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Tornado verwüstet Bützow : In acht Minuten Existenz zerstört

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Fred Götze aus Rühn hat das Unwetter schlimm erwischt: Haus und Hof müssen evakuiert werden. Dennoch will er bleiben

Jeden Grashalm, jede Ecke und jedes Versteck auf dem riesigen Gelände kennt Fred Götze wie seine Westentasche. Auf dem Bauerngut direkt am Triensee ist der heute 50-Jährige aufgewachsen. Schon seine Eltern haben in dem imposanten Fachwerkhaus gelebt, das seine Urgroßeltern erbaut haben. Heute liegt eben dieses Haus in Trümmern. Der Dachstuhl eingestürzt, der ehemalige Ferienbungalow liegt 20 Meter weiter auf dem Feld – und einen versuchten Einbruch gab es auch noch.

Die Nacht steckt dem 50-Jährigen noch in den Gliedern. „Dass es Unwetter gibt, wussten wir. Aber nicht, wie schnell es umschwenken würde“, erinnert er sich. Fred Götze bewohnt das etwa 200 Jahre alte Haus mit seiner 83-jährigen Mutter Brunhilde. An diesem Abend war auch seine Cousine Manuela Kühl vor Ort. „In weniger als zehn Minuten war hier Chaos“, so Götze weiter. Auf einmal verdunkelte sich der Himmel, „nichts hat man mehr gesehen“, dann begann es zu rauschen. Als der Sturm vorübergezogen war, trauten sich die drei zunächst nicht raus. Als sie es taten, war die traurige Gewissheit da. Es hatte sie schlimm erwischt. Das Haus, in das er und seine ganze Familie viel investiert haben – gerade vor einem Jahr wurde der letzte Teil des Reetdaches neu gedeckt – hat die Hälfte des Dachstuhles einbüßen müssen. Teile des Reets haben sogar eines seiner Autos unter sich begraben.

Es wird vorerst die letzte Nacht sein, die der Rühner in seinem Haus verbringen durfte. Denn „auch drinnen geht gerade alles kaputt.“ Die Dachbahnen reißen, Wände sind kurz vorm Einsturz. Sein Dachdecker riet ihm, dringend das Haus zu evakuieren, denn es bestehe absolute Einsturzgefahr. „Zum Glück dürfen wir bei unserem Nachbarn gegenüber vom See unterkommen“, bedankt sich Fred Götze. Andernfalls wären er und seine 83-jährige Mutter jetzt obendrein noch obdachlos.

Ob sein Elternhaus zu retten ist, weiß der Rühner nicht. „Die Versicherung hat schon einen Krisenstab einberufen. Bald soll eine Entscheidung gefällt werden. Auch, ob sie für den Schaden aufkommen.“ Aufgeben will der 50-Jährige sein Haus aber auf keinen Fall. „Es muss bestehen bleiben und ich will, dass alles wieder so aufgebaut wird, wie es vorher war“, gibt er sich kämpferisch. Denn woanders leben wollen weder er, noch seine Mutter. Woher sie das Geld für den Wiederaufbau aber nehmen sollen, sollte die Versicherung nicht für den Schaden aufkommen, wissen sie nicht.

Der Blick über den Hof hin zur Straße ist noch immer beklemmend. Versperrt ist der Weg mit gefallenen Bäumen, Teilen des Daches und durch die Trümmer der Scheune. Kaum ein Stein ist hier auf dem anderen geblieben. „Glücklicherweise ist den Tieren nichts passiert“, sagt Fred Götze. Zwar seien die beiden Pensions-Pferde vor Angst ausgebüchst, doch sie konnten schnell wieder eingefangen werden. Und auch sein altdeutscher Schäferhund ist wohlauf, obwohl ein Baum auf seine Hundehütte gefallen ist. Das bleibt aber auch das einzig Positive.

„Wir haben keinen Strom mehr, kein Wasser, nichts“, resümiert der 50-Jährige traurig. Auch die Ferienwohnung, die seit bereits 30 Jahren vor allem im Sommer Angel-Gäste beherbergt, ist nicht mehr zu retten. „Die muss wohl komplett abgerissen und völlig neu aufgebaut werden“, schätzt er die Lage ein. Sein Chef kam dem Schweißer und Schlosser entgegen und stellte ihn vorerst vierzehn Tage vom Dienst frei. „Auch dafür bin ich sehr dankbar“, gibt der 50-Jährige zu. Denn den Kopf hätte er gerade eh nicht frei.

Mit ihm auf dem Hof arbeiten derzeit Freunde, Familie und Helfer, um die wichtigsten Wege freizuräumen und das gröbste Chaos zu beseitigen. Sogar schweres Gerät vom Bauern Griepentrog, dem Pächter des Landes, ist vor Ort. „Viele Nachbarn haben uns auch schon ihre Hilfe angeboten“, sagt Götze. Nur könne er außer Ruhe derzeit nichts wirklich gebrauchen. Dabei wirkt der Rühner auf den ersten Blick sehr gefasst. Nur wenn er von seinem Elternhaus erzählt, schießen ihm wieder die Tränen ins Gesicht. Mit Rauchen versucht er runterzukommen. „Fakt ist, wir müssen hier erstmal weg.“ Und das gefällt ihm so gar nicht. Lieber schaut er ununterbrochen auf die Trümmer seiner Existenz, als das Haus zu verlassen. Vor allem, da er befürchten muss, dass Fremde abermals von der Situation Gebrauch machen werden. „Dieser Einbruch war echt die Härte“, erinnert sich Fred Götze. Seine 83-jährige Mutter befindet sich noch immer unter Schock. „Als wäre das Unwetter nicht genug gewesen.“

Wie hoch genau der Gesamtschaden dieser sieben bis acht verheerenden Minuten Unwetter sein wird, weiß man nicht. „Mehrere Hunderttausend Euro werden es bestimmt sein“, schätzt der 50-Jährige. „Doch ich werde nicht woanders hin ziehen, ich will hier bleiben. “

Weitere Artikel über die Unwetterschäden im Land finden Sie auf unserer Dossierseite zu dem Thema: www.svz.de/tornado

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