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Gutachter zählen noch auch in MV die Bäume : Inventur im deutschen Wald

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Diplom-Forstingenieur Ralf Lohmann sucht den Aufnahmepunkt 36063. Irgendwo ist das kleine T-Eisen versteckt, nicht größer als eine zwei Euro-Münze. Es wurde vor zehn Jahren bei der letzten Inventur hinterlassen.

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erstellt am 25.Nov.2011 | 07:46 Uhr

Ahrensberg | 53°15N, 13°2O: Deutschland, Mecklenburg-Strelitz, dichter Mischwald. Früh am Morgen. Es ist ein Grad über Null. Ein leichter Nebelschleier zieht sich über den Boden. Die Sonne bahnt sich den Weg durch die Baumkronen. Der Herbst hat seine Spuren hinterlassen, das Blätterdach liegt größtenteils auf dem Waldboden. Eine Herde Rehe, ein sogenannter Sprung, grast in unmittelbarer Nachbarschaft. Wald-Idylle pur, gestört nur durch die Klänge einer entfernten Waldmaschine.

Diplom-Forstingenieur Ralf Lohmann sucht den Aufnahmepunkt 36063. Irgendwo unter der Blätterschicht ist das kleine T-Eisen versteckt, nicht größer als eine zwei Euro-Münze. Es wurde vor zehn Jahren bei der letzten Inventur hinterlassen. Ein gelbes Band hängt an einem Zweig. "Das Band ist eine Hilfe. Der Aufnahmetrupp hat es für uns Kontrolleure hinterlassen, jetzt nehmen wir es ab", erklärt Ralf Lohmann. Der knallgelbe Metalldetektor gibt Signal. Lohmanns Kollegin Ines Würker trägt den Rucksack voller High-Tech mit GPS-Antenne auf dem Rücken. Vor der dem Bauch baumelt ein wasserdichtes Outdoor-Notebook. Lohmann legt mit seinen Gummistiefeln das Eisenstück frei und rammt ein rot-weiße Fluchtstange in den Boden.

Es ist einer von rund 11 000 Punkten, die in Mecklenburg-Vorpommern für die dritte Bundeswaldinventur, die zweite in MV, angelaufen werden müssen. Fünf selbstständige Aufnahmetrupps stapfen seit April durch den Wald, bis Oktober 2012 sollen die Außenaufnahmen beendet sein. Über 700 Merkmale pro Messpunkt gilt es zu erfassen.

Kontrolltrupp Würker und Lohmann kontrollieren anschließend die Arbeit auf Fehler. Mindestens fünf Prozent muss der Trupp prüfen. Ein Drittel der Aufnahmen sind bereits erledigt. Ende 2014 sollen die Ergebnisse zur Verfügung stehen.

Rund 700 000 Euro lässt das Land für die Waldvermessung springen. "Die Daten geben später Auskunft über den Holzvorrat und Baumzuwachs", erklärt Landesinventurleiter Thomas König.

Das Mega-Projekt ist gigantisch: Ein unsichtbares Vier-mal-vier-Kilometer-Raster, ein sogenannter Trakt, dient den Waldvermessern als Schablone, wo sie sich kreuzen, wird alles gezählt, was sich an Bäumen finden lässt. Das Gitternetz liegt über ganz Deutschland. "In MV ist das Raster sogar nur Zwei-mal-zwei-Kilometer groß, so bekommen wir noch bessere Daten", sagt Forstwissenschaftler Thomas König.

Hier am Drewensee, in der Nähe von Ahrensberg, an der südwestlichen Ecke der vier Traktpunkte, vermisst Ralf Lohmann mit Maßband, Ultraschall- und Laserabstandsmesser einen 22 Meter hohen Laubbaum. Landesinventurleiter König: "Die Waldbesitzer wissen nicht, wo die Aufnahmepunkte sind und was wir hier treiben. Sie könnten das Ergebnis verfälschen."

Eine Wissenschaft für sich: Der Durchmesser muss exakt in 1,30 Meter Höhe bestimmt werden. Junge Bäume und Totholz müssen in einem bestimmten Radius aufgenommen werden.

"Ein allzu aufgeräumter Wald ist nicht gut. Totholz ist ein wichtiger Nährstofflieferant für Insekten", erklärt Thomas König, während seine Kollegen das mobilen Datenerfassungsgerät füttern. "Alles in Ordnung, nur leichte Abweichungen", sagt die 37-jährige Ines Würker, "Zehn Prozent Abweichung ist noch okay." Es kann natürlich nicht jeder Baum gezählt werden, deshalb bedienen sich die Waldgutachter verschiedener statistischer Verfahren und Formeln.

"Bis zu 2000 Kilometer fahren wir im Monat. Von kurz vor Lübeck bis Rügen, da kennt man inzwischen jeden Zipfel des Landes", sagt der 32-jährige Lohmann. Dann packen die beiden Kontrolleure ihre Geräte ins Auto und fahren zum nächsten Aufnahmepunkt.

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