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Premiere Othello : Jago-Superstar oder der eingebildet Eifersüchtige

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Mecklenburgische Staatstheater hat die Open-Air-Saison eröffnet: Vor der imposanten Kulisse des Schweriner Doms feierte Shakespeares Tragödie „Othello“ Premiere

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erstellt am 23.Mai.2016 | 12:00 Uhr

Achtmal schlagen die Glocken an diesem lauen Sommerabend. Einige Tauben fliegen auf. Doch wir sind nicht auf dem Markusplatz in Venedig, sondern im Innenhof des Schweriner Doms, wo Conferencier Jago munter plaudernd den „Spiele-Abend“ eröffnet, in die Geschichte einführt und die handelnden Figuren vorstellt. Und dabei, in Anspielung auf den bevorstehenden Kriegszug mit seinem General Othello, zynisch mare nostrum, unser Meer, und damit die gegenwärtigen Tragödien im Mittelmeer heraufbeschwört. Eine nicht ganz abwegige, dennoch wohlfeile Anspielung.

Dass Jago, der von Othello nicht beförderte und ihn darum abgrundtief hassende Leutnant, auch mit dem Publikum nach Belieben umspringt, mag schon in den ersten Minuten andeuten, wie geschickt dieser teuflische Manipulator mit Freund und Feind umzugehen versteht.

Die Bühne im Schatten dergewaltigen Dommauern, die an sich schon überwältigende Kulisse für sich sind, wird von einer gewaltigen, himmelblauen astronomischen Uhr beherrscht, eine anspielungsreiche Idee (Bühne Charlotte Burchard). Geht es doch auch in diesem späten Stück Shakespeares um die großen Fragen, um Liebe und Eifersucht, Treue und Verrat, die wie die Zeit in unsere Leben schicksalhaft einzugreifen vermögen. Tragödienthemen eben. So auch diese vom Mohren aus Venedig. Doch wie nicht zuletzt an den grellen historisierenden Kostümen und den punkigen Frisuren der Darsteller erkennbar, wollte Regisseur Ralph Reichel in seiner vorerst letzten Inszenierung am Schweriner Theater auch die Komödie aus dem Trauerspiel herauskitzeln. Einem Sommertheater unter freiem Himmel angemessen und erst recht einem Erzkomödianten wie Jochen Fahr in der Rolle des boshaften, listenreichen Jago, der seinem schwarzen General das Gift der Eifersucht ins Ohr träufelt, bis er seine unschuldige Geliebte Desdemona und sich selbst mordet.

Vielleicht ist es ja ungerecht, aber das Herz dieser Inszenierung ist natürlich Jochen Fahrs Jago, der palavernd und blitzgescheit seine Ränke schmiedet, der improvisierend mit dem Publikum kokettiert und sich selbst staunend bei seinem teuflischen Treiben beobachtet. Was soll man machen, scheint er zu fragen, die wollen es ja nicht anders. Bin ich es, der eifersüchtig, misstrauisch und zu vertrauensselig ist?

Othello gesteht es sich ja am Ende selbst ein, wenn er sich beschreibt als einer, „der nicht klug, doch zu sehr liebte, nicht leicht argwöhnte, doch einmal erregt unendlich raste“. Wobei Amadeus Köhli als Othello noch im Aufbrausen eher gebremst wirkt und als sanfter, ruhiger Edelmensch diesem wieselflinken Jago nur seine schier unfassbare, naive Verliebtheit entgegenzusetzen hat. Gegen diesen Teufel in Menschengestalt, der stets das Böse will und stets das Böse schafft, steht Köhlis lieber General auf verlorenem Posten. Und die Desdemona (Caroline Wybranietz), liebende Unschuld und temperamentvolle Geliebte zugleich, wurde von Shakespeare eher stiefmütterlich angelegt.

Alles in allem hinterlässt der nicht immer kurzweilige Abend einen eher zwiespältigen Eindruck. Als hätte Regisseur Ralph Reichel, erfolgreich und erfahren wie er ist im unterhaltenden Inszenieren, den eigenen Weg zwischen Ernst, Komödie und tieferer Bedeutung nicht bis zum Ende ausgelotet.

Zuweilen konnte man auch den Eindruck gewinnen, Regiekollege Herbert Fritsch und dessen zwei erfolgreiche Inszenierungen am Schweriner Theater spukten zwischen den nach der Pause magisch beleuchteten Mauern des Doms als epigonale Geister herum.

Das Premierenpublikum jedenfalls spendete am Sonnabend reichlich Applaus. Und auf dem Heimweg dann mussten wir auch noch die alte Wahrheit verkraften: Am Ende gewinnen immer die Bösen – auch im Fußball.

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