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Projekt in Greifswald : In der eigenen Wohnung alt werden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Beratungsstelle „Besser leben im Alter durch Technik“ macht mit modernen Alltagshilfen und Assistenzsystemen bekannt

svz.de von
erstellt am 13.Sep.2016 | 11:45 Uhr

Nanu, was soll das denn? „Ihr Fenster steht bereits längere Zeit offen“, warnt eine computeranimierte Stimme aus dem Nachbarraum. Jenny Kempka schließt schnell die Wohnungstür und erklärt: „Die Steuereinheit ist wohl nicht richtig programmiert, eigentlich muss es doch Tür heißen.“ Dann zeigt sie auf einen kleinen Sensor am Türrahmen, durch den die Zentrale erfahren hat, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Vier solcher Aktivitätsmelder gibt es insgesamt in der Wohnung.

Die zweieinhalb Zimmer im Greifswalder „Wohnpark Papelallee“ gehören als Musterwohnung zur Kommunalen Beratungsstelle „Besser leben im Alter durch Technik“. Jenny Kempka und ihr Kollege André Huysmann machen dort Interessenten mit modernen Alltagshilfen und technischen Systemen bekannt, die das Leben einfacher und sicherer machen – vor allem für Senioren, aber durchaus auch schon für jüngere Menschen. Das Spektrum reicht von der automatischen Herd- oder Wasserabschaltung über mechanische Alltagshilfen, altersgerechte Kommunikationsmittel bis hin zu Ortungs- und Alarmierungssystemen. Fast alle Produkte, zu denen anbieterneutral beraten wird, können Interessenten auch zum Ausprobieren mit nach Hause nehmen. Darüber hinaus organisiert die Beratungsstelle landesweit Informationsveran-staltungen und Aktionstage zum Technikeinsatz im Alter.

Im Umkreis von 400 Kilometern gibt es kein vergleichbares Beratungsangebot, erklären Kempka und Huysmann nicht ohne Stolz. Ursprünglich habe das Bundesministerium für Bildung und Forschung deutschlandweit 22 derartige Einrichtungen gefördert – zwei Jahre lang bis zum April dieses Jahres. Danach hätten die anderen ihr Angebot eingeschränkt oder sogar ganz aufgegeben, weiß Huysmann. Nur die Greifswalder Beratungsstelle macht ohne Abstriche weiter – jetzt allerdings nicht mehr unter der Regie des Landkreises, sondern in Trägerschaft des Technologiezentrums Vorpommern (TZV).

Vom TZV war ursprünglich auch die Initiative ausgegangen, sich für das 2014 gestartete Bundesmodellprojekt „Besser leben im Alter durch Technik“ zu bewerben, erzählt Jenny Kempka. Anfangs habe man versucht, die Hansestadt Greifswald als Kooperationspartner mit ins Boot zu holen, doch die zeigte kein Interesse. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald sei dagegen sofort bereit gewesen, sich zu engagieren. Aus gutem Grund: „Schon jetzt sind 30 Prozent der Menschen hier im Landkreis im Seniorenalter“, erklärt Sozialdezernent Dirk Scheer. Für das Jahr 2030 sagten Prognosen sogar voraus, dass die Hälfte aller Einwohner Rentner sein werden. Um diese Herausforderung zu meistern, gebe es im Kreis jetzt schon zehn unterschiedliche innovative Projekte, die sich mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung beschäftigten. Auch heute, nach Auslaufen der Bundesförderung, kommen 28 000 Euro und damit die Hälfte des Budgets der Beratungsstelle aus dem Kreissäckel. Gut angelegtes Geld, wie Scheer meint. Denn es sei nicht nur ein Gewinn an Lebensqualität für die Senioren, wenn sie so lange wie möglich in ihrem eigenen Zuhause bleiben können. Der Kreis spare dabei auch. Denn wer erst einmal ins Heim umziehen müsse, wäre häufig auf Sozialhilfe angewiesen, um die Kosten tragen zu können – und die müsse der Kreis finanzieren.

Noch in diesem Jahr, so sagt Huysmann, soll allerdings ein neues Betriebskonzept für die Beratungsstelle erarbeitet werden. Unternehmen, die beraten oder auch bei der Installation von Technik unterstützt werden, sollen künftig dafür bezahlen. Für interessierte Bürger dagegen wird das Angebot weiterhin kostenlos bleiben. 650 Einzelpersonen haben sich allein im vergangenen Jahr in der Musterwohnung beraten lassen, so Jenny Kempka. Eine Zahl, auf die sie und ihr Kollege stolz sind, da sie angesichts knapper Kassen auf Werbung weitestgehend verzichtet haben. „Aber es spricht sich offenbar auch so rum, was wir alles anbieten.“

Nicht selten gehe die Initiative von den Kindern aus, die sich Sorgen darüber machen, die betagten Eltern „unbeaufsichtigt“ zu lassen.

„Aber nur , wenn die Senioren selbst mitziehen, ist der Einsatz technischer Hilfsmittel auch erfolgreich“, betonen die Berater. Sie plädieren ohnehin für eine mitalternde Wohnung, also für die Anschaffung erster Hilfsmittel schon vor dem Auftreten von Defiziten bei den Bewohnern. „Eine Basis-Ausstattung, zum Beispiel eine automatische Herd-Abschaltung, macht genau genommen schon für Familien mit Kindern Sinn“, gibt Jenny Kempka zu bedenken. Und viele Dinge sorgten anfangs einfach für mehr Komfort – zum Beispiel die mit einem Bewegungsmelder gekoppelte Flurbeleuchtung. Wenn man älter werde, sorge sie aber auch für mehr Sicherheit – indem sie beispielsweise Stürze im Dunkeln verhindert.

Kontakte
Die Musterwohnung der kommunalen Beratungsstelle „Besser leben im Alter  durch  Technik“ in Greifswald  kann nur nach Voranmeldung besichtigt  werden. Termine können telefonisch vereinbart werden unter 03834 - 550115. Informationen über technische Lösungen, die Senioren Erleichterungen bringen, gibt es auch auf einer Internetseite des Forschungszentrums Informatik  am Karlsruher Institut für Technologie. Die Adresse lautet www.wegweiseralterundtechnik.de.
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