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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 18:03 Uhr

Wirtschaft : Jagdausflug mit dem Investor

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Brandenburger Wirtschaftsförderer versuchen, ausländische Firmen ins Land zu locken – und ziehen alle Trumpfkarten

svz.de von
erstellt am 19.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Sie sorgen für neue Arbeitsplätze in der Mark: Die Investorenwerber der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) sind weltweit unterwegs. Dabei müssen die Wirtschaftsexperten ein verzweigtes Netzwerk knüpfen und den richtigen Moment für Gespräche abpassen.

Es war der Anruf, auf den Andreas Rothe gewartet hatte. Dass sein Telefon im Weihnachtsurlaub mit der Familie klingelte, störte den Wirtschaftsförderer nicht. Sofort brach er die Ferien ab und ging mit Unternehmer Herbert Schmidt auf Tour zu Gewerbegebieten in Potsdam, Ludwigsfelde, Neuenhagen und Eberswalde. Drei Standorte hatte Schmidt aus dem schwäbischen Westhausen, der Komponenten für die Automobilindustrie fertigt, 2009 in die Auswahl genommen: Coswig in Sachsen, Polen und Brandenburg.

„Sachsen hatte über die Feiertage keine Zeit“, sagt Rothe. „Glück für uns.“ Nach dem Jahreswechsel sicherte der Firmenchef eine Investition im Barnim zu. Es müssten alle Faktoren stimmen, sagt der 57-jährige Standortwerber. Dazu zählt auch die Freizeit: So wusste Rothe, dass der Unternehmer leidenschaftlicher Jäger ist. „Wir sind durch verschneite Wälder in der Schorfheide gestapft. Auch das hat Eindruck gemacht“, erzählt er.

Heute arbeiten 70 Mitarbeiter im Eberswalder Werk. Das ist nur ein Beispiel, mit dem der Experte für die Automobil-Sparte verdeutlicht, wie wichtig es in seinem Job ist, den richtigen Zeitpunkt und die richtige Stimmung zu erwischen. Rothe ist vorwiegend in Nordamerika aktiv, mehrere Jahre arbeitete er in Kanada. „Man muss lange bohren, um einen Ertrag zu bekommen“, sagt er. Drei bis vier Monate ist der stellvertretende Leiter des ZAB-Industrieteams jährlich weltweit unterwegs, um Konzernen und Mittelständlern ein Investment in Brandenburg schmackhaft zu machen. Er hält Vorträge auf Konferenzen, schüttelt Hände und wirbt in Chefetagen für heimische Standorte.

Auch Verena Heyner sammelt Flugkilometer. „Es geht weniger um Klinkenputzen, sondern um strategische Arbeit“, sagt die ZAB-Direktorin für internationale Akquise. Vor der Präsentation seien intensive Recherchen zu den Firmen nötig. Dann braucht sie viel Gespür, um Gespräche in die gewünschte Richtung zu lenken. Auch die politische Wetterlage gilt es zu beachten. So warben die Marketingstrategen im Sommer 2015 mit großen Anzeigen um Investoren in der Schweiz. Dort wurde damals intensiv zur Zukunft der Alpenrepublik diskutiert und es herrschte Wahlkampf. Ein Boulevardblatt nannte die Brandenburger Offensive „Stich ins Herz des Schweizer Wirtschaftsministers“. „Wir werben keine Firmen ab, sondern wollen sie überzeugen, in Brandenburg ein neues Standbein zu schaffen“, sagt ZAB-Geschäftsführer Steffen Kammradt. „Ein kompletter Umzug macht meist wenig Sinn, da die regionalen Bezüge völlig aufgegeben werden müssten.“

46 Schweizer Firmen haben siedelten sich in der Mark an, zuletzt die Softwarefirma Enersis in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark). Sie berät Kommunen, Unternehmen und Verbraucher zu erneuerbaren Energien. 20 Mitarbeiter wurden eingestellt, langfristig sollen es 150 sein. „Ein großer Erfolg“, meint Kammradt. Dabei zahlte sich aus, dass Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) mit Firmengründer Thomas Koller sprach. „Das war unser Trumpf“, sagt Kammradt. Mit München und Karlsruhe waren starke Städte im Rennen. Der Durchbruch gelang beim Treffen in der deutschen Botschaft. Zu Gesprächen werden oft namhafte Landespolitiker hinzugezogen, um der Bewerbung mehr Gewicht zu verleihen.

Zudem bietet die Zukunftsagentur einen Komplettservice mit Standortsuche, Fördermöglichkeiten und langjähriger Betreuung. Seit der Gründung wurden 1400 Investitionsprojekte mit 48 000 Jobs ins Land geholt. 190 internationale Unternehmen siedelten sich an, allein über 50 aus den USA.

Henning Kraudzun (MOZ)

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