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Gegen das Vergessen : In den USA ein Zeichen setzen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Austauschschüler Jannis Stöter aus Hagenow organisiert in Virginia einen Besuch der Ausschwitz-Überlebenden Esther Bauer

von
erstellt am 15.Mai.2015 | 07:30 Uhr

„Ich glaube, dass meine Generation nicht die Schuld für etwas tragen kann, was siebzig Jahre in der Vergangenheit liegt“, erzählt Jannis Stöter. „Dennoch bin ich davon überzeugt, dass es als Deutscher in meiner Verantwortung liegt, zu erinnern.“ Der 17-Jährige aus Hagenow besucht zur Zeit für ein Auslandsjahr die Woodberry Forest School in Virginia. Dort initiierte er einen Besuch der Ausschwitz-Überlebenden Esther Bauer.

Die in Hamburg geborene und nach dem zweiten Weltkrieg nach Amerika ausgewanderte Jüdin kam in seine Schule. „Es war für mich eine besondere Ehre, dass ich Esther vom Flughafen abholen und sie vor ihrer Rede ankündigen durfte“, erzählt der Hagenower. Er kennt die 90-jährige Esther Bauer durch ein Schulprojekt: „An meinem Gymnasium, dem Fridericianum Schwerin, begannen wir im September 2012 mit dem Theaterprojekt ,Esther’.“ Dort erarbeiteten die Schüler ein Stück, das auf ihrer Biographie beruht.

„In Hamburg aufgewachsen, ist sie als 18-Jährige mit ihren Eltern ins KZ Theresienstadt deportiert worden. Dort starb ihr Vater vier Wochen nach der Ankunft. Sie lernte ihren ersten Ehemann, einen Tschechen namens Honza, kennen. Als er nach Ausschwitz gebracht wurde, folgten ihre Mutter und sie drei Tage später. Gesehen hat Esther ihren Mann jedoch nie wieder. In Ausschwitz starb ihre Mutter. Später musste sie in Freiberg Fahrzeugteile herstellen und wurde 1945 in Mauthausen von amerikanischen Truppen befreit“, fasst Jannis das Geschehene zusammen. Sehr eindrucksvoll sei die Art, wie Esther erzählte: „Sie hat zum Beispiel von einem KZ-Arzt erzählt, vor den sich alle Häftlinge in eine Reihe stellen mussten und er dann aussortiert hat, wer leben durfte: links, rechts, links, rechts.“ Trotzdem habe sie ihren Humor bewahrt und erzählte von einigen freudigen Zufällen: „Sie hat beim Friseur in New York einen ihrer Befreier wiedergetroffen“, ergänzt Jannis.

„Ich wusste, dass sie in New York lebt, was nur fünf Autostunden von Woodberry entfernt ist. Ich habe mir gewünscht, dass sie kommt. Denn schließlich hat man nicht mehr so lange die Möglichkeit, Zeitzeugen zu treffen.“

Außerdem habe Esther Bauer eine besondere Art zu erzählen, „voller Hoffnung, Humor und Optimismus“, was eine sehr beeindruckende und bereichernde Erfahrung für Jannis Stöter war.

Das wollte er auch seinen amerikanischen Mitschülern ermöglichen: „Ich dachte mir, dass ich als Deutscher in den USA eine einzigartige Möglichkeit hätte, ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen, um zu zeigen, für was wir uns als Deutsche in den letzten Jahrzehnten einsetzten und wofür wir stehen. Wir müssen uns daran erinnern, was passiert ist, um die Zukunft und unsere demokratischen Grundwerte zu wahren.“

Mit seiner Idee ging er zu seinen Lehrern und erhielt Zuspruch. „Daraufhin habe ich Esther angerufen. Sie fand die Idee toll und wollte uns besuchen.“ Die Seniorin reist noch viel, um von ihren Erlebnissen zu erzählen.

Insgesamt referierte Esther Bauer eine Dreiviertelstunde lang. 30 Minuten davon erzählte sie, die restlichen 15 Minuten beantwortete sie Fragen. Die Veranstaltung sei positiv aufgenommen worden. Dabei seien die etwa 400 Schüler der Woodberry Forest School solche Veranstaltungen gewohnt: „Im Jahr sind mehrere unterschiedliche Redner hier.“ Doch nach dem Besuch von Esther Bauer war das Diskussionsbedürfnis besonders groß: „Die Lehrer teilten mir mit, dass in den Klassenräumen viel darüber geredet wurde. Und meine Mitschüler sagten mir anschließend, dass das viel zu kurz war, sie hätten sich gewünscht, dass die Veranstaltung länger gedauert hätte.“

Die amerikanischen Schüler hätten zwar ein Vorwissen über das, was während des zweiten Weltkriegs in Deutschland passiert ist, jedoch sei die Aufbereitung nicht so intensiv wie in Deutschland.

Und er selbst konnte Veränderungen seiner Mitschüler ihm gegenüber feststellen: „Vorher bin ich schon ein, zwei Vorurteilen begegnet, Deutsche wurden als Nazis bezeichnet. Das war sehr unangenehm für mich. Doch seitdem Esther hier war, kam keine einzige Bemerkung mehr in diese Richtung.“ Er ist der Meinung: „Wir als Deutsche können nicht die Verantwortung übernehmen für das, was passiert ist, sondern dafür, dass es nicht wieder passiert.“


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