Ausstellung in Prora : Judenhass im Alltag

Dem alltäglichen Antisemitismus geht die Ausstellung „Angezettelt – Judenfeindliche Klebezettel und Gegenwehr“ in Prora auf den Grund. Fotos: Stefan Sauer
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Dem alltäglichen Antisemitismus geht die Ausstellung „Angezettelt – Judenfeindliche Klebezettel und Gegenwehr“ in Prora auf den Grund. Fotos: Stefan Sauer

Sie klebten auf Briefen, an S-Bahn-Fenstern oder waren Sammelobjekt: kleine Klebemarken mit antisemitischen Sprüchen

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06. August 2015, 21:00 Uhr

Dem täglichen Antisemitismus geht die Ausstellung „Angezettelt – Judenfeindliche Klebezettel seit gestern im Dokumentationszentrum Prora auf den Grund.  An Alltagsobjekten wie Marken, die auf Briefen klebten oder sogar als Sammelbögen angeboten wurden, und Aufklebern wird eine Alltagsgeschichte der Judenfeindschaft vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute erzählt.

„Der Antisemitismus wird häufig auf den Nationalsozialismus reduziert“, sagte die Kuratorin der Ausstellung, Isabel Enzenbach, vom Zentrum für Antisemitismusforschung. Die Ausstellung zeige an Originalobjekten, dass es eine Vor- und Nachgeschichte an vielfältigen Ressentiments gegen Juden gegeben habe und bis heute gebe. Parallel dazu werden Klebemarken gezeigt, die als Teil der Zivilgesellschaft zeitgleich auch eine  Gegenwehr zu den antisemitischen Hetzmarken dokumentieren.

Gezeigt werden mehrere 100 Klebezettel in ihrem jeweiligen Alltagskontext und mit erläuternden Textinformationen: Ein Klebezettel, der dazu auffordert, nicht bei Juden zu kaufen, hatte eine Mitarbeiterin des Märkischen Museums in Berlin von einer S-Bahn gekratzt. Auch 150 Briefe eines Liebespaares aus den Jahren 1919 bis 1923 werden ausgestellt –  alle Umschläge sind mit einer Marke mit antisemitischem Inhalt beklebt. In einem Brief berichtet die Frau, dass sie vom Postboten auf die Marken angesprochen worden sei. Ob ihr Verlobter ein Antisemit sei, habe der Postbote sie gefragt. Worauf die Frau erwidert habe: „Und was für einer.“

Parallel zur antisemitischen Hetze habe sich über das gleiche Medium auch Gegenwehr organisiert. Ab 1890 reagierten Liberale und Sozialdemokraten mit dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus auf judenfeindliche Hetze. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ließ ebenfalls Klebemarken drucken mit den Zitaten „War je ein großer Geist Antisemit?“ oder „Die Nazis sind unser Unglück“ aus dem Jahr 1930.

Die Ausstellung zeigt Dokumente aus Museen, vor allem aber aus der Privatsammlung von Wolfgang Haney, der 1924 als Kind einer jüdischen Mutter geboren wurde und seit seiner Pensionierung vermehrt Antisemitica sammelte.

Aktuelle Beispiele des Hasses gegenüber Juden, Einwanderern oder Flüchtlingen liefern die Objekte aus der Sammlung von Irmela Mensah-Schramm, die mehr als 100 000 Hassprüche und rechtsextreme, fremden- und judenfeindliche Aufkleber im Laufe von Jahrzehnten aus dem öffentlichen Raum entfernt hat. In diesem Jahr wurde sie dafür mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet. 

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