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Elde-Müritz-Wasserstraße stark frequentiert : Jeder Skipper ein Schleusenmeister

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„Bitte weiter vorfahren!“, gibt Brigitte Dietterle von ihrem Steuerstand am Schleusenrand eine klare Anweisung. „Sie machen das schon ganz gut". Der Besatzung des Hausbootes ist anzumerken, dass sie Lampenfieber haben.

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erstellt am 03.Aug.2012 | 06:55 Uhr

Parchim/Lübz/Plau | "Bitte weiter vorfahren!", gibt Brigitte Dietterle von ihrem Steuerstand am Schleusenrand eine klare Anweisung und fügt mit einem Lächeln hinzu: "Sie machen das schon ganz gut". Der Besatzung des schmucken Hausbootes, ein Ehepaar mit Enkelkind aus Niedersachsen, ist anzumerken, dass sie ziemlich großes Lampenfieber haben. "Wir fahren zum ersten Mal in unserem Leben durch eine Schleuse. Das wird bestimmt ein unvergesslicher Urlaub", ist sich die Laiencrew schon mal sicher.

Nach mehr als 27 Jahren Erfahrung als Schleusenwärterin hat Brigitte Dietterle die Situation auf Anhieb erkannt und gibt den unerfahrenen Freizeitskippern detaillierte Hinweise, wie sie ihr Boot während der Schleusung sichern können. Die anderen Bootsbesatzungen, die sich in der 55 Meter langen Kammer der Lübzer Stadtschleuse wie an einer Perlenkette aufgereiht haben, nehmen es gelassener. Wie von Geisterhand geht es schließlich bergab. Nach wenigen Minuten ist der Wasserspiegel in der Schleusenkammer um 2,9 Meter gestiegen und hat damit das Niveau des nächsten Abschnittes des Elde-Müritz-Kanals erreicht. Die Urlauber aus Niedersachsen sind erleichtert. Alles ging reibungslos und Brigitte Dietterle verabschiedet sie winkend: "Alles Gute, bis bald!". Spätestens in sechs Tagen wird sie die Gäste auf der Rückfahrt zur Charterbasis hier wieder begrüßen. "Dann wird sicher alles schon viel besser klappen. Nach einer Woche als Freizeitkapitän haben es die meisten gut drauf", meint sie.

Auf der insgesamt 184 Kilometer langen Elde-Müritz-Wasserstraße, die die Elbe mit der Mecklenburgischen Seenplatte verbindet und bislang als Bundeswasserstraße der Klasse I deklariert ist, sind 17 Schleusen zu überwinden. Betreut wird die wichtige Lebensader der Region vom Wasser- und Schifffahrtsamt Lauenburg, zu dem auch der Außenbezirk Parchim gehört. Hier ist man für den Abschnitt zwischen dem Elde-Dreieck bei Kilometer 56 in der Lewitz bis einschließlich dem Plauer See (Kilometer 127) verantwortlich. "Bislang läuft alles rund", freut sich der junge Außenbereichschef David Borchert. Nur gelegentlich sei es in einer der Schleusen zu kurzzeitigen Störungen gekommen. "In Lübz sind vor einiger Zeit Bootshäuser abgebrannt. Holzreste tauchen noch immer auf und blockieren mitunter die Tore. Da müssen wir eingreifen und die Wassersportler kurze Wartezeiten in Kauf nehmen", sagt der Chef. Im früheren Schleusenwärterhaus in Parchim, nur wenige Meter neben der Außenbereichszentrale, haben an diesem goldigen Sommertag Doris Deege und Lothar Stier die meisten Schleusen und auch zwei Brücken auf zahlreichen Computerbildschirmen im Blick. Beide haben früher wie Brigitte Dietterle als Schleusenwärter vor Ort gearbeitet. Inzwischen sind in der Region nur noch zwei Schleusen in Lübz und Plau am See mit Personal vor Ort besetzt. Alle anderen laufen längst auf "Selbstbedienung" und werden von Parchim aus fernüberwacht. "Die meisten haben sich daran gewöhnt und kommen gut damit klar", meint Borchert. Kommt es zu einer Störung, wird von der Schaltzentrale aus das in Grabow stationierte Serviceteam losgeschickt.

Seit Saisonbeginn ist nach umfangreicher Sanierung auch die Bobziner Schleuse, die 1924 erbaut und mit einem Hub von knapp sieben Metern den größten Wasserstandsunterschied auf dem Elde-Müritz-Kanal ausgleicht, auf Automatikbetrieb umgestellt worden. Zunächst waren selbst erfahrene Skipper skeptisch, ob das praktikabel ist. "Wichtig ist, dass die Hinweise vor Ort beachtet werden und gegenseitig Rücksicht geübt wird", meint Borchert. Trotz längerer Wartezeiten nehmen es die meisten Skipper gelassen. "Schließlich haben sie doch Urlaub und wollen die Zeit genießen", meint der Chef.

Er ist ohnehin von Amts wegen daran interessiert, dass es die Freitzeitkapitäne ruhig angehen lassen, denn auf vielen Abschnitten des Kanals ist ohnehin nur ein Tempo von sechs Kilometern pro Stunde erlaubt. Leider halten sich nicht alle daran und der Wellenschlag der Raser beschädigt die Ufer des Kanals, die dann wieder aufwändig repariert werden müssen. Derzeit sind die Wasserbauspezialisten zwischen Slate und Parchim mit dem Einbau von neuen Steinen am Ufer beschäftigt.

"Bis zum Ende der Saison wird die Elde-Müritz-Wasserstraße durchgehend befahrbar bleiben", gibt sich David Borchert zuversichtlich. Anders als in der Warnow gibt es hier genügend Wasser.

Es bleibt spannend, wie hoch die Zahl der Schleusungen in diesem Jahr ausfällt. Schleusenwärterin Brigitte Dietterle hat nicht selten gehört, dass auch den Freizeitskippern die hohen Spritpreise das Hobby langsam vermiesen. Da dürften die bisherigen Rekordzahlen von mehr als 4000 Schleusungen in einer Saison diesmal nicht erreichbar sein.


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