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Mecklenburg-Vorpommern

17. Dezember 2017 | 20:43 Uhr

Jette soll wieder unbeschwert lachen

vom

svz.de von
erstellt am 19.Dez.2012 | 07:51 Uhr

Bützow/Rostock | Aufgeregt patscht Jette mit ihren Händchen auf das Buch. "Frosch", sagt sie strahlend, und "Blume". Auf der nächsten Seite zeigt Katharina Heß ihrer Tochter bunte Ballons. "Luftballon", spricht sie ihr vor - doch dieses Wort ist für die knapp Anderthalbjährige noch zu schwer. "Ball", sagt Jette aber immerhin und blättert weiter.

Eine ganz normale Szene - wäre da nicht Jettes kahles Köpfchen. Durch die Chemotherapie sind ihr die Haare ausgefallen. "Dabei waren sie so schön gewachsen, man konnte sie hinten sogar schon zu einem kleinen Zopf zusammennehmen", erzählt ihre Mutter. Trotzdem hat sie zum Rasierer gegriffen und das Köpfchen der Kleinen auch von den übriggebliebenen Haarbüscheln befreit. "Es ist ja nicht für lange." Diese Zuversicht haben sich Katharina Heß und Jan Krüger, Jettes Eltern, erst mühsam zurückerkämpft. Im ersten Moment saß der Schock darüber, dass bei ihrer kleinen Tochter ein Tumor entdeckt wurde, zu tief. Zumal die Diagnose die kleine Familie aus Schlemmin bei Bützow völlig unvorbereitet traf.

"Jette bekam am 6. September abends plötzlich sehr hohes Fieber", erzählt ihr Vater. Mit dem Krankenwagen fuhr die Familie nach Güstrow ins Krankenhaus. Dort ergaben die Untersuchungen, dass Jette an einen Harnwegsinfekt litt. "Als die Beschwerden abgeklungen waren, wurde routinemäßig ihr Bauch mit Ultraschall untersucht", erinnert sich Jan Krüger. Dabei stießen die Ärzte auf eine Wucherung in der Leber - ein Hepatoblastom, wie sich später herausstellte. "Diese Lebertumoren werden normalerweise erst entdeckt, wenn sie viel größer sind", weiß der Vater heute. Auch dann würden sie keine Schmerzen verursachen, meist fielen sie nur dadurch auf, dass sich der Bauch unnatürlich wölbt. Während die Tumore dann oft schon acht und mehr Zentimeter groß sind, maß er bei Jette allerdings nur vier Zentimeter. "Für uns ist dennoch eine Welt zusammengebrochen. Man stellt in so einem Moment alles in Frage", sagt Jan Krüger. Jettes Mama hatte gerade eine Ausbildung zur Sozialassistentin begonnen, wollte anschließend Erzieherin werden. Doch die Krankheit ihrer kleinen Tochter machte ihr so zu schaffen, dass sie krankgeschrieben wurde. "Man hat in so einer Situation ja auch einfach keinen freien Kopf zum Lernen", sagt Katharina Heß. Ob und wann sie die Ausbildung fortsetzen kann, daran verschwendet die junge Mutter im Moment noch keinen Gedanken. Erst einmal geht es ausschließlich um Jette.

Während seine Frau mit der Kleinen auf die Krebsstation der Rostocker Unikinderklinik zog, habe er abendelang im Internet nach Informationen über das Hepatoblastom und seine Behandlung gesucht, so Jan Krüger. "Aber irgendwann muss man damit auch wieder aufhören. Da werden in Foren Dinge diskutiert, die nur auf Halbwissen beruhen- aber sie machen einen völlig wuschig."

Das Wichtigste in so einer Situation sei, darüber zu sprechen - davon sind die Eltern überzeugt. Katharina Heß konnte das nicht nur mit Ärzten und Schwestern, sondern auch mit anderen Müttern auf der Kinderkrebsstation - die meisten kleinen Patienten werden dort zusammen mit einem Elternteil aufgenommen. "Mit einer Mutti habe ich mich so angefreundet, dass wir auch weiter Kontakt zueinander haben werden", erzählt sie.

Jan Krüger, der zusammen mit seinem Bruder ein Möbelhaus führt, hat die Erfahrung gemacht, dass Außenstehende sehr schlecht damit umgehen können, wenn sie erfahren, dass jemand schwer krank ist - erst recht, wenn es um ein Kind geht. "Selbst Freunde wissen nicht, wie sie uns daraufhin ansprechen sollen. Wenn ich das merke, fange ich einfach an zu erzählen. Meist spürt man richtig, wie sie aufatmen - und dann auch von sich aus fragen."

Was die Gespräche mittlerweile erleichtert, ist, dass Jettes Chancen, wieder ganz gesund zu werden, gut stehen. Nach zwei Chemotherapiezyklen ist der Tumor geschrumpft, in der vergangenen Woche konnte das kleine Mädchen von einem Spezialisten operiert werden. Zur Sicherheit wird sie anschließend in Rostock noch eine Chemo bekommen - denn dort auf der Kinderkrebsstation fühlen sich die Eltern von Anfang an geborgen wie in einer Familie ."Und dann hoffen wir sehr, dass der Tumor ganz verschwunden ist", sagt Jettes Vater.

Dass das bedeuten kann, auch Weihnachten in Rostock zu verbringen, ist der kleinen Familie egal. "Hauptsache, Jette wird wieder gesund, alles andere ist zweitrangig", sagt die Mutter bestimmt.

Ihr Zuhause haben die Eltern jedenfalls schon so umgebaut, dass nichts Jettes geschwächtes Immunsystem gefährden kann: "Teppiche, Bilder, Grünpflanzen - alles musste raus", erzählt Katharina Heß. "Das sieht ganz schön steril aus. Aber was soll’s, bis Jette wieder gesund ist, haben wir uns eben Kunstblumen angeschafft."

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