zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 19:56 Uhr

In die LPG? Nein, danke!

vom

svz.de von
erstellt am 28.Aug.2013 | 09:55 Uhr

Hagenow | Auf seinem Abschluss-Zeugnis stand: "Jürgen hat die Voraussetzungen für einen guten Facharbeiter." Und "Sein Verhalten im Kollektiv ist positiv." Jürgen Nikolaus brachte also hervorragende Voraussetzungen mit. Dennoch durfte ein privater Kfz-Handwerksmeister in Ludwigslust den damals 18-jährigen Nikolaus nicht als Gesellen einstellen. "Wir hatten längst einen Vertrag geschlossen. Aber dann bekam er den Befehl vom Rat des Kreises, mir zu kündigen, bevor ich überhaupt angefangen hatte", berichtet Nikolaus.

Denn die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) in Nikolaus Heimatdorf Picher brauchte im Sommer 1963 dringend Arbeitskräfte. Die Staatsmacht wollte Nikolaus dazu bringen, LPG-Mitglied in Picher zu werden. Er blieb stur und weigerte sich. Weil offenbar auch kein anderer Betrieb Nikolaus übernehmen durfte, blieb er vorerst arbeitslos. Was heutzutage alltäglich ist, kam in der jungen DDR einem Kainsmal gleich.

50 Jahre später sitzt Nikolaus mit früheren Lehrlingskameraden bei einem Klassentreffen im sonnigen Garten eines Gasthauses am Schweriner See und kann sich immer noch darüber aufregen, "wie die damals mit uns umgegangen sind".

Er war nicht der Einzige, der den Lenkungswillen der Planwirtschaft zu spüren bekam. Und er war nicht der Einzige, der widerstand. Die Hälfte der jungen Männer, die 1963 als Lehrlinge der Maschinen-Traktoren-Station (MTS) in Setzin westlich von Hagenow ihre Ausbildung zum Landmaschinen- und Traktorenschlosser beendeten, weigerte sich, einer LPG beizutreten, berichtet Nikolaus.

Die MTS sollte Eigentum der LPG werden

Anfang der 1960er-Jahre wollte die DDR-Staatsführung einen der letzten entscheidenden Schritte machen, um die Landwirtschaft endgültig zu kollektivieren. Die Maschinen-Traktoren-Stationen, in denen Traktoren, Mähdrescher und andere Landmaschinen gewartet und an die landwirtschaftlichen Betriebe ausgeliehen wurden, sollten den LPG übereignet werden. Das galt als Teil der Industrialisierung der sozialistischen Landwirtschaft. Außerdem wurde es den wenigen noch konkurrierenden privaten Bauern ein Stück schwerer gemacht, sich Maschinen auszuleihen.

Mit den Landmaschinen sollte auch das dazugehörende Personal in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften wechseln. "Davon war aber zu Beginn unserer Lehrzeit überhaupt nicht die Rede gewesen", erzählt Klaus Ahrens. "Aber drei Jahre später hatte sich die politische Welt mal wieder gedreht." Ahrens entzog sich dem massiven Werben, indem er zur Volksmarine ging. Da mussten die LPG-Werber ihre Waffen strecken.

Rausschmiss auf Befehl von oben

Zu Bernd Meyer kam der Vorsitzende der LPG in Niendorf bei Neuhaus persönlich nach Hause. Er behauptete, der Arbeitsvertrag mit der LPG sei bereits mit dem Lehrvertrag in Setzin geschlossen worden. Darum habe der junge Facharbeiter umgehend zum Dienst zu erscheinen. Laut Meyer war das eine dreiste Lüge. "Mein Vater fragte nach einem schriftlichen Beleg. Da es den nicht gab, musste der LPG-Chef wieder gehen", erinnert sich Meyer. Eine andere Arbeit aber fand auch er in der Umgebung nicht. Immer wieder schaute der Abschnittsbevollmächtigte bei Meyers vorbei und drängte, Bernd solle in der LPG anfangen. "Manchmal hatte ich Angst", erzählt Meyer, "dass die mich holen und ins Arbeitsheim stecken, wenn ich nicht mache, was die wollen."

Mit einem ebenfalls LPG-resistenten Lehrlingskame-raden machte er sich auf den Weg nach Rostock. Im Überseehafen fanden die beiden Arbeit. "Nach einem Tag kam der Brigadier und schmiss uns wieder raus. Befehl von oben, hieß es, er dürfe uns nicht beschäftigen." Meyer hielt sich danach eine Zeitlang als Saisonarbeiter in einer Zuckerfabrik bei Berlin über Wasser. Ob die Stasi die renitenten Facharbeiter ins Visier nahm, hat bislang allerdings keiner von ihnen überprüft.

An ihrer Ausbildung in Setzin haben die ehemaligen Lehrlinge allerdings nichts auszusetzen. "Herrliche Zeiten waren das", sagt Ahrens. Nach acht Jahren Schule kamen die Jungs 1960 ins Lehrlingswohnheim. Mancher Heimerzieher war ihnen zu grob, aber mit den Ausbildern kamen sie gut zurecht. Drei Jahre lang lernten sie feilen, drehen und schmieden. Stück für Stück nahmen sie Motoren auseinander und setzten sie wieder zusammen. Den grünen, in Nordhausen produzierten Traktor "Brockenhexe" zerlegten sie bald genauso routiniert, wie sie es mit den IFA-Traktoren "Aktivist" und "Pionier" taten. Mit Hochachtung erinnern sich die Landmaschinen- und Traktorenschlosser an den roten "MTS 5", der in Minsk produziert wurde. Auch die Elektrik in den IFA-Lastern konnten sie in Schuss halten oder Ketten bei Raupenschleppern wechseln.

So beruhte die Abneigung der jungen Facharbeiter gegenüber den LPG auch nicht auf grundlegender politischer Systemkritik. Nikolaus hatte auch freiwillig an der Jugendweihe teilgenommen. In späteren Jahren war er freiwilliger Helfer der Verkehrspolizei, "weil ich einen Sinn darin gesehen habe". Aber LPG-Mitglied werden zu müssen, kam für ihn Anfang der 1960er-Jahre nicht infrage. "Wir wussten doch, wie wenig die damals produzierten. Entsprechend bescheiden war die Bezahlung."

Meyer heuerte später im Erdölverarbeitungswerk in Schwedt an. Dort legte ihm niemand mehr Steine in den Weg. Nikolaus fand Arbeit beim VEB Meliorationsbau, bevor es ihn nach Sachsen-Anhalt verschlug. Hätte er damals Kfz-Schlosser in Ludwigslust werden dürfen, wäre er wohl in Mecklenburg geblieben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen