Rostock : In Deutschland zu Hause

In seinem Atelier in Rostock widmet sich Kunstlehrer Aram Galstyan seiner Leidenschaft: Er bringt Porträts und Plattenbauten in Öl auf Leinwände. Inspirationen holt er sich aus seiner Heimat Armenien.
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In seinem Atelier in Rostock widmet sich Kunstlehrer Aram Galstyan seiner Leidenschaft: Er bringt Porträts und Plattenbauten in Öl auf Leinwände. Inspirationen holt er sich aus seiner Heimat Armenien.

Nach zehn Jahren hat er es geschafft: Aram Galstyan tauschte seinen armenischen Pass gegen die deutsche Staatsbürgerschaft

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02. November 2014, 08:22 Uhr

Vor zwölf Jahren hat sich Aram Galstyan für ein Kunst-Stipendium in Kühlungsborn beworben. Damals ahnte er noch nicht, dass er nach einem kurzen Aufenthalt im Land wenige Jahre später für immer in Mecklenburg-Vorpommern bleiben und sein Heimatland Armenien verlassen würde. Er nutzte die Chance, über eine Gastfamilie erste Kontakte nach Deutschland zu knüpfen. Eine Chance, die seine Zukunft verändern sollte.

2005 führte ihn sein Weg schließlich zurück nach Mecklenburg-Vorpommern. In Rostock suchte er Arbeit. „Am Anfang war es ganz schön schwierig für mich. Ein anderes Land, ein anderes System. Es genügte nicht, nur qualifizierte Fachkraft zu sein. Ich musste eine neue Sprache lernen, wenn ich hier arbeiten wollte. Das war wirklich hart,“ erinnert sich Aram Galstyan, der in Armeniens Hauptstadt Jerewan Ästhetische Erziehung studiert hat und als Dozent an einer Fachhochschule tätig war.

In Deutschland wurde sein Studium nicht anerkannt. Geld für ein weiteres Studium hatte er auch nicht. „In eine Schublade passte mein Fall nicht. Ein studierter Künstler, der weder Flüchtling, noch Asylbewerber war und auch kein Kranker, der dringend Hilfe benötigte. Die Behörden wussten auch nicht, wie sie mit mir umgehen sollten“, erklärt Aram Galstyan.

Für ihn stand aber fest: „Ich möchte hier unbedingt arbeiten.“ So gab er Malkurse bei der Volkshochschule, nahm Aufträge als Maler entgegen und erledigte Übersetzungen bei Gerichtsverhandlungen.
Nun war es ihm möglich, sein Studium an der Rostocker Universität zu finanzieren. „Ich habe mich für Sonderpädagogik entschieden“, verrät der 37-Jährige und ergänzt: „Ich bin wirklich froh darüber, dass mir an der Uni viele Menschen geholfen haben. Zum Glück konnten sogar einige Scheine, die ich in meiner Heimat erworben habe, anerkannt werden.“ Sein Studium hat er erfolgreich abgeschlossen. Heute arbeitet er als Kunstlehrer an einer privaten Schule.

Während des Studiums musste Aram Galstyan regelmäßig seine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen. Ausreichend finanzielle Mittel, eine gesetzliche Versicherung und eine gültige Wohnanschrift musste er vorweisen. Es kam dann auf den Sachbearbeiter an, ob Aram Galstyan für ein halbes Jahr oder sogar für zwei Jahre abgesichert war. Und der Antrag kostete immer wieder Geld. Hinzu kamen alle möglichen Verwaltungsgebühren. Behördengänge gehörten zu seinem Alltag.

Beleidigungen auch. „Anfangs habe ich mich sehr darüber geärgert. Mittlerweile weiß ich mit Beschimpfungen umzugehen“, erklärt Aram Galstyan. „Es ist einfach die Unkenntnis im Umgang mit dem Thema Migration und den Menschen mit Migrationshintergrund.“

In Aram Galstyans Pass steht nun, dass er Deutscher ist. Seinen armenischen Pass musste er abgeben. Bei der letzten Verlängerung seines Aufenthalts habe ihn eine Sachbearbeiterin darauf hingewiesen, dass er die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen könne.

Den deutschen Pass trägt er seit einem halben Jahr in seiner Brieftasche. In den zehn Jahren, die er mittlerweile hier ist, hat er alle Belege aufbewahrt, die er benötigte, um deutscher Bürger zu werden. „Der Pass erleichtert einfach alles. Ich bin wirklich in Deutschland angekommen“, erklärt der leidenschaftliche Maler. Keine kostspieligen Behördengänge, kein befristeter Aufenthalt, keine Hürden mehr. „Nun könnte ich ohne Probleme meine Eltern einladen und ihnen zeigen, wo und wie ich lebe“, sagt Aram Galstyan. Doch er fügt traurig hinzu: „Leider können sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reisen. Als dies noch ging, durfte ich sie nicht einladen.“ Einmal im Jahr fliegt der Rostocker nach Armenien. Jeghegnadzor ist sein  Heimatort. Viele Freunde wohnen im Ausland. Aus ähnlichen Gründen wie er.

Wenn Aram Galstyan an Armenien denkt, kommt ihm sofort die Lebensfreude der Menschen in den Sinn. Sofort hat er ein Bild der Leute im Kopf, die in seinem Heimatland leben. Das Leben in Armenien ist bunt. Doch die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind trist. Als Künstler und Dozent in Armenien bliebe seine berufliche Karriere eine Bleistiftzeichnung. Aram Galstyans Leidenschaft ist aber die Ölmalerei. Seine Motive: Porträts und Architektur. Aktuell sind es Plattenbauten, von denen er sich in seiner Heimat und von Reisen durch die ehemaligen Sowjetrepubliken inspirieren lässt. In Rostock bringt er seine Eindrücke mit Pinsel und Spachtel auf Leinwände. In seinem Atelier zu Hause in Deutschland.

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