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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 22:56 Uhr

In der Finanzkulisse lauert der Theater-Tod

vom

svz.de von
erstellt am 14.Mär.2012 | 10:29 Uhr

Schwerin | Das Haus sieht prächtig aus, die Fassade leuchtet in der Frühlingssonne und die Banner des Mecklenburgischen Staatstheaters vor dem Großen Haus wehen im Wind - aber auf Halbmast. Drinnen sitzen gestern nachmittag die Köpfe des Deutschen Bühnenvereins (DBV), in dem 430 Stadt- und Staatstheater, Opernhäuser, Privat- und Landesbühnen zusammengeschlossen sind. "Wir tagen natürlich dort, wo es eine Krise gibt - und das ist in Schwerin der Fall", sagt Holger Schultze, Vorsitzender des DBV-Ausschusses für künstlerische Fragen und Intendant in Heidelberg.

So sieht die Theater-Krise in Schwerin aus: Das Mecklenburgische Staatstheater konnte nur durch Not-Zuschüsse von Stadt und Land vor der Pleite gerettet werden. Das frisch erarbeitete, aber noch nicht abgesegnete Sanierungskonzept sieht unter anderem einen Abbau von 79 Stellen vor, die Schließung der Fritz-Reuter-Bühne und das Aus für die Schlossfestspiele. Auch die übrigen Theater im Land leiden unter chronischer Finanznot. Hintergrund: Die Landesregierung weigert sich seit Jahren, ihren seit Mitte der 1990er-Jahre konstanten Zuschuss in Höhe von jährlich 35,8 Millionen Euro pro Jahr an die Bühnen zu erhöhen - während die Kosten der Häuser durch Tariferhöhungen steigen. Denn rund 80 Prozent der Kosten eines Theaters sind Personalkosten. "In dieser Härte wie in Schwerin gibt es das Problem an keinem Standort", sagt Rolf Bolwin, Geschäftsführer des Bühnenvereins. Land und Kommunen müssten prüfen, inwieweit sie die Theater stärker unterstützen könnten - also mehr Geld in die Bühnenlandschaft stecken. Schließlich, so Bolwin, hätten die Theater in der Bundesrepublik über Einsparungen in den letzten 20 Jahren die jährlichen Kosten um 350 Millionen Euro gesenkt. Die öffentliche Hand in Deutschland wende ohnehin nur 0,8 Prozent aller Ausgaben für die Kultur auf, damit lasse sich kein Haushalt sanieren.

DBV-Präsident Klaus Zehelein stellt klar: "Wenn es bei den 35,8 Millionen pro Jahr für die Theater in MV bleibt, dann wird abgebaut." So oder so: Weder ein Kultusminister noch eine Landesregierung dürften es einfach beim Setzen eines Finanzrahmens belassen: "Ich vermisse ein offensives Kulturprogramm. Das Land beantwortet Fragen zur Struktur der Theaterlandschaft nicht." Derzeit werde nach dem Prinzip "Wem zuerst die Luft ausgeht" umgebaut. Das sei ein Unding, so Zehelein, diese Grabenkämpfe müssten aufhören. Auch der DBV-Geschäftsführer sieht das Land in der Pflicht. Denn bei konstanten Zuschüssen werde es wegen der - unter anderem mit jeder Tariferhöhung für den öffentlichen Dienst - steigenen Kosten nicht ohne deutliche Kürzungen des Theater-Angebotes gehen, sagt Rolf Bolwin: "Aber dann muss man darüber reden, wie dieser Abbau gestaltet wird." Dabei dürfe sich die Politik nicht bedeckt halten.

Genau das hat der Generalintendant des Staatstheaters, Joachim Kümmritz, seit Jahren immer wieder gefordert: Das Land könne gerne die Theaterförderung einfrieren - müsse dann aber so ehrlich sein, auch zu sagen, wie sie sich die Theaterlandschaft vorstellt. "Politik muss Gestaltung sein, nicht nur Verwaltung", so drückt es DBV-Ausschussvorsitzender Holger Schultze aus. Bisher gebe es keinerlei inhaltliche Ideen von Seiten des Landes. Auch die Einladung, einen Vertreter zum Bühnenvereinstreffen zu schicken, habe das Kultusministerium nicht angenommen.

"Die Politik scheut vor Entscheidungen zurück", sagt Rolf Bolwin. Es sei "unfair", die Verantwortung für schmerzhafte Einschnitte allein Intendanten und Kommunen zu überlassen.

Das Theater-Gutachten des Landesrechnungshofes dagegen, das vor allem eine Fusion der vier Orchester zu nur noch zwei Klangkörpern im Land als Spar-Königsweg herausgestellt hatte, sieht Bolwin als problematisch an: "Eine Fusion zwischen Rostock und Schwerin ist der falsche Ansatzpunkt. Wir haben Orchester-Zusammenschlüsse begleitet und gesehen, dass sie auch scheitern können."

Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) hat gerade detaillierte Fragebögen verschicken lassen, um Daten für die weitere Diskussion zu sammeln und "eine präzisere aktuelle Lage abzubilden", wie es Kultus-Staatssekretär Sebastian Schröder (SPD) im Begleitschreiben, das unserer Redaktion vorliegt, formuliert. Der Bühneverein kritisiert die Aktion scharf. "60 Prozent der Fragen kann das Ministerium selbst aus dem Statistischen Jahrbuch des DBV beantworten", sagt DBV-Präsident Zehelein. Entweder habe das Ministerium wirklich keine Daten - und das sei ein Armutszeugnis, so Zehelein. Oder das Fragen-Konvolut sei reine Verzögerungstaktik.

Neun Seiten ist der Fragebogen lang. Erste Frage: "1.1. Welche Rechts- bzw. Organisationsform hat Ihr Theater (Orchester)?" Dann geht es weiter bis in feinste statistische Verästelungen. Die letzte Frage: "Wie sind Ihre Erwartungshaltungen an das Land/die Kommunen/das Theater?" Nach Jahren der Diskussion sei eine solche Fragen nun fast schon eine Beleidigung, sagt Staatstheater-Intendant Joachim Kümmritz. Er habe sich deshalb entschieden: "Ich werde diesen Fragebogen nicht beantworten."

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