Jeder zehnte Pflegebedürftige süchtig

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14. Juni 2012, 11:06 Uhr

Viele alte Menschen in Mecklenburg-Vorpommern haben ein Suchtproblem. Von den rund 17 000 Bewohnern der Pflegeheime im Land seien 10 bis 15 Prozent von Alkohol oder Medikamenten abhängig, sagte Claudia Diekneite, Geschäftsführerin der Landesstelle für Suchtfragen, am Mittwoch in Schwerin.


Aufgrund des demografischen Wandels und der Abwanderung Berufstätiger kümmerten sich im Nordosten immer weniger Angehörige um Eltern und Großeltern. Der Fachkräftemangel in den Pflegeeinrichtungen trage ebenso zu Vereinsamung und Isolation älterer Menschen bei, erklärte Diekneite. „Da kann Alkohol schnell zum Seelentröster werden“, sagte sie.


Am Donnerstag veranstaltet die Landesstelle eine Fachtagung in Güstrow zum Thema „Sucht im Alter - Wissenschaft trifft Praxis“. Die Veranstaltung führt Pädagogen, Mediziner, Therapeuten und Pflegekräfte zusammen. „Der Bedarf an interdisziplinären Schulungen zur Suchtproblematik für Altenpfleger ist immens“, so die Geschäftsführerin. Einfache Handlungsanweisungen reichten nicht mehr aus. Abhängigkeitskranke jenseits der Erwerbstätigkeit brauchten spezielle Motivation und Hilfen, um zu einer besseren Lebensqualität zurückfinden zu können. Untersuchungen zur Suchtproblematik hatte die Landesstelle mit Bundesfördermitteln seit 2010 in Altenheimen und Suchtberatungsstellen Rostocks und Greifswalds durchgeführt.


Alkoholmissbrauch ist in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur bei Jugendlichen weit verbreitet. Laut Statistiken leiden Menschen zwischen 30 und 60 Jahren im Nordosten etwa doppelt so häufig an alkoholbedingten Erkrankungen wie im Bundesdurchschnitt. Derzeit sei gut jeder Fünfte im Land über 65 Jahre alt. Die Lebenserwartung dieser Altersgruppe liege auch wegen des missbräuchlichen Alkoholkonsums deutlich unter der vergleichbarer Bevölkerungsgruppen im Bundesgebiet, hieß es. Gegen Medikamentenmissbrauch im Alter müssten mehr Hausärzte mit ins Boot geholt werden, forderte Diekneite.


Laut dem Statistischen Bundesamt hat in Mecklenburg-Vorpommern die Zahl der über 60-Jährigen, die wegen alkoholbedingter Ausfälle mindestens acht Tage lang im Krankenhaus behandelt werden mussten, zwischen 2000 und 2010 um 13 Prozent auf rund 800 Senioren zugenommen. Vier von fünf Patienten waren Männer, wie die Techniker Krankenkasse in Schwerin mitteilte. Vielen Älteren ist laut Krankenkasse nicht bewusst, dass die Alkoholverträglichkeit im Alter abnimmt. Riskant sei oft die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten, so eine Sprecherin.

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