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Schlagerparty : In der Schlagerhölle, hölle, hölle, hölle ...

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Texte, die von Liebe und Sehnsucht handeln, unterlegt mit kitschigen Melodien – der Schlager gehört zur liebsten Musik der Deutschen. Im Stillen würde ihn jeder mögen, sagt Florian Silbereisen. Aber was ist dran an der Faszination „Schlager“? Berichte über die größte Party des Jahres.

svz.de von
erstellt am 21.Mär.2017 | 20:55 Uhr

Im Geheimen, glaubt Schlagerstar Florian Silbereisen, würde jeder die Volksmusik lieben.  Gesagt hat er das  in Schwerin, an einem Dienstagabend in der Sport- und Kongresshalle vor 4000 ausgelassenen Fans. Aber gibt es sie wirklich: die heimliche Liebe für den Schlager;  das Genre, das in Deutschland gerne belächelt wird? Zwei Volontäre auf Spurensuche beim „Großen Schlagerfest“, laut Veranstalter nichts weniger als die größte Party des Jahres.

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Am Ende klatsche ich bei jedem Lied. Ich kann gar nicht mehr aufhören, es ist schier unmöglich. Sogar die Refrains singe ich mit. Ganz leise natürlich, am besten soll es niemand hören.  Zur Hölle, hatte ich mir  nicht geschworen, den Schlager nach meinem Besuch in Grund und Boden zu schreiben? Jetzt bin ich einer von 4000 Party-Gästen. Und eigentlich, denke ich mir, ist das eine ziemlich geile Show. Aber der Reihe nach.

Vor ein paar Monaten saß ich mit Freunden vor dem Fernseher, Sonnabendabend. Beim Zappen blieben wir im MDR hängen. Florian Silbereisen und seine Schlagerbande brachten die Magdeburger GETEC-Arena zum Explodieren. Wir kriegten uns nicht mehr ein. Die Melodien, die kitschigen Texte, dazu das Publikum, das durch die Sendung weg grinste als seien sie auf einem Trip. „Das geht nur betrunken“, analysierte ich  und bekam zustimmendes Nicken. Dann, Anfang Februar, fragte mich meine Kollegin Christina, ob ich sie nicht begleiten wolle. Sie sei ein riesiger Fan. Na gut.

Der Abend beginnt mit einem  – zugegeben – schlechten Witz. Vor dem Eingang der Halle stehen Hunderte Menschen. Wie an der Schnur aufgezogen reichen die Schlangen bis zur Hauptstraße. „Gibt es Bananen, oder was?“,  frage ich Christina. Natürlich nicht, erwidert sie, der Flori kommt halt! Die ersten Schritte in der Halle: Vor der Bühne sind die Stühle fein säuberlich aufgereiht, aus den Boxen haucht Schlagermusik. Die schon Anwesenden sitzen brav auf ihren Plätzen, meist ältere Ehepaare; der Mann nippt am Bier, während die Frau Handtasche und Karten  in den Händen hält. Dann: Die Bühne verdunkelt sich.

Durchtrainierte Tänzer heizen dem Publikum ein. Und auf einmal steht er da: Florian Silbereisen. Zum ersten Mal rasten alle aus. Auf vier Monitoren wird durchgängig jeder Liedtext eingeblendet. Weine nicht, wenn der Regen fällt,  dam dam. Oft brauche ich die Texthilfe nicht. Fast nie.

DJ Ötzi ist auch da. Als er auf die Bühne tritt, hat Christina bereits alles um sich herum vergessen. Das sei ihr Lied, schreit sie mir zu und fängt an zu tanzen. Sie ist glücklich. Und irgendwie steckt sie an. Am Ende der Veranstaltung kommt Klubb3 auf die Bühne, ein  Schlagertrio um Frontmann Flori. Die Halle bebt. Alles tanzt. Alles schunkelt. Auch ich.  Das Trio spielt eigene Hits, auch ein Medley bekannter Titel. Umrahmt vom Feuer schmettern sie eine deutsche Version von „That’s what friends are for“. Dafür sind Freunde da.

Christina muss weinen. Neben mir sitzen zwei Rollstuhlfahrer. Sie klatschen. Mal drei Stunden glücklich sein und alles vergessen. Auch das ist Schlager.

Sebastian Schramm

 

 
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Meine Aufregung lässt meine Kollegen die Köpfe schütteln. Florian Silbereisen ist in der Stadt. Ich bin begeistert, freue mich. „Warum tust Du Dir das an?“, werde ich nicht nur von ihnen, auch von Freunden immer wieder gefragt. Ja, warum bewegt die Schlagermusik meinen ganzen Körper, geht direkt ins Herz, lässt mich grinsen wie ein Honigkuchenpferd, macht glücklich – nicht nur mich, sondern seit einigen Jahren immer mehr Menschen?

Vor der Sport- und Kongresshalle warten die Schlagerfreunde auf den Einlass. Die Mehrheit der Besucher ist deutlich älter als ich. Das erste Vorurteil, Schlager sei nur was für alte Menschen: bestätigt. Doch der Stimmung tut das keinen Abbruch, drei Minuten dauert es, dann stehen und klatschen alle. Sowieso treffe ich immer öfters auch junge Leute auf den Konzerten, sehe sie in den Fernsehshows.  Warum? Schlager ist modern, alte Hits werden im neuen Gewand präsentiert, junge Künstler locken immer mehr junge Schlagerfans an. Dazu bieten Helene Fischer, Andrea Berg und Florian Silbereisen  eine mitreißende Bühnenshow. Am Ende der Abende wird ausgelassen getanzt und geschunkelt – keiner kann sich der positiven Stimmung entziehen, alle haben ein Lächeln auf den Lippen. Auf einer Leinwand sind die Texte zu sehen, doch die meisten kenne ich.  Auch Schlagermuffel können „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ oder „Er gehört zu mir“ mitsingen. Natürlich handeln die Lieder fast immer vom gleichen Thema:  Liebe. Aber ich weiß, was mich erwartet, die Melodien sind  mir vertraut. Dazu die bekannten Künstler wie DJ Ötzi  und Klubbb3 auf der Bühne: Es ist wie ein Familientreffen, wie nach Hause kommen.

Kein Wunder, dass mein erster Griff nach dem Weckerklingeln  zum Radio geht. Andrea Berg ertönt, im Anschluss die Grubertaler, dann Helene Fischer. Meine Laune steigt sofort. Die Texte laden zum Träumen ein, wenn die Flippers „die Sonne von Barbados“ besingen. Und in mir kommen Erinnerungen hoch – an meine Kindheit und meinen Vater, der mir die Liebe zum Schlager vererbt hat. An Tänze auf Familienfesten zur Schlagermusik, an Konzerte mit meinem Vater und Onkel, an Fahrten in den Urlaub. Schlager lässt mich erinnern, ab und zu auch mal schlimme Dinge vergessen und  immer wieder neue Freunde treffen, mit denen ich dann auf dem nächsten Konzert  „und wir liegen uns als Freunde in den Armen, denn für eine Nacht, da sind wir alle gleich“ singen  kann.

Christina Köhn

 

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Foto: Reinhard Klawitter
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