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Jedes fünfte Kind in Deutschland ist auffällig : Immer mehr Kinder müssen zum Psychiater

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Die Zahl von Kindern und Jugendlichen in psychiatrischer Behandlung steigt. Rund 20 Prozent aller Kinder leiden unter psychischen Auffälligkeiten, ein Drittel davon ist behandlungsbedürftig

svz.de von
erstellt am 09.Jul.2013 | 11:27 Uhr

Rostock | Die Zahl von Kindern und Jugendlichen in psychiatrischer Behandlung steigt. "Rund 20 Prozent aller Kinder leiden unter psychischen Auffälligkeiten, ein Drittel davon ist psychiatrisch beziehungsweise psychotherapeutisch behandlungsbedürftig", sagte der Direktor der Rostocker Uni-Klinik für Psychiatrie im Kindes- und Jugendalter, Frank Häßler. Ein Indiz für die Steigerung sei die Zahl der in Deutschland auf diese Altersgruppe spezialisierten Psychiater. Sie sei von knapp 700 im Jahre 1994 auf 1806 im Jahre 2011 gewachsen. "Gleichzeitig hat die Zahl der unter 14-Jährigen in den letzten Jahren von 16 auf knapp 11 Millionen dramatisch abgenommen", sagte Häßler.

Mecklenburg-Vorpommern sei nicht auf die steigenden Fallzahlen vorbereitet. "Im Nordosten gibt es nicht einmal zehn Kinder- und Jugendpsychiater." Im ländlichen Raum sei die Lage katastrophal, Kinder und Eltern seien oft auf sich allein gestellt. Mit der Gründung mehrerer Tageskliniken hätten im Nordosten die größten Versorgungslücken beseitigt werden können, doch die zunehmenden Zahlen verschärften wieder die Dramatik.

Die Gründe für die hohe Zahl therapiebedürftiger Kinder seien vielfältig. Ein Hauptgrund sei die wachsende Zahl von Familien mit schwierigem sozio-ökonomischen Hintergrund und daraus resultierender Kinderarmut. "Es gibt auch durch alleinerziehende Elternteile, mehr psychisch kranke Elternteile mit und ohne Alkoholkonsum und in der Schwangerschaft Alkohol trinkende Mütter immer mehr Kinder mit teils gravierenden psychischen Problemen", betonte der Psychiater. Dazu gehörten autistisches Verhalten, Depressionen oder Schulverweigerung. Häßler kritisierte die zunehmende Neigung von Schwangeren zur Geburt per Kaiserschnitt und einer vermeintlich schmerzfreien Geburt.

Laut Hebammenverband kommt inzwischen ein Drittel der Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt. Diese nicht medizinisch begründeten Operationen würden meist ein oder zwei Wochen vor dem Geburtstermin angesetzt. "Dabei ist bekannt, dass jede Woche des Nichtaustragens das Risiko psychischer Folgen erhöht", sagte Häßler. Die Mutter-Kind-Bindung sei viel geringer, die Kinder lägen die ersten Tage öfter in Intensivstationen oder bekämen erst später Muttermilch.

Wegen des Trends zur Ein-Kind-Familie sind die Kinder nach Überzeugung Häßlers von der hohen Erwartungshaltung überfordert. "Wenn Eltern zwei oder drei Kinder haben, muss nicht jedes alle Erwartungen erfüllen." Wenn das Einzelkind in nur einem Bereich aus der Norm falle, steige die Angst der Eltern, und sie forderten sofort eine Therapie ein. Indiz dafür sei die rasante Zunahme von Medikamentenverordnungen gegen die Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS. Mittlerweile erhalte fast jedes zweite betroffene Kind Stimulanzien.

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