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Deutschland spielt Pokémon-Go : Irre Monsterjagd mit Suchtpotenzial

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auf dem Schreibtisch, im Einkaufskorb - Mit der neuen Smartphone-App „Pokémon-Go“ lassen sich überall in der realen Welt kleine Kreaturen finden. Die Menschen schwärmen weltweit in Scharen aus

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erstellt am 13.Jul.2016 | 20:45 Uhr

Im Einkaufswagen, unter der alten Weide im Schlosspark in Schwerin, ja sogar im eigenen Bett. Seit gestern sind sie überall: Pokémons. Die kleinen Monster haben ganz Deutschland in Beschlag genommen. Invasion. Sie sind überall. Bluzuk zum Beispiel. Das kleine flauschige Insekt taucht plötzlich neben der Bushaltestelle auf. Oder das mäuseähnliche Monster Rattfatz sitzt mit einem Mal im Büro auf der Tastatur. Sehen kann die Kreaturen jedoch nur, wer die „Pokémon-Go“-App auf seinem Smartphone installiert hat. Seit gestern schwärmen Menschen aus dem ganzen Land aus, um die Pokémons zu jagen.

Was ist Pokémon-Go?
„Pokémon-Go“ ist gerade der jüngste digitale Hype. Seit dem Start am 6. Juli in den USA und einigen weiteren Ländern verbreitet sich das von Nintendo und dem Google-Spinoff Niantic Labs entwickelte Spiel explosionsartig. Das erste Pokémon-Spiel erschien 1996. Damals noch auf dem Gameboy von Nintendo. Danach folgte eine Fernsehserie und 17 Kinofilme. Mit Pokémon-Go bringt Nintendo die beliebten Figuren mit Namen wie „Schiggy, Taubsi oder Zubat“ nun ein Stück weit in die reale Welt. „Pokémon Go“ für Android und iOS kostet zunächst nichts.

Sam Hafermalz steht vor dem Schweriner Schloss und starrt auf sein Handy. Immer wieder dreht er sich im Kreis. Geht ein paar Schritte, bleibt abrupt stehen. Während sein Vater dass Schloss besichtigt, gehen er und seine Schwester lieber auf Pokémon-Jagd. „Es macht die Stadt viel interessanter“, sagt er. Zusammen mit seiner Familie reist der 18-jährige US-Amerikaner durch Europa. Das langweiligste Kulturprogramm sei plötzlich spannend, wenn die kleinen Monster hinter den Gemäuern auftauchten.

Bei dem Spiel erscheinen Pokémon-Figuren auf dem Bildschirm, die man fangen und dann gegeneinander antreten lassen kann. Dazu muss man sich jedoch erst in die Nähe des Monsters begeben. Das Besondere: Die kleinen Kreaturen erscheinen durch den Bildschirm im direkten Umfeld. Über die reale Welt wird quasi eine virtuelle Welt gestülpt. Nur Spieler können sie sehen. Alle anderen sehen nur auf das Smartphone starrende Passanten.

„Ich finde es witzig. Wir haben frei und würden ansonsten jetzt wahrscheinlich vor dem Fernseher sitzen“, sagt Norman Krüger. Zusammen mit seiner Freundin steht der 29-Jährige in der Schlossstraße in Schwerin. Auch die beiden haben ihr Smartphone gezückt. Auf dem Bildschirm sieht man die Stadtkarte von Schwerin. Darauf blinken Hinweise zu den nächsten Pokémons. Wenn sie plötzlich im Spiel auftauchen, schaltet sich die Kamera ein. „Drei Pfoten heißt, die nächste Kreatur ist weit weg, eine Pfote heißt, es ist ganz in der Nähe“, sagt Norman. Er muss es wissen. 73 Taschenmonster hat er bereits seit dem Morgen eingefangen. Dabei ist er 8500 Schritte gelaufen – das steht auf seinem Schrittzähler. „Immer wenn man ein neues Symbol sieht, denkt man: Ach, dass können wir jetzt auch noch holen“, sagt er.  Am Tag zuvor sei er in Rostock gewesen. Dort hätte es in einer Bar eine virtuelle Arena gegeben. An diesen Orten kann man die kleinen Monster gegeneinander kämpfen lassen, erklärt Norman. „Da standen total viele Jungs mit ihren Smartphones vor der Tür.“

Das Pokémon-Fieber nimmt derweil in anderen Ländern bereits skurrile Züge an. In den USA zum Beispiel. Da gibt es das Spiel bereits seit vorletzter Woche. Zwischenzeitlich wurde aus dem Central-Park in New York eine Art Hauptquartier von Pokémon-Jägern. Wie auf Twitter verbreitete Video-Aufnahmen zeigen, strömten die Menschen in Scharen mit ihren Smartphones in die sonst beschauliche Großstadt-Oase.

Unfall durch „Pokémon-Go“ – zahlt Versicherung?

Der „Pokémon Go“-Hype ruft die schlimmsten Befürchtungen hervor: Laufen Horden von Pokémon-Trainern nun mit dem Smartphone vor der Nase gegen ein Auto? Knallen sie ins Spiel versunken mit dem Kopf gegen die Ampel oder zertrampeln sie auf der Suche nach kleinen Monstern das Blumenbeet der Nachbarn? Und wer zahlt für die Schäden?

 

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt:

 

Verletzungen durchs Spielen: Wenn ein schwerer Unfall zu gesundheitlichen oder finanziellen Folgen führt, greift grundsätzlich die private Unfallversicherung. Erfasst ein Autofahrer einen Spieler, greift normalerweise die Kfz-Haftpflichtversicherung. Doch: Ist der Spieler etwa geistesabwesend und ins Spiel versunken, kann er unter Umständen eine Mitschuld am Unfall tragen - was die Leistungen mindern würde.

 

Schäden durchs Spielen: Wer ins Spiel versunken einen Schaden verursacht – ob aus Leichtsinn, Missgeschick oder Vergesslichkeit – ist durch eine private Haftpflichtversicherung zwar abgesichert. Sie greift aber nicht, wenn der Schaden vorsätzlich angerichtet wird.

In Australien sorgten hunderte Pokémon-Fans in einem Vorort von Sydney für Ärger. Als sie dort zu Hunderten einfielen, riefen die Bewohner die Polizei und bewarfen die Spieler mit Wasser-Bomben. In Amsterdam forderte das Akademische Medizinische Zentrum die Besucher derweilen auf, nicht mehr auf der Jagd nach Pokémons in die öffentli-chen Bereiche des Krankenhauses vorzudringen. „Es gibt tatsächlich ein krankes Pokémon im AMC, aber wir sorgen gut für es. Bitte besucht es nicht“, teilte die Klinik über Twitter mit.

Und auch in MV sieht man vor allem an bekannten Ausflugszielen immer mehr Spieler. „Hier gibt es echt viele Kreaturen“, sagt Robert März. „Wir sind Kinder der 1990’er. Wir sind mit Pokémon aufgewachsen.“ Der 29-Jährige und seine Freundin Steffi Heider sind ebenfalls im Jagd-Fieber zum Schweriner Schloss gepilgert. Robert habe die App auch schon im Wald ausprobiert. „Dort gibt es aber nicht viel zu holen.“ In der Stadt sei mehr los. Vor allem bei Sehenswürdigkeiten. Da tauchen auch immer wieder Pokéstops auf. Pokestops? Das sind markante Orte in der Umgebung. In Schwerin zum Beispiel die Reiterstatue am Schloss. Um sie zu aktivieren, müssen sich die Spieler möglichst nah an den Punkt begeben. „Ich finde es schon gefährlich“, sagt Steffi. Auf dem Schweriner Marienplatz beispielsweise, wo die Straßenbahnen direkt über den Platz fahren, sei man durch das Spiel schon abgelenkt.

Auch der ADAC warnt: Plötzlich auf der anderen Straßenseite auftauchende Monster könnten Fußgänger dazu animieren, über die Straße zu laufen, ohne auf den Verkehr zu achten. Eltern empfiehlt der Automobilclub, das Spiel mit ihren Kindern gemeinsam auszuprobieren und auf Probleme hinzuweisen. In Texas ereignete sich bereits ein Auffahrunfall. Ein Autofahrer parkte sein Auto regelwidrig auf einer Straße und ging auf Monstersuche. Unterdessen fuhr ein anderes Auto von hinten auf.

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