Die Schweriner Staatskapelle feiert Jubiläum : Jubel mit bitterem Unterton

<fettakgl>Und über dem Portal prangt das rote 'Kulturschutz'-Logo</fettakgl> als Protest gegen Spar- und Fusionspläne: Die Musiker der Staatskapelle beim Gruppenfoto vor dem Theatergebäude<foto> dpa</foto>
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Und über dem Portal prangt das rote "Kulturschutz"-Logo als Protest gegen Spar- und Fusionspläne: Die Musiker der Staatskapelle beim Gruppenfoto vor dem Theatergebäude dpa

Eines der ältesten Orchester Deutschlands feiert Geburtstag: Die Mecklenburgische Staatskapelle wird in diesem Jahr 450 Jahre alt. Der Jubel hat aber bittere Untertöne: Möglicherweise gibt es sie nicht mehr lange.

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21. Januar 2013, 06:39 Uhr

Rostock/Schwerin | Eines der ältesten Orchester Deutschlands feiert Geburtstag: Die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin wird in diesem Jahr 450 Jahre alt. Der Jubiläums-Jubel hat aber bittere Untertöne: Möglicherweise gibt es die Staatskapelle, die im vergangenen Jahr mit einem "Echo Klassik" der Deutschen Phono-Akademie ausgezeichnet wurde, nicht mehr lange - zumindest nicht als eigenständiges Orchester. Das Staatstheater, zu dem es gehört, steckt in existenziellen Finanznöten. Wiederholt mussten die Landeshauptstadt und das Land das größte Theater Mecklenburg-Vorpommerns in den vergangenen Jahren vor der Zahlungsunfähigkeit retten. Im Zuge der vond er Landesregierung geplanten Theaterreform könnte die Staatskapelle mit der größeren Norddeutschen Philharmonie Rostock verschmolzen werden.

Es wäre das Aus für eine einzigartige Tradition: Anno 1563 holte Herzog Johann Albrecht den Zwickauer "Tonsetzer" David Köler als Kapellmeister an den Schweriner See. Kölers Anstellungsurkunde vom 17. Juni 1563 gilt als Gründungsdokument des Klangkörpers. Zu den Chefdirigenten der gehörten auch Kurt Masur und Klaus Tennstedt.

Die Feierlaune ist in der Landeshauptstadt entsprechend gedämpft. "Wir feiern das Jubiläumsjahr im Rahmen dessen, was mit den geringen Mitteln, die uns hierfür zur Verfügung stehen, möglich ist", sagt Generalintendant Joachim Kümmritz. Die 450-jährige Tradition des Orchesters soll in allen Sinfoniekonzerten in diesem Jahr gewürdigt werden: In jedem Programm findet sich ein Werk aus der mecklenburgischen Musikgeschichte. Schließlich gehörten Komponisten wie Antonio Rosetti (1750-1792) und Friedrich von Flotow (1812-1883) zu den Schweriner Kapellmeistern. Staatskapellen-Geiger Stefan Fischer fahndet seit Jahren in Archiven nach Werken der Alten und bringt sie zur Wiederaufführung. Für das Sinfoniekonzert am 28., 29. und 30. Januar hat er eine "Sinfonia" von Adolph Carl Kuntzen (1720-1781) entdeckt, die im 18. Jahrhundert mehrfach aufgeführt wurde, dann aber in der Versenkung verschwand. "Das Werk erklingt nach mehr als 200 Jahren jetzt zum ersten Mal wieder", sagt er. Auf dem Plan des Februar-Konzerts steht eine "Jubelouvertüre" von Flotow, im März eine "Elegie" von Alois Schmitt (1827-1902), im April das "Salve Regina" von Rosetti.

Beim Festkonzert am 21. Mai soll in die Zukunft geblickt werden: Bei Siegfried Matthus, einem der bekanntesten lebenden Komponisten Deutschlands, hat das Staatstheater ein Werk in Auftrag gegeben. "Schweriner Konzert" heiße es und sei kein Jubelstück zum Jubiläum des Orchesters, sondern eine Mahnung, es weiter zu fördern und zu erhalten, erklärt Matthus. "Die engstirnigen Sparmaßnahmen auf allen Gebieten der Kultur machen mir große Sorgen", bekennt der 78-jährige Komponist. "Damit werden Werte zerstört, die über die Jahrhunderte gewachsen sind und die in der Welt die einmalige Theater- und Orchesterlandschaft hervorgebracht haben."

Nicht nur in Schwerin, auch anderenorts in Deutschlands nehmen Sparpolitiker gerne die Orchester in den Blick. Aufgrund der zumeist 50 bis 120 Musiker sind sie ein erheblicher Kostenfaktor. Die Staatskapelle Schwerin hat aktuell 68 Mitglieder. Zu DDR-Zeiten waren es 88; Anfang der 90er-Jahre stieg die Zahl kurz auf 108, nachdem ein zweites Schweriner Profi-Orchester aufgelöst worden war.

Für den 17. Juni, den tatsächlichen Geburtstag der Staatskapelle, wird ein Wandelkonzert durch die ganze Stadt vorbereitet, das mit einem Wunschkonzert im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters enden soll. Eine Reverenz an das Publikum, sagt Orchestervor standsmitglied Florian Heinl: "Sie haben es ermöglicht, dass es seit 450 Jahren das Orchester gibt."

Wie es weitergeht, wisse niemand in der Staatskapelle. Das lege sich aufs Gemüt, sagt Intendant Kümmritz: "Dass bei der derzeitigen kulturpolitischen Situation manchem Musiker der Jubel im Halse stecken bleibt, ist verständlich." Zumindest im Jubiläumsjahr werde es keine Veränderungen in der Staatskapelle geben. Mehr kann er nicht versprechen.

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