Immer einfach den Paradiesweg entlang

Idylle am Krakower See: Die kleine Badebucht mit klarem Wasser, einem Bootssteg, gediegenen Liegestühlen und einem kleinen Park im Rücken gehört zum Hotel-Restaurant „Ich weiß ein Haus am See“. Schroeder
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Idylle am Krakower See: Die kleine Badebucht mit klarem Wasser, einem Bootssteg, gediegenen Liegestühlen und einem kleinen Park im Rücken gehört zum Hotel-Restaurant „Ich weiß ein Haus am See“. Schroeder

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22. Juni 2012, 08:27 Uhr

Vorbeigefahren, oder? Der Krakower See bleibt hinter dem Auto zurück. Also wenden und erneut Ausschau halten nach dem Hinweisschild. Da ist es: „Ich weiß ein Haus am See, Hotel-Restaurant“. Also abbiegen. Es folgt: Wald. Und noch mehr Wald, der See liegt rechts. Paradiesweg 3, so stand es in der Anfahrtsbeschreibung.

Ein Sternerestaurant direkt am See-Ufer

Da ist es. Ein unspektakulärer Bau duckt sich ins Grün. Aber an der Eingangstür empfehlen Plaketten aller namhaften Gourmet-Führer, am Ufer des Krakower Sees genau hier einzukehren: Michelin, Gault Millau, Varta-Führer, Der Feinschmecker… Hinter dem Flachbau öffnet sich ein runder Speisesaal. Von jedem Tisch ist der See zu sehen. Noch sind die 28 Plätze leer. Wirtin Petra König bereitet gerade alles für das Abendgeschäft vor und erklärt, was es mit der klangvollen Adresse „Paradiesweg“ auf sich hat: „Das kommt daher, dass hier ein so benannter Radwanderweg verläuft.“

Das „Ich weiß ein Haus am See“ war einst das erste Restaurant in Mecklenburg-Vorpommern, dem der Feinschmecker-Führer Guide Michelin einen Stern verlieh. Es war 1996 in den neuen Bundesländern erst Michelin-Stern Nummer zwei insgesamt. „Diesen Stern halten wir seit 16 Jahren“, sagt Petra König, die das Hotel-Restaurant gemeinsam mit ihrem Mann Adelbert „Adi“ König führt. Zehn Zimmer im Haupthaus gibt es, dazu ein separates Sommerhaus direkt am Wasser.

Am gegenüberliegenden Ufer ist die Silhouette der mehr als 700 Jahre alten Stadt Krakow zu sehen. Es ist ruhig, aber nicht still. Lärm gibt es keinen, nur die Geräusche des Waldes, den Ton des windbewegten Schilfgürtels. Und ganz leise ist das Fahrgastschiff zu hören, das gerade vor der hauseigenen Badebucht vorbeituckert. Petra König schwenkt am Ufer eine Tischdecke. „Meine Kinder und mein Mann sind da drauf“, sagt sie und lacht.

Geboren aus einer spontanen Idee

Gegründet hat das „Haus am See“ 1994 Michael Laumen, Petra Königs Stiefvater. Nicht gezielt, wirklich nicht. „Eigentlich war vieles Zufall“, erzählt die heutige Chefin. Laumen, von Hause aus Ingenieur, sei 1990/91 mit einigen technischen Patenten in der Tasche eigentlich auf der Suche nach Geschäftskontakten in Mecklenburg gewesen. „Nur: Das hat überhaupt nicht geklappt. Alles andere passierte dann sozusagen aus der Frustration heraus“, sagt König.

In das Ex-Ferienheim mit seiner Lage am Krakower See hatte sich die ganze Familie ein bisschen verliebt, begeisterte Hobbyköche und Feinschmecker waren sie alle. Warum nicht ein Restaurant aufmachen? Also verfrachtete Michael Laumen die privaten Weinvorräte aus Krefeld nach Krakow, schlug sich monatelang mit der Treuhand herum und eröffnete schließlich 1994 sein „Ich weiß ein Haus am See“.

Sterneküche? Ach, daran habe man zuerst nicht gedacht, so Petra König: „Es sollte so sein, wie Vater privat kochte. Schon früher sind wir immer freitags auf den Markt gegangen und haben dann alles vorbereitet – und am Sonnabend wurde groß gekocht. Da gab es nix, was in einer halben Stunde fertig war.“

Michael Laumen wollte einfach gut kochen Zehn Jahre lang führte Michael Laumen das „Haus am See“ und stand selbst in der Küche. Dann übernahmen Petra und Adelbert König, Stieftochter und Schwiegersohn, die schon von Anfang an mitgearbeitet hatten. Am Herd trat 2005 der heutige Küchenchef Raik Zeigner in die Fußstapfen seines einstigen Ausbilders Laumen und verdiente sich seinen eigenen Michelin-Stern – als einer der damals jüngsten Köche in Deutschland.

Adi König, mittlerweile von der Bootstour auf dem See zurück, ist der Sommelier des Hauses, kümmert sich also um den Wein, und schenkt seine Empfehlungen auch glasweise zu den einzelnen Gängen des Menüs aus. Dutzende ausgetrunkene Flaschen auf den Schränken und Fensterbrettern erzählen von seiner Leidenschaft. Nicht Gäste hätten diese Bouteillen geleert, gibt Adi König zu, sondern er und seine Familie. Die Etiketten auf dem Altglas machen Weinkennern den Mund wässrig: Chateau Cheval Blanc, Petrus, Lafite-Rothschild und Mouton-Rothschild, die Chateaux Haut Brion und Lynch-Bages aus Frankreich zum Beispiel, aber auch der „Tignanello“ aus der Toskana und der „Unico“ des spanischen Weingutes Vega Sicilia… Legendäre Weine sind das, von denen russische Oligarchen oder chinesische Plankapitalisten viele fast vom Markt weggekauft haben. Adi König lächelt: „Andere hängen sich eben Geweihe an die Wand. Die Flaschen sind meine Geweihe.“

Als Hotelfachmann ist er in der gesamten Familie Laumen-König der einzige, der einen gastronomischen Beruf von der Pike auf gelernt hat. Von seinen früheren Erfahrungen zeugt das Bild an der Wand neben dem dicken Reservierungsbuch: Paul Bocuse, Gottvater der französischen Hochküche, mittlerweile 86 Jahre alt. Handsigniert ist der Druck. Das sei eine Erinnerung aus dem Zwei-Sterne-Gasthof „Schwarzer Adler“ in Oberbergen bei Freiburg, sagt König. „Dort habe ich sechs Jahre lang gearbeitet.“ Wirt Franz Keller senior (1927 bis 2007) sei mit Bocuse gut befreundet gewesen, deshalb habe der legendäre Franzose hin und wieder vorbeigeschaut. „Als Gast war Bocuse sehr angenehm“, erzählt König, „aber als Chef, naja, da soll er ziemlich diktatorische Züge haben“.

Große Küche ohne moderne Kapriolen

Es ist mittlerweile deutlich nach 12 Uhr. Drinnen deckt Petra König die Tische für den Abend ein. Gepflegt ist alles, von einer unaufdringlichen Eleganz, aber nicht steif.

Auch die Speisenkarte liest sich unaufgeregt, modernistische Kapriolen fehlen. „Steinbutt auf Belugalinsen mit Tomatensugo und Sauce Saté“ verspricht der zweite Gang des aktuellen Menüs, außerdem noch Müritz-Lamm, Spargel natürlich, Reh, Forelle… „Wir sind schon sehr klassisch“, sagt König zum Stil der Gerichte. Man müsse zwar immer Neues probieren, „über den Tellerrand hinausgucken“, vieles verändern – aber überfordern sollte man die Gäste nicht.

Apropos Müritz-Lamm: Woher kommen all die Köstlichkeiten, die Raik Zeigner verarbeitet? „Damals hatte mein Vater die Vorstellung, rund um den See einzukaufen“, erzählt Petra König. Das sei damals aber noch nicht durchzuhalten gewesen. Ganz ohne die Gourmet-Produkte aus aller Welt geht es auch heute nicht. Fisch, Lamm, Wild: „Wo wir können, kaufen wir regional“, betont Petra König. Immer nach neuen Produkten und deren Erzeugern suchen, finden, ausprobieren – das gehöre dazu.

„Die Leute wollen regional und bio“, sagt Adi König. Das sei auch gut so. Im Zweifelsfall zähle aber die Qualität. Und wenn der Spargel aus der Pfalz am Beginn der Saison besser schmecke, werde eben der eingekauft, bis die heimische Ware so weit sei.

Seit 18 Jahren ein kleines, hochklassiges Hotel und Restaurant dort am Laufen zu halten, wo niemand zufällig hinfindet, und 16 Jahre einen Michelin-Stern zu verteidigen – dafür brauche es einen langen Atem, gibt Petra König zu: „Man muss langfristig denken. Nach drei, vier Jahren Erfolg zu erwarten – das wäre viel zu kurz gedacht.“ Ohne die Lage, die Umgebung mit vielen lohnenden Ausflugszielen für aktive Gäste hätte es sicher nicht geklappt.

Ohne die Idylle des Krakower Sees schon gar nicht. „Die Stimmung an langen Sommerabenden, die ist einmalig“, sagt Petra König: „Manche Gäste bleiben auch mal für drei Wochen“.

Man kann es offenbar gut aushalten im „Ich weiß ein Haus am See“. Kein Wunder – am Paradiesweg.


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