Ein Knast für Kinder : In Handschellen ins Kinderheim

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„Ein Knast für Kinder“: DDR-Durchgangsheime waren pädagogisches Niemandsland. Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen stellt neue Studie vor

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29. März 2016, 12:00 Uhr

Thomas K. * geht in die 4. Klasse, als ihn ohne Vorankündigung zwei ihm unbekannte Männer aus der Schule abholen. Eine Erklärung bekommt der Junge nicht, dafür aber einen Schock, als er sieht, wo die beiden ihn hinbringen: in ein Schlösschen am Schweriner See, das einer Festung gleicht. „Als ich die ganzen Gitter sah, ging mir ordentlich die Düse“, erinnert sich der heute 53-jährige Schweriner. „Ich bin getürmt, bevor ich dieses Gebäude überhaupt von innen gesehen habe“, gesteht er.

Mutter und Stiefvater wollen zu Hause gar nicht glauben, was der Junge ihnen erzählt – und bestehen darauf, dass er am nächsten Tag wieder in die Schule geht. Dort wiederholt sich das Spiel vom Vortag in Abwandlungen: Diesmal sind es Uniformierte, die den Jungen holen, und diesmal führen sie ihn in Handschellen ab.

Diesmal kann Thomas K. nicht wieder davonlaufen. Im Durchgangsheim macht ihm der Leiter in einer Art Aufnahmegespräch klar: „Denk nicht an Flucht, hier kommt keiner raus. Hier herrschen Zucht und Ordnung.“ Zur Eingewöhnung kommt das Kind in einen Raum, in dem nicht mehr als ein Spind und ein Bett stehen. „Dass ich geweint habe, interessierte niemanden.“

Ganz offen, das weiß K. noch heute, droht der Heimleiter ihm gleich zu Anfang harte Strafen an, falls er nicht „spuren“ sollte. Später wird das alles Realität: „Mit einer Woche Arrest und der halben Ration Essen, immer wieder, haben sie versucht, mich weich zu kriegen.“

Durchgangsheime, wie das, in dem K. Mitte der 70er Jahre landete, waren in der DDR „pädagogisches Niemandsland“, so die wissenschaftliche Leiterin beim Deutschen Institut für Heimerziehung, Anke Dreier-Horning. Für viele Kinder und Jugendliche begann in diesen Heimen ein oft jahrelanger Leidensweg durch Spezialkinderheime und Jugendwerkhöfe, der sie für den Rest ihres Lebens prägte.

„Es war die Hölle, es war ein Knast für Kinder“ – so beschreiben ehemalige Insassen diese speziellen Heime. Das in Bad Freienwalde im heutigen Land Brandenburg wurde bezeichnenderweise sogar in einem ehemaligen Gefängnis eingerichtet.

In den ehemaligen Nordbezirken gab es Durchgangsheime in Rostock-Brahmow, Schwerin und Demmin. Sie sollten ursprünglich der vorübergehenden fluchtsicheren Unterbringung von Kindern und Jugendlichen dienen, die von zu Hause oder aus einem Heim ausgerissen waren bzw. die bei der Republikflucht erwischt wurden. Im Laufe der Jahre nahmen die Durchgangsheime aber zunehmend auch Kinder auf, für die kein Platz in einer anderen Einrichtung zur Verfügung stand, also beispielsweise auch Kinder mit besonderem Förderbedarf, nach DDR-Verständnis Schwererziehbare oder Kinder und Jugendliche, die aus prekären häuslichen Verhältnissen herausgeholt wurden.

Möglicherweise war letzteres auch der Hintergrund von Thomas K.s Heimeinweisung. „Ich war schon ein spezielles Kind“, gesteht K. und erzählt freimütig von Prügeleien und so manchem Schabernack. Dass er in zerrütteten familiären Verhältnissen aufgewachsen sei, habe sicher dazu beigetragen. „Aber ich bin nie kriminell geworden, habe nichts gestohlen oder so“ , beteuert er. „Was man damals schwererziehbar nannte, davon war ich weit entfernt.“

Im Durchgangsheim aber wird er behandelt wie ein minderjähriger Schwerverbrecher. K. erinnert sich an die Arrestzelle im Turm, die die Kinder mehr als alles andere fürchteten. Hinein kam man schon für geringfügige „Verfehlungen“. „Wir mussten zum Beispiel jeden Abend zusammen die ,Aktuelle Kamera‘ gucken. Wer danach Fragen stellte, landete ,zum Nachdenken‘ für zwei oder drei Tage im Arrest“, erinnert sich K. genau. Die Zelle im Turm war so klein, dass darin keine Pritsche Platz hatte. „Zum Schlafen wurden einfach ein paar Decken hineingeworfen.“ Als besondere Schikane musste der Junge den Fußboden mit der Zahnbürste schrubben.

Doch auch im „normalen“ Gruppenalltag war das Leben alles andere als ein Zuckerschlecken. Zwölf Jungs lebten auf engstem Raum zusammen. Abends wurde die Tür verriegelt. Wer auf die Toilette musste, musste einen Eimer benutzen. Morgens hatten die Jungen ihn abwechselnd selbst rauszutragen und zu leeren.

„In der Anfangszeit mussten wir auch jeden Morgen draußen Frühsport machen – bei Wind und Wetter“, erinnert sich der Schweriner. Später sei das aufgegeben worden „wegen Fluchtgefahr“. Damit die Jungs sich nichts antaten, gab es zu den Mahlzeiten keine Messer, „wir mussten zum Stulleschmieren Löffel nehmen“. Manche Kinder im Durchgangsheim, auch das weiß K. noch heute, seien so verzweifelt gewesen, dass sie diese Löffel oder auch durchgebrochene Zahnbürsten geschluckt hätten. „Aber das zog dann nur gleich wieder die nächste Strafe nach sich.“

Ihn selbst hätten alle Strafen nur noch härter gemacht, sagt der Schweriner. „Ja, und ich habe auch an Rache gedacht.“ Noch heute begegnet er manchmal Erziehern, die ihn und die anderen Kinder damals drangsalierten. Dann wechsle er lieber die Straßenseite, gesteht K., um sich nicht zu Dingen hinreißen zu lassen, die er später bereuen würde.

Gedanken, die auch viele andere ehemalige Durchgangs-Heimkinder kennen. Demütigende Eingangsrituale, körperlich schwere und erniedrigende Arbeit, tage-, mitunter wochenlange Isolierung in winzigen, je nach Jahreszeit bitterkalten oder glühendheißen Arrestzellen, erniedrigende Anstaltskleidung, vergitterte Fenster und verschlossene Türen bestimmten ihren Alltag . Auch wenn offiziell von Durchgangsheimen die Rede war – nicht wenige der Kinder und Jugendlichen bleiben sehr viel länger als nur ein paar Wochen dort, Thomas K. zum Beispiel etwas länger als ein Jahr. „In der ganzen Zeit galt Besuchsverbot. Ich war ein Kind, aber ich habe meine Mutter über ein Jahr lang nicht sehen dürfen.“ Selbst in den Sommerferien, bevor er in das Spezialkinderheim in Plau am See verlegt wird, darf K. nicht nach Hause.

In Plau setzt sich das Märtyrium fort, Zuneigung erfährt der Junge nicht. „Dafür mussten wir an jedem Wochenende, wenn andere Kinder frei hatten, arbeiten“, erinnert er sich. Von dem verdienten Geld wird ein großer Teil für die Heimkosten einbehalten. 500 oder 600 Mark hat er aber gespart, als er mit 16 Jahren endlich rauskommt.

Doch da ist es schon zu spät. „Die Zeit in den Heimen hat mich geprägt, sie hat mein Leben völlig aus der Bahn geworfen – und mich zu einem Menschen gemacht, der ich gar nicht werden wollte“, sagt Thomas K. rückblickend. Er habe nur noch aufbegehrt, gegen alles, auch gegen den Staat, in dem niemanden störte, dass derart mit Kindern umgegangen wurde. Schließlich landet er im Gefängnis, stellt einen Ausreiseantrag.

Nach der Wende wird Thomas K. rehabilitiert und für die Heimjahre entschädigt –„ich konnte alles belegen, hatte noch alle Zeugnisse. Nur für ein Jahr haben sie mir nichts gezahlt.“ Abgeschlossen mit diesem Kapitel hat der Schweriner bis heute nicht, mag nur mit Menschen darüber sprechen, denen er wirklich vertraut. Dazu gehört auch einer der Jungen, die er im Durchgangsheim kennenlernte. „Der sagt immer, man kann die Zeit ,die sie uns damals gestohlen haben, nicht zurückholen. Und das stimmt.“ * Name geändert

 
Buch  und Film  zum Thema

DDR-Spezialheime zur Umerziehung und insbesondere Durchgangsheime sind Thema einer Veranstaltung der Landesbeauftragten für MV für die Stasi-Unterlagen Anne Drescher am Donnerstag, 7. April 2016, um 18 Uhr im Veranstaltungssaal im Zeughaus Wismar. Der Eintritt ist frei. Vorgestellt wird die neue Studie aus der Schriftenreihe der Landesbeauftragten zu den DDR-Durchgangsheimen. Daneben wird der in der DDR verbotene Dokumentarfilm „Jugendwerkhof“ von Regisseur Roland Steiner über den Jugendwerkhof Hummelshain von 1982 gezeigt.

Ein Ergebnis der Debatte über Menschenrechtsverletzungen in Heimen für Kinder und Jugendliche in Ost und West ist seit 2012 die Einrichtung des Fonds Heimerziehung. Nahezu 28 000 ehemalige Kinder und Jugendliche haben sich innerhalb der Meldefrist bis 30. September 2014 für den Fonds „Heimerziehung in der DDR“ gemeldet, darunter fast 4000 bei der Anlauf- und Beratungsstelle für MV bei der Landesbeauftragten. Betroffene, die in Heimen der DDR Leid und Unrecht erfahren haben und heute noch unter den Folgen leiden, können bei fristgerechter Meldung Leistungen des Fonds vereinbaren. Insgesamt waren zwischen 1949 und 1990 etwa 500 000 Kinder und Jugendliche in der DDR in Heimen der Jugendhilfe untergebracht, darunter 135 000 in den Spezialheimen. In MV waren es 60 000 Kinder und Jugendliche, davon 16 000 in Spezialheimen.

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