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Flüchtlinge in MV : In Badelatschen zum Arzt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ungewohnte Temperaturen, aber auch die Enge in den Unterkünften machen Flüchtlinge krank. Ein Report aus Stern Buchholz

svz.de von
erstellt am 12.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Der junge Mann hustet sich die sprichwörtliche Seele aus dem Hals. Die Frage, was ihn in die Sprechstunde führt, erübrigt sich. Nicht aber die nach seinem Schuhwerk: Obwohl es draußen neun Grad kalt ist, trägt er an seinen bloßen Füßen nur Badelatschen.

Für Schwester Annika Larisch ist das kein ungewohnter Anblick. Anfang August hat sie ihren Arbeitsplatz in der Notaufnahme der Schweriner Helios Kliniken gegen ein kleines Büro in der Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung in Stern Buchholz eingetauscht. Seither melden sich bei ihr Syrer, Afghanen, Ukrainer, Iraker und Menschen aus vielen anderen Ländern mit gesundheitlichen Problemen zur Untersuchung an. An zwei Tagen pro Woche kommt dafür ein Arzt aus den Helios Kliniken in die Erstaufnahmeeinrichtung. An den anderen Tagen übernimmt die Schwester die Erstversorgung oder vermittelt, wenn erforderlich, die Patienten zur Behandlung weiter. Parallel dazu koordiniert sie die Anmeldungen zur gesetzlich vorgeschriebenen Erstuntersuchung der Flüchtlinge. Noch kommen dazu Ärzte und Studenten der Rostocker Universitätsmedizin nach Stern Buchholz. „Ab November übernehmen wir das“, erläutert Prof. Dr. Jens Nürnberger, der an den Helios Kliniken die Klinik für Nephrologie und Dialyse leitet und parallel dazu die ärztliche Versorgung in der Flüchtlings-Erstaufnahmeeinrichtung koordiniert. Vom kommenden Monat an werden permanent zwei Ärzte und zwei Schwestern vor Ort sein. Dank eines vom Land zur Verfügung gestellten mobilen Gerätes werden dann auch die vorgeschriebenen Röntgenuntersuchungen direkt in Stern Buchholz erfolgen. Noch müssten täglich 30 Asylsuchende in die Klinik am anderen Ende der Stadt gefahren und dort von den Kollegen parallel zum „normalen“ Patientenaufkommen geröntgt und befundet werden. Ein für alle belastender Zustand, so Nürnberger, der nun bald ein Ende habe.

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„Als das Land Mecklenburg-Vorpommern im Juni diesen Jahres anfragte, ob wir die medizinische Betreuung der Asylbewerber in Stern Buchholz übernehmen können, war uns sofort klar, dass wir uns als einer der größten Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen im Bundesland dieser Verantwortung stellen müssen“, so Helios-Geschäftsführer Thomas Rupp. Wie groß die Aufgabe würde, ahnte da aber noch niemand. In einem Rundschreiben hatte die Geschäftsführung seinerzeit um Freiwillige für die medizinische Notfallversorgung geworben. Vor allem die Internisten hätten sich hier in der Verantwortung gesehen, so Nürnberger, aber auch aus anderen Fachkliniken gab und gibt es viele Hilfsangebote. Kollegen mit ausländischen Wurzeln hätten sich zudem als Sprachmittler angeboten. „Trotzdem brauchen wir noch weitere Mitstreiter, gerne auch von außerhalb“, gibt der Mediziner mit Blick auf das ab November erweiterte Aufgabenspektrum unumwunden zu.

Auch jetzt wächst das Arbeitspensum von Tag zu Tag – so wie die Zahl der Flüchtlinge steigt. „Es werden immer mehr Patienten, in der letzten Woche hatten wir jeden Tag schon 30 bis 40“, erzählt Schwester Annika.

Allgemeinmediziner Marten Lamschus behandelt in der „Notfallsprechstunde“ dieser Tage neben Schürfwunden und Verdauungsproblemen überwiegend Erkältungen. Nicht selten gehört dazu auch der Verweis auf winterfeste Kleidung –„obwohl es in der Kleiderkammer genug warme Schuhe und Jacken gibt, laufen viele hier immer noch in sommerlicher Kleidung herum“, bedauert Lamschus’ Kollegin Maren Burmeister.

Auch an andere Eigenarten der Patienten, die aus fremden Kulturen stammen, mussten die Mediziner sich erst einmal gewöhnen. „Wenn ich einen Mann körperlich untersuche, gehen die Schwestern raus. Bei Patientinnen fragen wir, wie viel wir untersuchen dürfen – manches geht dann auch nicht“, so Lamschus. Maren Burmeister gesteht, dass sie bei ihren Einsätzen in Stern Buchholz auch schon ganz neue Erfahrungen gemacht hat. „Kriegsverletzungen zum Beispiel sieht man hier in Deutschland ja sonst nicht.“

Wenn die Ärzte „mit Englisch, Händen und Füßen“ nicht mehr weiterkommen, nutzen sie zur Erhebung der Krankengeschichte das Sprachprogramm im Computer. Auch Schwester Annika arbeitet damit. „Oft helfen auch die Übersetzungs-Apps in den Handys der Flüchtlinge.“ Wer englisch spreche, begleitete häufig Landsleute beim Arztbesuch und dolmetsche. Und wenn das alles nicht ausreiche, gebe es beim Malteser Hilfsdienst, dem Träger der Einrichtung, oder bei der Arbeitsagentur, die im gleichen Haus sitzt, sprachkundige Mitarbeiter, die helfen.

Die junge Syrerin, die nun an der Reihe ist, hat neben dem Handy auch eine Freundin mitgebracht. Trotzdem bleibt lange unklar, was ihr fehlt – bis sie die Hand auf den Unterleib legt und den Kopf hin- und herwiegt. Sie braucht einen Schwangerschaftstest, errät Schwester Annika schließlich.

Den nächsten jungen Mann kennt sie schon. Zum vierten Mal binnen einer Woche möchte er zum Arzt, heute wegen Schmerzen in der Brust und einer verstopften Nase. „Er wohnt in der Turnhalle“, erkennt die Schwester an seinem Ausweis. „Von dort kommen besonders viele Flüchtlinge zu uns, weil sich bei so vielen Menschen in einem Raum Erkältungen besonders schnell ausbreiten. Andere bekommen von den Pritschen Rückenprobleme.“ Viele hofften wohl, dass der Arzt ihnen attestieren würde, dass sie in ein anderes Gebäude umziehen müssten, vermutet die Schwester. Doch Platz ist in Stern Buchholz, wie in anderen Flüchtlingseinrichtungen, rar. Das zeigt sich auch, wenn die Mittagszeit herannaht. Dann leert sich das Wartezimmer unvermittelt. Dafür bildet sich vor der Essenausgabe im Nebenhaus eine lange Schlange. Eine Stunde und manchmal noch länger müssten sie warten, bis sie ihr Essen bekommen, erzählen Flüchtlinge. Einen Teil der Zeit stehen sie im Freien – bei neun Grad und oft nur in Badelatschen.

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