Theaterdebatte : Ist die große Reform gescheitert?

Seit vier Jahren treibt Rot-Schwarz eine neue Theaterstruktur voran, gelingen wird bis zum Ende der Legislatur nur eine Fusion – ein Fiasko mit vielen Beteiligten

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28. Januar 2016, 05:00 Uhr

Um es vorweg zu sagen: Theaterdebatten wie die gestrige im Landtag braucht kein Mensch. Sie sind allerdings für eine Erkenntnis hilfreich: Die Theaterreform im Land, von der wohl alle Beteiligten sagen, sie sei notwendig, wird nicht nur mit unterschiedlichem Engagement vorangetrieben, sondern auch für politische Zwecke missbraucht, aus lokaler Engstirnigkeit hintertrieben, vor allem aber von großem Theaterdonner begleitet. Doch der führt zu nichts. Der Rauch vergeht und alles ist wie zuvor.

Ob man will oder nicht, Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) muss man zugute halten, dass er genau diesen Zustand 20-jähriger Stagnation vehement angegangen ist. Kein Kultusminister zuvor kam über den Theaterdonner hinaus, auch nicht in acht Jahren Rot-Rot. Was den heutigen Theaterexperten der Linken, Torsten Koplin, nicht abhält, den Konzepten des Kultusministers eine gehörige Abfuhr zu erteilen. Vielmehr schlägt Koplin ein Konzept bis 2025 vor. Das wären dann 30 Jahre Stagnation. In einem hat Koplin allerdings recht: Es gibt stapelweise Gutachten, aber kein Landeskonzept.

Deshalb auch war die gestrige Aktuelle Stunde im Landtag vertane Zeit. Es ging einmal mehr um Zahlen, Zahlen, Zahlen. Seit den ersten Theatergutachten 1999 werden Wirtschaftlichkeitsberechnungen der fünf Theater im Land vorgelegt, interpretiert und verworfen. Den Theatern geht es dabei immer schlechter. Wenn die Grünen-Abgeordnete Ulrike Berger jetzt Brodkorb vorwirft, seine Zahlen seien nicht realistisch – Zahlen aus dem Jahr 2014 – dann sind das die Diskussionen der Vergangenheit.

Was aus solchen Debatten wird, kann man beim Volkstheater Rostock beobachten. Schon Mitte der 90er wurde dort ein Theaterneubau diskutiert, vorangetrieben, gestoppt, neu in Angriff genommen, verworfen. 30 Millionen D-Mark waren damals im Gespräch. Jetzt sind es 50 Millionen Euro. Agiert die Bürgerschaft weiter wie bislang, reichen auch die 50 Millionen nicht. Das einzige, was sich in Rostock verändert, sind die Zuschauerzahlen. Sie sinken – und daran trägt auch Politik Mitschuld. Rostock hat sich vom Landeskonzept verabschiedet – und droht zum Verlierer zu werden. Schon deshalb kann man Brodkorbs Reform als gescheitert betrachten. Die größte Stadt im Land verliert ein riesiges Stück Stadtkultur.

Hoffnungen gibt es im Ostteil des Landes. Die Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz ist unter ihrem neuen Intendanten Joachim Kümmritz, der ja auch (noch) das Mecklenburgische Staatstheater verantwortet, im Aufwind. Die Zahlen werden immer besser. Das Betriebsergebnis 2015 könnte fast das beste im Land gewesen sein. Steht Neustrelitz gut da, wird auch die Fusionsdiskussion neuen Schub erhalten. Das Dilemma hier: die Zukunft der Tanzkompanie. Diese ist aber Neustrelitzer Urgestein. Klaus-Michael Körner, SPD-Politiker und Theater-Experte aus Neustrelitz, sagt dazu nicht ganz ohne Selbstkritik: „Die Tanzkompanie hat sich jahrelang national und international einen guten Ruf gemacht. In Rostock und Schwerin war sie wenig zu sehen. Jetzt fehlt ihr die Lobby im Land.“

Schwerin – das Staatstheater als Musterknabe Brodkorbscher Reformen – steht in der Kritik, weil seit 2011 zusätzlich fünf Millionen Euro flossen, um den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Dafür ist Schwerin am weitesten bei der Fusion mit Parchim. Hinzu kommt die angekündigte Landesbeteiligung von 74,9 Prozent am neuen Staatstheater Mecklenburg. Ein Novum, dem sich fünf Landesregierungen verweigerten.

Der Theaterdonner ist groß. Doch wären die anderen Häuser im Land nicht gut beraten, genau diesen Weg des Musterknaben zu gehen? Kann Rot-Schwarz einem anderen Theater das verweigern, was Schwerin erhält? Folgt man dieser Logik, dann liegt es nur an den Theaterträgern selbst, ob die Reform gelingt oder nicht. Es sei denn, man gönnt einzelnen Politikern den Erfolg nicht. Und da geht es wieder um Politik, nicht um die Theater.

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