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Serie “Mein Verein“ : „Jeder Tag in Freiheit ist ein Geschenk“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Freunde der Naturvölker“ unterstützen Bewahrung der letzten Jäger- und Sammlerkulturen

svz.de von
erstellt am 05.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Entsetzt schauen Stammesmitglieder der Ayoréode zu, wie ein stählernes Monster eine breite Schneise in ihren geliebten Urwald frisst. Unaufhaltsam macht das Ungetüm alles platt, was ihm in den Weg kommt. Die Waldindianer verstehen nicht, dass es sich um einen Bulldozer handelt. Für sie ist die Maschine ein Ungeheuer, vor dem sie nur fliehen oder es mit Pfeil und Bogen angreifen können.

Die Ayoréos sind Nomaden der Wälder und gehören zu den letzten isoliert lebenden Völker in Südamerika. Ihre Heimat ist der Gran Chaco. Das riesige Wald- und Savannengebiet erstreckt sich über den Westen Paraguays, den Südosten Boliviens sowie den Norden Argentiniens. Doch zunehmend ist das Zuhause der Waldindianer und damit auch ihr Überleben bedroht. Großagrarindustrie dringt immer tiefer in ihren Lebensraum ein, zerstören rücksichtslos riesige Flächen Urwald, um Platz für Rinderweiden zu schaffen.

Diesem Vorgehen Einhalt gebieten wollen die „Freunde der Naturvölker“ (FdN). Der gemeinnützige Verein mit Sitz in Ludwigslust hat sich dem Schutz der letzten indigenen Völker der Erde verschrieben, mit dem Ziel, ihre Kultur und Lebensweisen zu bewahren. „Ein Verlust dieser Völker wäre ein Verlust an Reichtum menschlich-kultureller Vielfalt“, fasst der Vorsitzende Bernd Wegener die Motivation des Vereins zusammen.

Das ist auch der Grund, warum die knapp 130 ehrenamtlich tätigen Mitglieder Projekte finanzieren, die den Nomaden helfen, zerstörenden Einflüssen entgegenzutreten und selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Beispielsweise durch Landerwerb. Denn „ohne Land, kein Leben“, so Wegener. „Mit der Sicherung von Flächen geben wir den Stämmen die Möglichkeit, weiter im Wald zu leben und dort ihre Kultur auszuleben. Jeden Tag, den sie in Freiheit verbringen können, ist für sie ein Geschenk.“

Auch für die Ayoréos konnte der Verein so ein Stück Stammesland zurückgewinnen. Für die in freiwilliger Isolation lebenden Gruppen kauften die „Freunde der Naturvölker“ gemeinsam mit anderen Naturschutz- und Menschenrechtsorganisation bisher rund 175 000 Hektar Urwald. Ähnliche Bestrebungen der Landsicherung unterstützen die Mitglieder unter anderem bei dem Volk der Nivaclé in Paraguay und der Hazabe in Tansania. Den Garifuna in der Karibik helfen sie zudem dabei, ihr kulturelles Erbe wiederzubeleben. So finanzierte der Verein zum Beispiel den Bau eines traditionellen Kanus für den Fischfang.

Die Gelder für die Projekte stammen aus Spenden der Mitglieder. Wobei jedem selbst überlassen sei, wie viel er zur Verfügung stellt. Feste Beiträge gebe es nicht. „Jeder leistet, was er kann – ähnlich wie bei den Naturvölkern“, erzählt Wegener.

In welche Vorhaben investiert werde, besprechen die Mitglieder während ihrer Hauptversammlung im Frühsommer. Sie ist das einzige Treffen des Vereins im Jahr. Der Grund: Die „Freunde der Naturvölker“ leben in ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich und in Norditalien. „Die Anfahrtswege wären einfach zu weit“, erklärt der Vorsitzende.

Gegründet wurde der Verein 1991. Die Idee dazu geht auf Hartmut Heller zurück. Der Atomphysiker aus Lauenburg habe beim deutschen Entwicklungsdienst gearbeitet, sei unter anderem in Afrika im Einsatz gewesen und dort mit Ureinwohner in Kontakt gekommen, erzählt Wegener. „Heller hat dadurch miterlebt, dass Entwicklungshilfe nicht immer positive Auswirkungen hat“, erinnert er sich. Als dann der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen ausbrach und damit die Heimat der Aeta, einem indigenen Volk auf der Insel Luzon, zerstört wurde, habe Heller sich dazu entschieden, einen Verein zum Schutz von Naturvölkern zu gründen, so der Vorsitzende. Die erste Handlung des Vereins: Land für die Aeta kaufen, um ihnen eine neue Heimat zu sichern.

Heller war es auch, der den heute 61-Jährigen Wegener vor rund 19 Jahren in den Verein holte. „Ich hatte einen Artikel von ihm über die Hazabe in Ostafrika gelesen. Dort war auch seine Telefonnummer angegeben. Ich rief ihn an. Er lud mich zur Jahresversammlung ein. Ich ging hin und bin Mitglied geworden“, erinnert sich der Ludwigsluster, der 2012 den Vereinsvorsitz übernahm.

Wegener interessiert sich schon seit seiner Kindheit für Naturvölker, hat Literatur über die Kultur der Ureinwohner verschlungen. Später wollte er dann Völkerkunde studieren. Doch daraus wurde nichts. „Das war damals in der DDR nicht möglich. Es gab einfach keine freien Stellen und damit auch keinen Studienplatz“, erzählt er. Nun lebt er seine Leidenschaft im Verein der „Freunde der Naturvölker“ aus und würde sich freuen, neue Mitstreiter begrüßen zu können. „Jeder der Lust hat, kann sich bei uns melden über unsere Homepage www.naturvoelker.de oder schaut bei unserer Jahresversammlung vorbei.“ Die nächste ist am 5. Juli in Lauenburg, Schleswig-Holstein.

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