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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 13:08 Uhr

"Im Viehwaggon auf Irrfahrt"

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erstellt am 25.Apr.2013 | 09:01 Uhr

Neubrandenburg | "Drei Jahre, drei Monate und 14 Tage dauerte die Haft nach Kriegsende", weiß Ingeburg Lehmann aus Wesenberg (Mecklenburgische Seenplatte) noch ganz genau. Die fast 90-Jährige hat viele Erinnerungen an ihre Zeit im Speziallager Nr. 9 in Fünfeichen bei Neubrandenburg, wo sie und ihr Vater mit Tausenden Mithäftlingen bis 1948 unschuldig einsaßen. Doch was machten die Angehörigen in jener Zeit der Ungewissheit? Dieser Frage widmet sich jetzt ein neues Filmprojekt der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. "Wir wollen die Erinnerungen der Angehörigen festhalten, viele sind schon sehr alt", erklärt Rita Lüdtke, Leiterin der AG Fünfeichen. Sie hat mit vielen Familien gesprochen, die bundesweit verstreut sind, und "die unglaublichsten Dinge erfahren". Ein Neubrandenburger Filmteam wird ausgewählte Frauen und Männer nun dazu befragen.

"Es wird höchste Zeit dafür, wir beginnen damit an diesem Samstag", sagt Lüdtke. An dem Tag trifft sich die Arbeitsgemeinschaft in Neubrandenburg und an der Gedenkstätte Fünfeichen zu ihrem traditionellen Jahresgedenken. Es ist bereits das siebente Filmprojekt der AG, und es soll eine Lücke in der Geschichtsschreibung schließen. Fünfeichen war eines der größten stalinistischen Internierungslager des sowjetischen Geheimdienstes NKWD auf deutschem Boden. Angehörige von NKWD-Häftlingen hatten damals oft Probleme, Arbeit zu bekommen. Manche mussten ihre Häuser räumen, wurden enteignet und mussten zusehen, wie sich Günstlinge der kommunistischen Machthaber darin einquartierten.

So rückt unter anderem das Schicksal von Ingeburg und ihrer Schwester Margot Lehmann in den Mittelpunkt des Interesses. "Am 14. und 17. Mai 1945 wurden Ingeburg und Vater verhaftet, am 9. Juni 1945 mussten wir das Haus räumen, Wesenberg wurde mit einem Bretterzaun geteilt", erzählt die 79-jährige Margot Lehmann. Da unklar war, wo Schwester und Vater geblieben waren, ging die damals Zwölfjährige zu Fuß nach Fünfeichen. "Da waren Frauen aus halb Deutschland und suchten ihre Angehörigen", sagt sie. Ihren Vater und ihre Schwester konnte sie bei Fünfeichen wenigstens sehen: "Das gab uns schon Halt."

Kurz danach wurden Frauen, deren Männer verhaftet waren, samt Kindern auf einen Transport geschickt, zusammen mit Angehörigen von enteigneten Adelsfamilien. "Wir gehörten da gar nicht hin, waren aber trotzdem mit Viehwaggons monatelang auf Irrfahrt, aber niemand wollte uns", erinnert sich Margot Lehmann. Schließlich seien viele Betroffene von Thüringen aus in den Westen gegangen, sie kehrte mit ihrer Mutter nach sieben Monaten nach Wesenberg zurück. Nach vielen Entbehrungen - ihr Haus blieb beschlagnahmt, Arbeit gab es kaum - gelang es der Familie später, wieder Fuß zu fassen.

Die beiden Lehmann-Schwestern waren nicht die Einzigen, deren Haus beschlagnahmt wurde, um später SED-Genossen zu versorgen. "Auch unsere Möbel hatte man unter sich aufgeteilt, aber unsere Standuhr hat der Polizeichef freiwillig wieder herausgegeben", erinnern sie sich. Seit 2006 bewohnen sie ihr Elternhaus auch wieder. Sie hatten es zuvor für 120 000 D-Mark von der Stadt zurückgekauft.

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