachgruppe Wirtschaftsrecht“. „Ich war nie Semestersprecherin, stehe nicht gerne im Mittelpunkt, aber kann nicht weghören, wenn Menschen meckern“, erzählt sie. Ihre Mitstudenten „haben mir den Kümmer-Stempel aufgesetzt“, sagt sie schmunzelnd.

Wenn sie nicht gerade Fachliteratur liest, kümmert sie sich um Personalangelegenheiten im familiären Betrieb ihres Vaters. Familie und Freunde halten ihr im oft stressigen Alltag den Rücken frei. Erholung findet sie beim Spaziergang am Strand. „Für ein richtiges Hobby fehlt mir die Zeit, aber die Parteiarbeit könnte eines werden“, sagt sie. Denn was das betrifft, „befinde ich mich noch in der Findungsphase“, so Richert. Sie besucht regelmäßig die monatlichen Sitzungen des Stadtbezirksverbandes, „um Einblicke zu bekommen“. Im Frühjahr 2019 steht in Rostock die Oberbürgermeisterwahl an. Wahlkampf betreiben? „Lust habe ich schon, aber es muss zeitlich passen“, sagt Richert.

Wibke Niemeyer

Sebastian Glanz sympathisierte schon länger mit der SPD.
Carlo Ihde

Sebastian Glanz sympathisierte schon länger mit der SPD.

 

„Jetzt musst du dich festlegen“

Dass Sebastian Glanz weiß, wie die jüngere Generation tickt, muss er nicht mehr beweisen. Seit vier Jahren betreibt der 31-Jährige den Club Zenit in der Schweriner Nordstadt. Gerade packt der Parchimer an und  lässt wieder Leben ins Säulengebäude am Markt der Landeshauptstadt einziehen. Auch politisch will er verstärkt zupacken und ist im Dezember in die SPD eingetreten. „Jetzt war einfach der Moment, wo ich dachte: Du musst dich festlegen“, sagt er.

Den Draht zur Kommunalpolitik bekam er vor zehn Jahren, als er als gelernter Verlagskaufmann Kommunen in der Öffentlichkeitsarbeit betreute. 2015 dann bewarb er sich als parteiloser Kandidat in Parchim um das Bürgermeisteramt. Die Probleme seiner Generation schien die Politik nicht so richtig auf den Schirm zu bekommen. „Parchim hat Geld. Das ist eine gute Grundlage, um etwas aufzubauen. Mich hatte geärgert, dass junge Leute irgendwann keinen Platz zum Bauen mehr gefunden haben, dass im Freizeitbereich die Perspektive für junge Leute fehlte. In meinen Augen sah sich die Stadt zu wenig als Dienstleister, die sie aber sowohl für Einwohner als auch Unternehmer sein muss, andernfalls verliert sie den Wettbewerb mit anderen Städten, die bessere Konditionen schaffen“, sagt Glanz rückblickend über seine Kandidatur.

Damals habe er schon der SPD nahegestanden, viele Freunde in der Partei gehabt und  sozialliberal gedacht, wollte aber unabhängig sein. Sein Eintritt bei den Sozialdemokraten nun sei aber nicht durch die Groko-Verhandlungen beflügelt, sondern „weil ich glaube, dass die Parteien junge Leute brauchen, die was auf dem Kasten haben. Ich war nie jemand, der sich in die Ecke stellt und rumjammert. Ich möchte aktiv werden.“ Und da ist die SPD aktuell die spannendste Partei: Angefangen bei den kontroversen, aber konstruktiven Diskussionen  in den Ortsvereinen bis hin zu den Verhandlungen in Berlin. Und dennoch macht Neumitglied Sebastian Glanz keinen Hehl daraus, dass er sich etwas anderes als die Groko wünscht. „Wenn ich mich – zumal als Parteivorsitzender – nach der Bundestagswahl hinstelle und sage, wir stehen nicht für eine Große Koalition zur Verfügung, dann sollte man dazu stehen. Wir werden an unseren Aussagen gemessen“, sagt er entschlossen. Deutschland hätte die Chance auf dreieinhalb Jahre spannende Politik für die Bürger, wenn die SPD nein sagte, die Kanzlerin eine Minderheitsregierung bildete und jede Partei im Parlament in der Pflicht wäre für ihre Gesetzesvorschläge selber Mehrheiten zu organisieren. In der Kommunalpolitik werde schon lange ähnlich parteiübergreifend gearbeitet,   um zusammen wirklich Lösungen zu finden. „Ich würde gerne sehen, wie wir alle mit so viel Aufmerksamkeit wie lange nicht mehr  auf das Parlament gucken, weil die Parteien sich bemühen müssen, die Themen ganz anders zu erklären und vielleicht dieser aufgebauschte AfD-Hype wieder runtergefahren wird“, sagt er nachdenklich, aber mit Nachdruck.

Carlo Ihde

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