zur Navigation springen

Versorgungsengpässe in MV : Immer weniger Fachärzte für Kinder

vom

Glaubt man aktuellen Studien, ist es um die medizinische Versorgung der Kinder in unserem Land schlecht bestellt. Fast 16 Prozent der Kinder im Alter bis zu fünf Jahren in MV nicht von einem Kinderarzt betreut werden.

svz.de von
erstellt am 24.Feb.2012 | 08:39 Uhr

Neubrandenburg/Schwerin | Glaubt man aktuellen Studien, ist es um die medizinische Versorgung der Kinder in unserem Land schlecht bestellt. So konstatierte die Barmer/GEK in ihrem aktuellen Arztreport, dass fast 16 Prozent der Kinder im Alter bis zu fünf Jahren in MV nicht von einem Kinderarzt betreut werden - doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Ein Trend, der sich fortsetzen wird, denn dem Institut für Community Medicine der Universität Greifswald zufolge drohen schon bald Engpässe in der kinder- und jugendmedizinischen Versorgung in ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns.

Aus dem Barmer-Report ableiten zu wollen, dass ein großer Teil der Kinder im Land nicht ausreichend versorgt werde, sei falsch, betont Dr. Dieter Kreye, stellvertretender Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommerns (KVMV). Denn auch wenn diese Kinder nicht von einem Kinder- oder Jugendarzt versorgt würden, so sei das Gros doch in fachärztlicher Betreuung - beim Hausarzt ihrer Eltern. In den ehemaligen Landkreisen Mecklenburg-Strelitz und Rügen, so habe die Barmer/GEK ermittelt, gehe sogar nahezu jedes zweite Kind eher zum Hausarzt als zum Kinderarzt. Und das bedeute keinen Qualitätsverlust: "Allgemeinmediziner verstehen sich ja als Familienmediziner", meint Kreye, der selbst in Neubrandenburg eine Hausarztpraxis betreibt. "Dafür sind sie auch ausgebildet - zur Weiterbildung eines Allgemeinmediziners gehört verpflichtend die Kinder- und Jugendheilkunde." Von Prof. Attila Altiner, der an der Rostocker Universität eine Stiftungsprofessur für Allgemeinmedizin innehabe, sei ihm bestätigt worden, dass es keinerlei Hinweise gebe, dass Kinder bei Allgemeinmedizinern qualitativ schlechter betreut würden, so Kreye.

In den Städten stehe das Problem ohnehin nicht - dem Kassenreport zufolge werden dort, vor allem in Rostock und Greifswald, so gut wie alle Kinder auch vom Kinderarzt betreut. Auf dem Land ist dagegen vielfach die bessere Erreichbarkeit ein Argument, das für den Hausarzt spricht, so der stellvertretende KVMV-Chef. "Bei weiteren Wegen würde mancher sicher nicht mit seinem Kind zu Vorsorgeuntersuchungen fahren - aktuell stehen wir dabei und bei den Impfzahlen im Bundesvergleich aber sehr gut da." Fakt sei, dass mit der Einwohnerzahl auch die Zahl der Kinder im Land zurückginge. "Das heißt, es wird immer mehr Bereiche geben, in denen es sich einfach nicht lohnt, eine Kinderarztpraxis zu führen", so Dr.Kreye. Noch würden im Land insgesamt 124 zugelassene und angestellte Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin praktizieren, 21 von ihnen seien aber bereits 60 Jahre oder älter, würden also in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen.

Schon jetzt gibt es, vor allem im Osten des Landes, Regionen, in denen Eltern mit ihren Kleinen 30 und mehr Kilometer zurücklegen müssten, um einen Pädiater - also einen Kinder - und Jugendarzt - zu erreichen. Dennoch sind derzeit bis auf die Altkreise Uecker-Randow und Bad Doberan alle ärztlichen Planungsregionen im Land für die Niederlassung neuer Pädiater gesperrt, so Kreye. Denn die Bedarfsplanung lege rein rechnerisch in ländlichen Regionen 26 505 Einwohner je Kinderarzt zugrunde - anderenfalls sei ein wirtschaftlicher Praxisbetrieb nicht möglich. Einige Kinderärzte auf dem Land würden bereits als "Praktische Ärzte" firmieren, weil die Zahl der kleinen Patienten einfach nicht (mehr) ausreicht und sie so auch Erwachsene behandeln dürften.

Immer häufiger - gerade auch außerhalb der Praxisöffnungszeiten - werden allerdings auch die Kinderambulanzen an den Krankenhäusern des Landes frequentiert. Für den Chefarzt der Kinderklinik am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg, Dr. Sven Armbrust, ist es auch aus diesem Grund dringend erforderlich, über neue Konzepte bei der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen nachzudenken. "Eine flächendeckende Versorgung muss auch in Zukunft gesichert sein", meint er, "vor allem auf dem Land muss es künftig aber auch Mischkonzepte geben." Im akuten Notfall könne ein Kind dort sicher vom schneller erreichbaren Hausarzt versorgt werden. Vorsorge, Gesundheits- und Ernährungsberatung gehörten aber unverändert in die Hand eines Kinder- und Jugendarztes. "Denn der Hausarzt für Kinder ist der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin" betont Armbrust und widerspricht damit dem KV-Vize. "Ein Allgemeinmediziner hat einen sechsmonatigen pädiatrischen Weiterbildungsabschnitt absolviert - der Kinderarzt hat sich fünf bis sechs Jahre in dieser Richtung spezialisiert." In Zukunft müsse es sowohl Kooperationen von Allgemein- und Kinder- als auch von niedergelassenen und Krankenhäusärzten geben, fordert Armbrust. Und dafür müssten auch angemessene Honorare gezahlt werden.

Ein Aspekt, der auch dem Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft des Landes, Wolfgang Gagzow, am Herzen liegt. Die Krankenhäuser im Land seien dort, wo es sie (noch ) gibt, zur Kooperation mit niedergelassenen Kinderärzten bereit und würden ansonsten auch noch mehr ambulante Leistungen erbringen. Aber derzeit würden sie das zu Dumpingpreisen tun, die weit unter der Vergütung der niedergelassenen Ärzte liegt. Hier sei der Gesetzgeber gefordert, so Gagzow.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen