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Jürgen Goecke : Job-Nachschlag für Mister Arbeitsmarkt

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Arbeitsaufschlag im Rentenalter: Jürgen Goecke hat sich das vorgenommen, was auf andere noch zukommen wird. Der Chef der Landesarbeitsagentur wechselt bis zu seinem 67. Lebensjahr in die Zentrale der Bundesagentur.

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erstellt am 17.Jan.2012 | 09:39 Uhr

Schwerin | Arbeitsaufschlag im Rentenalter: Jürgen Goecke hat sich für die kommenden zwei Jahre das vorgenommen, was auf andere noch zukommen wird. Der Chef der Landesagentur für Arbeit Nord, der im Sommer ins Rentenalter eintritt, hat seinen Vertrag noch einmal um zwei Jahre verlängert und wechselt bis zu seinem 67. Lebensjahr in die Zentrale der Bundesagentur in Nürnberg. Dort wolle er als Geschäftsführer das weitere "Zusammenwachsen" von Kommunen und Arbeitsagentur in den gemeinsamen Jobcentern fördern. "Eine Aufgabe, die mich zum Ende meines Berufslebens noch einmal gereizt hat", sagt Goecke. Spaß mache es ihm, auch über das Rentenalter hinaus arbeiten zu gehen, begründet er seine Entscheidung. Zwar gebe es Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen dazu nicht in der Lage seien, aber: "Ich bin aber überzeugt, Deutschland kommt nicht daran vorbei, angesichts des Fachkräfteproblems die Altersgrenze künftig hochzusetzen", meint der 64-Jährige.

Der Wirtschaft werden die Arbeitskräfte knapp

Mit seinem Entschluss geht Goecke ganz persönlich das an, worauf er in den vergangenen Jahren als einer der ersten im Nordosten bei nahezu jeder Gelegenheit in Mecklenburg-Vorpommern hingewiesen hat. Der Norden werde in den kommenden Jahren die Auswirkungen der demografischen Entwicklung noch deutlich zu spüren bekommen, schrieb er wie kaum ein anderer mit Beharrlichkeit der Landespolitik, der Wirtschaft und Gewerkschaften in die Aufgabenhefte - in der Wirtschaft werden die Arbeitskräfte knapp. Und doch kommt die Botschaft noch immer nicht überall an: "Noch ist längst nicht allen bewusst, wie sich der Markt ändern wird." Dabei werde die Zahl der Beschäftigten im arbeitsfähigen Alter in MV jährlich um 15 000 sinken, prognostiziert er seit langem - und erfährt nahezu bei jeder monatlichen Vorstellung der neuesten Arbeitsmarktzahlen, dass die demografische Entwicklung längst in MV zu spüren ist. So seien neben konjunkturellen Gründen, der krisenstabilen Wirtschaftsstruktur in MV vor allem eben auch der Rückgang der Frauen und Männer im erwerbsfähigen Alter Grund dafür, das die Arbeitslosigkeit in Goeckes Amtszeit immer wieder neue Tiefstände erreichte - vom Höchststand mit 211 500 Arbeitslosen im Februar 2005 auf 127 800 im Februar 2010 oder gar auf den bisher niedrigsten Wert seit der Wende - auf 94 100 Arbeitslose im Oktober vergangenen Jahres. "Ein gigantischer Rückgang", freut sich Goecke am Ende seines Amtszeit an der Küste. Und doch weiß er: "Bei allem Glück über den Rückgang der Arbeitslosigkeit darf man nicht vergessen, dass die Quote in Mecklenburg-Vorpommern noch immer bedrückend hoch ist." Noch immer ist die Arbeitslosenquote in MV mit zuletzt 12,2 Prozent im Dezember 2011 fast doppelt so hoch wie im Bundesschnitt mit 6,6 Prozent.

Der größte Umbau der Arbeitsverwaltung

Die Erfolge bleiben dennoch. Nein, die Situation auf dem Arbeitsmarkt dürfe man nicht schön reden, meint der Mr. Arbeitsmarkt des Nordens. "Aber die Entwicklung ist deutlich besser als noch vor Jahren." Auch, so meint Goecke, weil sich die Arbeitsämter neu aufgestellt haben. In seiner Zeit als Chef der Arbeitsagentur fiel der größte Umbau der Arbeitsverwaltung, die seinerzeit bundesweit nach Affären um angeblich gefälschte Vermittlungsstatistiken und nach der Kritik an zu niedrigen Vermittlungsquoten auf den Kopf gestellt wurde. "Der Versuch, aus einer Behörde einen wirkungsorientierten Dienstleister zu machen, ist gut gelungen", blickt Goecke zurück. Inzwischen sei ein Arbeitgeberservice in MV mit 170 allein für die Arbeitgeber bereitstehenden Vermittlern aufgebaut worden - "mit einer enorm hohen Qualität", ist der 64-Jährige überzeugt - auch in den gemeinsam von Arbeitsagentur und Kommunen geführten Jobcentern. Das bekommen auch Hartz-IV-Empfänger zu spüren. Seit dem Radikalumbau der Arbeitsmarktpolitik sei die Zahl der Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften in MV um 26 Prozent auf 117 000 gesunken.

Für Bundesländer in Ost und West zuständig

Goecke kennt die Arbeitsverwaltung aus dem Effeff. Der aus Bremen stammende Goecke war gleich nach seinem Studium in Berlin in die Dienste der damaligen Bundesanstalt für Arbeit getreten. Jahre später war er einer der ersten, der ab Juli 1990 im erzgebirgischen Annaberg-Buchholz Ost-Erfahrungen sammelte, als in den neuen Ländern der Arbeitsmarkt sozusagen über Nacht vor dem Zusammenbruch stand. Nach weiteren Zwischenstationen u. a. als Leiter der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Bonn übernahm Goecke 2003 die Leitung der Arbeitsagentur Nord in Kiel, der einzigen Regionaldirektion die mit Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern für Bundesländer in Ost und West zuständig ist. Inzwischen ist der Arbeitsmarkt in MV längst ein anderen geworden, meint Goecke. Vor Jahren noch sei es auch darum gegangen, Arbeitslose in die alten Bundesländer oder auch Ausland zu vermitteln. Heute gehe es darum, jungen Leuten noch stärker zu zeigen, welche Chancen es in MV gebe. Das kann noch dauern: "Die Köpfe in Mecklenburg-Vorpommern sind noch immer von der großen Arbeitslosigkeit der vergangenen 20 Jahre geprägt", sagt Goecke. "Die Veränderungen haben viele noch nicht gemerkt."

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