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Arztreport 2012 : Jedes sechste Kind nicht fachärztlich betreut

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Fast 16 Prozent der Kinder im Alter bis zu fünf Jahren werden in Mecklenburg-Vorpommern nicht kinderärztlich betreut. Demnach ist der Prozentsatz in MV doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

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erstellt am 31.Jan.2012 | 08:22 Uhr

Berlin | Fast 16 Prozent der Kinder im Alter bis zu fünf Jahren werden in Mecklenburg-Vorpommern nicht kinderärztlich betreut. Das belegt der Barmer GEK Arztreport 2012, der gestern vorgestellt wurde. Demnach ist der Prozentsatz in MV doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

Dies werde vorrangig nicht auf eine gute Gesundheit der Kinder zurückzuführen sein, heißt es in der Analyse. Die hohe Rate deute vielmehr darauf hin, dass im Nordosten mehr als in anderen Bundesländern die Erreichbarkeit der Ärzte eine Rolle spiele. Das heißt: Im dünn besiedelten Flächenland dürften häufiger auch Allgemeinmediziner die ambulante Versorgung der Jungen und Mädchen übernehmen.

Hohe Prozentwerte hat MV indes bei der Früherkennungsuntersuchung U7a: Sie wurde bei 93,3 Prozent der Kinder im Alter von etwa drei Jahren durchgeführt, der Durchschnittswert auf Bundesebene betrug dagegen nur 85,5 Prozent.

Mit 13,2 Prozent leiden allerdings überdurchschnittlich viele Kinder in MV unter Neurodermitis. Etwa im Bundesschnitt liegt das Land bei Sprech- und Sprachstörungen, die bei 10,4 Prozent der Kinder bis 14 Jahren festgestellt wurden.

Kinderkrankheit Zappelphilipp

Sie stammeln und stottern, bekommen häufig keinen vollständigen Satz heraus oder finden nur schwer die richtigen Worte. So geht es etwa jedem dritten Kind im Vorschulalter, wie die größte deutsche Krankenkasse Barmer GEK ermittelte. Und die Probleme bei Jungen sind deutlich größer als bei Mädchen.

Fazit des gestern veröffentlichten Reports, für den Daten der 8,3 Millionen eigenen Versicherten ausgewertet wurden: Psychosoziale Krankheitsbilder wie Sprachstörungen bei Vorschulkindern, aber auch Konzentrationsschwächen und Hauterkrankungen bei Kleinkindern sind auf dem Vormarsch. An mangelnder ärztlicher Betreuung liege das aber nicht, so Barmer-GEK-Vizechef Schlenker. Laut Studie haben im sechsten Lebensjahr 38 Prozent der Jungen eine Sprechstörung, dagegen nur 30 Prozent der Mädchen. Während 20 Prozent aller fünfjährigen Jungen eine Logopädie-Verordnung zur Behandlung erhielten, waren es bei Mädchen 14 Prozent. Ob damit eine krankhafte Störung oder nur verzögerte Sprachentwicklung behandelt wird, ist wegen der schwer fassbaren Diagnose laut Experten aber offen. Bundesweit haben laut Report 10,3 Prozent aller Kinder Sprech- und Sprachstörungen. Pro Jahr sind davon also etwa 1,12 Millionen Jungen und Mädchen zwischen 0 und 14 Jahren betroffen. Die Barmer GEK als Branchenprimus zahlt für Therapien bei Logopäden nach Worten Schlenkers jährlich rund 70 Millionen Euro. Auf alle Kassen hochgerechnet, komme so ein Betrag "von knapp unter einer Milliarde Euro" zusammen.

Wie Sprachentwicklungsstörungen findet sich auch das Zappelphilipp-Syndrom ( Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung/ADHS), überdurchschnittlich häufig bei Jungen: Jeder zehnte Neunjährige geht zum Neurologen oder Psychiater (9,6 Prozent), 60 Prozent davon mit der Diagnose ADHS. Zum Vergleich: Bei neunjährigen Mädchen sind es sechs Prozent, davon rund 40 Prozent mit ADHS-Diagnose. Auffällig ist laut Studie auch, dass mehr als elf Prozent aller Kinder zwischen bis14 Jahren unter der Hautkrankheit Neurodermitis leiden. Bei den Bis-3-Jährigen sind es sogar rund 16 Prozent. Besonders häufig sind ostdeutsche Kinder betroffen. Nach Einschätzung von Schwartz sind dafür wahrscheinlich Umweltbelastungen, aber auch psychologische Faktoren zumindest mitverantwortlich.

Die Kasse selbst will nicht ausschließen, dass es sich bei den neuen Diagnosen auch um "Modekrankheiten" handeln könnte. Verstärkte Aufmerksamkeit von Eltern, Erziehern und Ärzten könnten mit den "auffällig hohen Diagnosen" durchaus zu tun haben. "Und vermutlich treiben die begrüßenswert hohen Vorsorgeraten diese Diagnosen zusätzlich nach oben", räumt Schlenker ein.

Und mutmaßt, dass Probleme mit der Sprachentwicklung auch auf ein immer früheres Schuleintrittsalter zurückzuführen sein könnten. In Baden-Württemberg, würden Kinder erst mit fast sieben Jahren und nicht wie etwa in Berlin schon mit fünfeinhalb eingeschult. Im "Schwabenländle" seien Sprachstörungen bei Schulanfängern jedenfalls seltener, sagt Schlenker.

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