Wetter : Ist der Frühling schon da?

Von Winter keine Spur:  Spaziergang im Botanischen Garten in Berlin.
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Von Winter keine Spur: Spaziergang im Botanischen Garten in Berlin.

Die Phänologie weiß die Zeichen der Zeit zu deuten

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01. März 2014, 08:00 Uhr

Kann es sein, dass da draußen vor der Tür schon der Frühling ist? Eigentlich sollte der doch erst am 20. März beginnen, meinen zumindest die Astronomen. Ein Blick aus dem Fenster sagt aber etwas ganz anderes: Zwitschernde Vögel, summende Hummeln und blühende Krokusse bereiten uns schon jetzt die ersten Frühlingsgefühle.

Diese genaue Beobachtung der Natur kommt zu einem ganz anderen Ergebnis als Meteorologie und Astronomie: „Phänologie“ nennt sich die Forschungsrichtung, die weiß, wie die Zeichen der Zeit in der Natur erkannt und richtig gedeutet werden. Sie orientiert sich dabei am Blattaustrieb bestimmter „Kennpflanzen“, die als Indikator für das Fortschreiten der Jahreszeiten dienen, ebenso wie am Flug bestimmter Zugvögel oder auch am Auftauchen der ersten Schneeglöckchen und vielem weiteren mehr. Damit treten Phänologen in die Fußstapfen unserer Vorfahren, denen es nicht so wichtig war, was der Kalender gerade anzeigte. Viel wichtiger für die Landwirtschaft war damals, wie auch heute, ob noch mit langen harten Frostperioden zu rechnen ist. Andernfalls nämlich könnte das frühzeitige Ausbringen der Saat fatale Folgen haben.

Die Phänologie orientiert sich ebenso an den Erfahrungswerten vieler Generationen und leitet daraus ihre Regelmäßigkeiten ab. Manches davon hat man in vergangenen Tagen mit Hilfe von Bauernregeln zu Merksprüchen verdichtet. Anderes fußt auf teilweise jahrhundertelangen detaillierten Aufzeichnungen. In Japan etwa wird die Zeit der Kirschblüte genauestens registriert und zwar schon seit dem Jahr 705.

Bei uns in Europa ist es die Apfelblüte, der eine besondere Rolle zukommt. Im Jahr 1736 begann Robert Marsham aus Stratton in England umfangreiche Aufzeichnungen, in denen er das Verhalten bestimmter Tierarten, aber auch die Blüte und den Blattaustrieb einer Reihe von Pflanzen vermerkte. So erarbeitete er insgesamt „27 Indikatoren für den Frühling“. Diese Tradition setzte seine Familie dann über Generationen hinweg fort.

In anderen Ländern, wie Frankreich etwa, gibt es detaillierte Aufzeichnungen über die Weinlese vergangener Tage. Auf diese Art und Weise ist ein unbezahlbarer Erfahrungsschatz entstanden, ein Kalender der Natur, könnte man sagen. Aber was hat denn nun die Phänologie über den Frühling zu sagen? Eine Bauernregel bringt das phänologische Wissen in Bezug auf den Frühlingsanfang auf den Punkt: „Es ist erst dann wirklich Frühling, wenn dein Fuß auf drei Gänseblümchen treten kann.“

Im Detail ist das Ganze aber dann doch ein bisschen komplizierter. Da die Phänologie ganz genau schaut, wie die Zeichen der Zeit in der Natur stehen, reichen ihr die herkömmlichen vier Jahreszeiten nicht aus, vielmehr hat sie derer gleich zehn. In Bezug auf den Frühling unterscheidet man in der Phänologie Vorfrühling, Erstfrühling und Vollfrühling. Ein Bote des Vorfrühlings ist das Schneeglöckchen, aber auch das Stäuben des Rohrkolbens und der Haselnuss zeigt an, dass es jetzt Frühling wird. Das Austreiben der Stachelbeeren leitet schon den Erstfrühling ein, der gekennzeichnet ist durch blühende Buschwindröschen und Forsythien, austreibende Rosskastanien und Äpfel, später dann noch durch blühenden Löwenzahn und natürlich auch durch die Kirschblüte. Die Birnenblüte steht schon am Übergang zum Vollfrühling, der mit der Apfelblüte beginnt und mit der Blüte der Himbeeren in den Sommer übergeht, oder besser gesagt: den Frühsommer.

Mit den Blättern der Bäume kommen auch die Zugvögel zurück, können sie sich doch erst jetzt richtig im Blattdickicht verstecken, entspannt Hochzeit feiern und brüten. Einige kommen sogar schon etwas früher. Zu den ersten Frühlingsboten gehören die Kraniche, Störche, aber auch die Singdrosseln und natürlich die Kuckucke. Bei den Schmetterlingen zählt der Zitronenfalter zu den ersten, die man im Frühjahr zu Gesicht bekommt. Nach und nach erwacht die Natur so Stück für Stück.

Der Frühling mit seinen immer länger werdenden Tagen und steigenden Temperaturen startet bei uns in Europa meist gegen Ende Februar in Portugal und macht sich dann auf den Weg ins über 3 600 Kilometer entfernte Finnland, wo er nach circa 90 Tagen eintrifft. Etwa 40 Kilometer schafft der Frühling so am Tag auf seinem Weg durch Europa. Allerdings kann es von Jahr zu Jahr durchaus beachtliche Abweichungen von mehreren Wochen und natürlich auch von Region zu Region geben. Der große Vorteil der Phänologie liegt darin begründet, dass sie sich an den ganz konkreten Gegebenheiten direkt vor Ort orientiert. Nur 50 Kilometer weiter kann alles schon ganz anders aussehen. Daher ist auch Vorsicht geboten, wenn es um Bauernregeln geht, denn die gelten zumeist nur für eine ganz konkrete Region und können nicht so einfach ins entfernte Umland exportiert werden. Zudem orientieren sie sich oft am Kirchenkalender. Dem aber liegt nicht die Phänologie zu Grunde. So heißt es etwa in Bezug auf den gefürchteten Frost im Frühjahr über die „Eisheiligen“ (Mamertus am 11. Mai, Pankratius am 12. Mai, Servatius am 13. Mai, Bonifatius am 14. Mai und Sophie am 15. Mai), die noch so mancher Aussaat zu schaffen machen können, in folgender Bauernregel: „Vor Nachtfrost bist du sicher nicht, bevor die kalte Sophie vorüber ist.“ Phänologisch ausgerichtet sind im Gegensatz dazu die folgenden Bauernregeln: „Siehst du gelbe Blümchen im Freien, kannst du deinen Samen streuen.“ Oder auch: „Wenn die Eiche Blätter kriegt, ist der Frost gewiss besiegt.“

Den phänologischen Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass Märzgewitter (meist am Märzanfang) oft noch Kälte und Nachtfröste mit sich bringen. Gegen Ende des Monats März wird es übrigens im Allgemeinen wieder ein bisschen unbeständiger. Aber dann kommt ja auch schon der April und der „April, April, April kann machen, was er will“ und zwar auch in Bezug auf das Wetter. So oder so: Der Frühling geht früher oder später in den Sommer über – also in den Frühsommer. Aber auch hier heißt es wieder, ganz genau zu beobachten, denn: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“

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