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Interview : Ist Ebola auch für uns gefährlich?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Rostocker Tropenmediziner Prof. Emil Reisinger erwartet in Europa nur Einzelfälle, für Afrika aber eine noch weitere Ausbreitung der Epidemie

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2014 | 09:30 Uhr

Vor zwei Wochen war Prof. Emil Reisinger selbst noch in Afrika. Jetzt beobachtet der Dekan der Medizinischen Fakultät und Direktor der Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten am Uniklinikum Rostock aus der Ferne die rasante Ausbreitung der Ebola-Epidemie.
Karin Koslik sprach mit ihm.

Herr Professor, hatten Sie selbst in Afrika Kontakt zu Ebola-Kranken?

Prof. Reisinger: Nein. Ich war für eine Woche in Kamerun, wo wir Beziehungen zu zwei Krankenhäusern unterhalten. Ebola-Erkrankungsfälle gibt es in diesem Land noch nicht.

Dafür hat Ebola unseren Kontinent erreicht: Am Dienstag ist in Spanien ein Geistlicher verstorben, der sich als Krankenpfleger in Westafrika infiziert hatte. Müssen wir uns jetzt Sorgen machen, dass sich die Erkrankung auch in Europa ausbreiten könnte?

Jein. Es gab in den letzten 20 Jahren in Afrika immer wieder Ausbrüche der Erkrankung, in Uganda starben beispielsweise im Jahr 2000 mehr als 200 Menschen an Ebola. Jetzt steht zu befürchten, dass sich die Epidemie in Afrika noch weiter ausbreitet – es gibt ja bereits deutlich über 1000 Tote –, weil die Menschen dort ihre Lebensgewohnheiten nicht ändern: Sie essen weiter Flughunde. Sie berühren bei den Trauerzeremonien ihre Verstorbenen. Und sie missachten Hygieneregeln beim Umgang mit möglicherweise Erkrankten. Die Infektionskette lässt sich nur unterbrechen, wenn es gelingt, die Menschen vor Ort mit massiver Aufklärung dazu zu bringen, ihr Verhalten zu ändern – und wenn es gelingt, Erkrankte effektiv zu behandeln.

Aber gibt es denn überhaupt eine Behandlung? Gibt es Medikamente gegen Ebola?

Es gibt drei Ansätze für die medikamentöse Therapie: Monoklonale Antikörper, Antisense-RNA und RNA-Polymerasehemmer. Mit allen gibt es Erfolge in der Zellkultur und in Tierversuchen, bei Menschen sind sie aber noch nicht getestet worden. Die WHO hat nun die Frage aufgeworfen, ob sie dennoch eingesetzt werden dürfen. Normalerweise wäre das ethisch nicht vertretbar, aber in einer Ausnahmesituation wie der gegenwärtigen muss es auch Ausnahmen geben. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Medikamente an Menschen nur im Rahmen von klinischen Studien getestet werden dürfen. Die Bedingungen dafür kann man auch in Afrika innerhalb von zwei oder drei Wochen schaffen – und dann wird man schon in kürzester Zeit sehen, ob es die erhofften Behandlungseffekte gibt.

Noch einmal zurück zu der Frage, was der Ebola-Ausbruch in Afrika für uns in Europa bedeutet…

Es werden wohl weitere Einzelfälle nach Europa importiert werden. Die Betroffenen werden dann in Hochsicherheitskliniken behandelt. Eine epidemische Ausweitung wird es hier aber nicht geben – weil die hygienischen Voraussetzungen andere als in Afrika sind. Eine Ansteckung erfolgt ja nicht über eine Tröpfchen-, sondern über eine Schmierinfektion. Das heißt, es kann sich theoretisch nur anstecken, wer mit den Ausscheidungen eines Ebola-Kranken in Kontakt kommt. 

Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria sind nicht gerade klassische Reiseländer. Gibt es überhaupt Menschen, die dorthin fliegen und die also gefährdet sind, sich mit dem Ebola-Virus zu infizieren?

 Ja, wir haben in der Klinik immer wieder Menschen, die aus beruflichen Gründen nach Nigeria oder Sierra Leone fliegen müssen und ihre Tropentauglichkeit bei uns feststellen lassen.

Was raten Sie ihnen, wie können sie das Infektionsrisiko möglichst gering halten?

Erst einmal raten wir, genau zu prüfen, ob die Reise wirklich erforderlich ist. Schließlich gibt es eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Arbeitgeber oder Organisationen, die Mitarbeiter nach Westafrika entsenden, haben also eine besondere Sorgfaltspflicht.

Wer tatsächlich in die Ebola-Region reist, sollte sich von Menschenmassen fernhalten und wirklich nicht mehr als die beruflich notwendigen Kontakte mit Einheimischen pflegen. Außerdem raten wir vom Besuch von Märkten ab, gegessen werden sollte nur in hygienisch erkennbar besseren Restaurants.

Wie äußert sich die Krankheit? Gibt es überhaupt Möglichkeiten der Früherkennung?

In der Inkubationszeit, also der Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit, sind Betroffene symptomfrei. Danach äußert sich Ebola in den ersten Tagen mit grippeähnlichen Symptomen: Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Krämpfe. Zwischen dem fünften und dem achten Erkrankungstag kommen Gerinnungsstörungen dazu, danach Haut- und Schleimhautblutungen. Schließlich verbluten viele Patienten.

Stirbt jeder, der sich mit dem Ebola-Virus infiziert?

Nein. Verschiedene Statistiken nennen unterschiedliche Todesraten zwischen 25 und 90 Prozent. Viel hängt davon ab, um welchen Virusstamm es sich handelt und wie stark das Immunsystem des Patienten ist. HIV-Infizierte und Aids-Kranke, von denen es in Westafrika viele gibt, haben ein größeres Risiko zu sterben, wenn sie sich mit Ebola infizieren, als gut genährte gesunde Menschen.

Gesetzt den Fall, ein Mecklenburger oder Vorpommer käme mit Symptomen einer Ebola-Erkrankung aus Afrika zurück: Könnten Sie ihn in Rostock behandeln?

Theoretisch ja, wir haben eine Unterdruckkammer, in der wir ihn unterbringen könnten. Aber Ebola-Patienten brauchen mit fortschreitender Erkrankung auch eine intensivmedizinische Betreuung, die könnten wir unter der erforderlichen Sonderisolierung nicht abdecken. Dafür müssten sie auf eine Sonderisolierstation verlegt werden, die es beispielsweise in Hamburg, Berlin oder Leipzig gibt. Für den Transport stünde uns in Hamburg ein Spezialfahrzeug mit Beatmungseinheit zur Verfügung. Auf diesen Transport vorbereiten könnten wir den Patienten aber jederzeit.
 

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