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Fotografien aus Ostdeutschland : Inspiration fürs Kopfkino

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ulrich Wüst erzählt mit seinen Fotografien Geschichten von den Menschen und vom Wandel in Ostdeutschland

Ulrich Wüst scheint auf den ersten Blick ein Geschichtenerzähler zu sein. Der Fotograf produziert Serien, deren Fotos Reportagen bilden, thematisch zusammengehören oder zum Beispiel nacheinander aus dem Fenster eines fahrenden Zuges aufgenommen wurden. Allerdings bleiben die formal strengen und überwiegend in Schwarzweiß fotografierten Reihen inhaltlich stets rätselhaft, so dass viel Raum für Assoziationen bleibt. Im Grunde erzählt der gebürtige Magdeburger, Wahlberliner und Teilzeit-Mecklenburger mit Sommerwohnsitz in Schönhof gar keine Storys. Er stupst vielmehr welche an, die sich erst in den jeweiligen Kopfkinos der Betrachter entfalten.

Etwa beim Anschauen der Fotoserie „Spätsommer“ (1989-1990). Was planen die Männer und Frauen, die mit Koffern am Strand stehen oder neben ihrem Trabi sitzen und aufs Meer schauen? Natürlich ließ sich Ulrich Wüst diese Gelegenheit nicht entgehen als er in Kühlungsborn am Strand lag und ihm die Leute zufällig vor die Linse seiner Kleinbildkamera spazierten. „Ich wusste sofort: Das ist ein Thema“, erinnert sich Ulrich Wüst, ein schlanker, mittelgroßer, freundlicher Mittsechziger mit grauer Wuschelfrisur in blauen Jeans, grauem Hemd und schwarzer Jacke. Der Fotograf dachte beim Anblick der Ostsee-Touris aber nicht nur an Grenzöffnung und ans Rübermachen; er parodierte zugleich die Laufsteg-Atmosphäre wie bei einer Modenschau. „Leider habe ich zu wenige Fotos gemacht“, bedauert der humorige Doppeldeuter heute. Doch damals hätte er den Kopf voll gehabt mit einer eigenen Ausstellung, die zeitgleich in dem Ostseebad lief. Aus der „Spätsommer“-Serie fertigte Ulrich Wüst später ein Leporello. Für den Fotografen eine praktische und erschwingliche Art seine Aufnahmen zu archivieren und Register anzulegen. Circa 100 dieser ziehharmonikaartigen Unikate hat Ulrich Wüst in den vergangenen drei Jahrzehnten mit seinen Fotos gebastelt. Die langen stabilen Papierstreifen kann man aufklappen oder darin blättern wie in einem Buch.

Einige der Original-Leporellos und weitere Serien von Ulrich Wüst sind derzeit bei C/O Berlin zu sehen. Das Berliner Foto-Ausstellungshaus im Amerika-Haus unweit des Bahnhof Zoo zeigt unter dem Titel „Stadtbilder / Spätsommer/ Randlagen“ Ulrich-Wüst-Aufnahmen, die zwischen 1979 und heute entstanden sind. Außerdem liegt der „Spätsommer“-Leporello erstmals in einer gedruckten Buch-Version vor.

Die ausgestellten Fotografien, darunter 80 nie oder selten präsentierte Werke, veranschaulichen den Wandel in Ostdeutschland von der DDR über die Wendezeit bis in die Gegenwart. „Das ist aber keine Retrospektive“, meint Ulrich Wüst. Dennoch kann man in den drei Räumen, die jeweils ein Deutschland-Kapitel präsentieren, auch Ulrich Wüsts fotografische Entwicklungen bei der Themensuche, bei der Motivauswahl, bei der Bildersprache nachvollziehen.

Bevor sich Ulrich Wüst, Jahrgang 1949, als freier Fotograf selbstständig machte und in den 1980ern zu einem der wichtigsten DDR-Fotografen wurde, arbeitete der studierte Stadtplaner ab 1972 beim Magistrat in Berlin. Er entwarf Platten-Neubaugebiete à la Marzahn. „Ja, ich habe von meiner Ausbildung und meiner Arbeit sehr profitiert“, sagt Ulrich Wüst. Und das sieht man seinen Fotos an. Von Beginn an prägten geometrische Formen, klare Linien, wiederkehrende Muster Ulrich Wüsts Bilder. Diese erscheinen kühl, streng, analytisch. Die Stadtansichten, die Häuserfassaden, die Straßenschluchten, die Dorfbilder, die Datschen-Aufnahmen kommen meist ohne schmückendes Beiwerk oder belebende Bewegungen aus. Dabei wirken diese Stillleben sehr atmosphärisch. Die Schwarzweißbilder offenbaren Ulrich Wüsts Blick fürs Detail, für Stimmungen, für Kompositionen und fürs Komische. Die Fotos wollen genau betrachtet werden. Wer den bröckelnden Putz, die angeknabberten Mauern, die improvisierten Anlagen, die wuchernden Stadtrandbrachen näher betrachtet, kann Geschichten entdecken vom Verfall, vom Wandel, vom Selbstverständnis, vom Wiederaufbau, die Ulrich Wüst subtil andeutet und prominent ins Zentrum seiner Bilder rückt. Jenseits der dokumentarischen oder sozialkritischen Ereignis-Fotografie aus der Produktion, von Aufmärschen oder vom Mauerfall hat Ulrich Wüst seine ganz eigene, spröde-poetische Bildsprache entwickelt, die das Werk in der Kunstfotografie der DDR so besonders machte und bis heute macht.

 









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