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Backstage beim Udo Lindenberg Musical : Infiziert mit dem Panikfieber

vom
Aus der Onlineredaktion

Noch bis Oktober bleibt das Udo Lindenberg Musical „Hinterm Horizont“ in Hamburg. Ein Blick hinter die Kulissen

Olga Primaballerina schwebt leichtfüßig über die Tanzfläche. Sie zeigt den sterbenden Schwan. Das Lied im Hintergrund verlangt es so. Stephan Zenker zählt im Takt, bevor er leise mitsingt: „Sie zog mich nett aufs Zarenbett und fing an mich auszuziehen und sagte: Towarischtsch, mach’ mir den Rasputin!“ Victoria Kasperskys Arme umschlingen den Körper des Choreografen. Die Spannung ist explosiv. Vier Wochen hat die Tänzerin Zeit, ihre Rolle einzustudieren. Sie trainiert acht Stunden täglich. Die Arbeit ist schweißtreibend, erfordert höchste Konzentration. Victoria tanzt, dreht ihre Pirouetten, im Sprung der Spagat. Die Szenerie wiederholt sich. Immer und immer wieder – getrieben vom Perfektionismus, begleitet von Tobias Vogt am Klavier. Die Ränge im Zuschauerraum sind noch leer, die Requisiten stehen strategisch platziert hinter der Bühne. In drei Stunden hebt sich der Vorhang. Im Stage Operettenhaus Hamburg beginnen die Vorbereitungen für die große Show am Abend.

„Hinterm Horizont“ lief mehr als fünf Jahre im Theater am Potsdamer Platz in Berlin, bevor es am 10. November 2016 auf der „geilen Meile“ Premiere feierte. Die Hansestadt ist Lindenbergs Wahlheimat, hier gründete der Rockmusiker das Panikorchester, hier tront er seit mehr als 20 Jahren im „Weißen Schloss an der Alster“. Im renommierten Atlantic-Hotel hat er Mitte der 90er eine Suite bezogen. Im selben Jahr startete er seine Zweitkarriere als Maler. Wieder gegangen ist er nie. Hamburg sei einfach „sein Ding“, sein „Hinterm Horizont“.

 

Mitten auf dem Kiez, am Eingang zur „sündigsten Meile der Welt“ , zwischen Sexclubs, Hafenkneipen und Diskotheken, begegnen sich Jessy und Udo. Es ist Liebe auf den ersten Blick, aus der auf den zweiten Blick nichts werden kann. Vor dem schweren roten Vorhang des St. Pauli Theaters am Spielbudenplatz entfacht das Feuer – die Lovestory von Lindenberg und seinem „Mädchen aus Ost-Berlin“.

Oktober 1983: Als erster westdeutscher Musiker erhält Udo L. die Erlaubnis zu einem exklusiven Konzert in der DDR. Auch Jessy ist dort. 17 Jahre jung, Mitglied in der FDJ, wohnhaft in Pankow. Nach seinem Auftritt übergibt sie dem Hamburger Rockstar einen Blumenstrauß. Die Funken sprühen. Doch den beiden bleibt nicht viel Zeit. Im geteilten Deutschland dürfen sie nicht zusammen sein. Mehr denn je träumt Jessy von einer anderen Welt. Einer Welt ohne Mauer. Einer Welt mit Udo – infiziert vom Panikfieber. Udo indes gerät ins Visier der Stasi. Auch Jessy wird zu dem neuen Staatsfeind befragt. Ihre Liebe scheint zu scheitern. Doch es gibt Hoffnung: Lindenberg gibt ein Konzert in Moskau. Auf dem Roten Platz will die junge Frau ihn wiedersehen. Das große Glück für einen kleinen Moment. In Rossijas Zarensuite verbringen sie ihre einzige gemeinsame Nacht. Doch die bleibt nicht ohne Folgen: Jessy kehrt schwanger nach Ost-Berlin zurück. In ihrer Verzweiflung heiratet sie Marco, Hammerwerfer und Freund der Familie. Udo ist weit weg. Die Freiheit auch – bis zum 9. November 1989, dem Tag, an dem die Mauer fiel. Am Abend gibt Lindenberg in der Deutschlandhalle ein Konzert. Jessy trifft Udo. Wie damals. Das schüchterne Mädchen und der Rebell stehen sich gegenüber. Zwei Sätze, ein letzter Blick. Es bleibt nur die Vergangenheit. Erst zwei Jahrzehnte später stehen sich die beiden wieder gegenüber...

 

Im 125 Jahre alten St. Pauli Theater wird die Vergangenheit zur Gegenwart. Alles ist Udo. Udo damals. Udo heute. Eine gigantische Ausgabe seines Hutes schwebt als Teil der Kulisse im Bühnenhimmel, um dann und wann niederzusinken und selbst zur Spielfläche zu werden. Auch die Kostüme sind detailgetreu nachgeschneidert. „Sie stehen auch für den persönlichen Werdegang Udos. Früher war er eher der Rocker, heute trägt er lieber Sakkos. Es gibt sogar eine Entwicklung bei den Brillen, anfangs war das Gestell geschlossen, heute ist es offen“, verdeutlicht Heike Jahn, die im Stage Operettenhaus für den Kostümbestand verantwortlich ist. Lindenberg sei bei allen Kleiderfragen involviert gewesen – sogar hinsichtlich der Socken. „Die müssen neongrün sein“, sagt Jahn. Schließlich gehören diese neben Eierlikör und zuckerfreien Kaugummis zu Lindenbergs ständigen Begleitern. Auch der berühmte Panikgürtel findet seinen Einsatz – „natürlich nur mit drei Reihen Nieten. Udo eben.“

 

Während Heike Jahn Ordnung in die Dress-Boxen bringt, wird ein paar Etagen darüber der Fön angeschmissen. Daniela Nestler aus der Maske bereitet die Perücken vor. Die meisten sind aus Echthaar. Ein Großteil wurde selbst geknüpft. Bis zu 40 Stunden Arbeit und Tausende Haare stecken in jedem Exemplar. „Wir mussten uns im Vorfeld belesen, welche Frisuren damals Trend waren. Es wird viel aufgedreht und geflochten. Während der Show kommen rund 80 Perücken zum Einsatz, wir haben aber 170 im Repertoire“, erzählt sie. Etwa eine Stunde vor Showbeginn beginnt in der Maske der Trubel. Daniela Nestler ist erfahren, hat bereits zahlreiche Musical-Produktion betreut. „Ich war anfangs kein Udo-Fan. Durch den Kontakt mit den Schauspielern habe ich aber die Musik lieben gelernt.“ Mittlerweile trällere sie sogar einige Songs Backstage mit.

 

Hauptdarsteller Alex Melcher ist heute früher gekommen. Seine Haare müssen für den Auftritt am Abend nachgeschnitten werden. Er trägt ein St. Pauli T-Shirt. Ein Hamburg-Fan, so wie Udo. Eigentlich kommt er aus dem Schwarzwald. An die DDR habe er kaum Erinnerungen. Trotzdem gefällt ihm die Thematik: „Es ist toll, dass wir auf der Bühne ein Stück deutsche Geschichte erzählen können“, sagt er. Melcher gehörte auch in Berlin schon zum „Hinterm Horizont“-Ensemble, hat den Udo gemimt. „Tralala-Shows können auch schön sein, aber die Leute auf diese Weise zu berühren, ist etwas ganz Besonders.“ Es habe Wochen, gar Monate gedauert, die Mimik und Gestik Lindenbergs imitieren zu können. „Jetzt setze ich die Brille auf und bin sofort in der Rolle“, so Melcher, der seinem Alter Ego auch im Privatleben gar nicht so unähnlich ist. „Ich schreibe selber Songs und habe immer gedacht, ich könnte mit meiner Musik erfolgreich sein, dann aber realisiert, dass ich damit immer nur Geld verloren habe. Ich wollte immer aus dem Musical-Geschäft raus, weil mich viele Themen nicht interessiert haben. Doch dann habe ich realisiert, dass der Job ein Privileg ist, weil es ein Berufsmodell ohne Grenzen ist.“ Melcher wird konkreter: „Hier kommen Freigeister aus aller Welt zusammen und es spielt keine Rolle, welcher Sexualität oder Religion sie angehören. Wir bereichern uns einfach gegenseitig.“ Zu den Freigeistern gehört auch Eve Rades. Das Mädchen aus Ost-Berlin spielt das Mädchen aus Ost-Berlin. Sie ist Jessy. Dabei war die 30-Jährige gerade einmal ein Kind, als die Mauer fiel. Vom Leben hinter dem eisernen Vorhang erfuhr sie vor allem aus Erzählungen ihrer Familie. „Aber es ist auch egal, ob man live dabei war. Die Geschichte bleibt emotional und Udos Texte nah am Leben.“ Und so schwebt auch Eve Rades zu Lindenbergs „Moskau“ über den Roten Platz, wenn im Stage Operettenhaus der schwere rote Vorhang fällt.

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erstellt am 16.Jun.2017 | 12:00 Uhr

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